Borna Sosa nähert sich seiner Bestform. Foto: Pressefoto Baumann/Hansjürgen Britsch

Die positiven Ergebnisse des VfB Stuttgart hängen eng mit einem Spieler zusammen, der grade so richtig in Form zu kommen scheint. Und dem VfB so bald dringend benötigte Einnahmen bescheren könnte.

Soeben war die letzte seiner Flanken an diesem Nachmittag in den Strafraum gesegelt. Wie immer mit Topspin. Also so angeschnitten, dass der Ball in der Luft nach vorne rotiert und der Abnehmer es einfach hat, noch einmal richtig Druck hinter das Spielgerät zu bekommen. Waldemar Anton tat genau das, traf beim Stand von 1:1 aber auch nicht. Sosa raufte sich erst die Haare, dann trommelte er wutentbrannt mit beiden Fäusten auf den Rasen ein. „Da dachte ich, wie viele Chancen wir eigentlich noch brauchen wollen“, blickt der Außenverteidiger auf die Szene aus der 90. Minute des Spiels gegen den FC Augsburg (2:1) zurück, in dem den Stuttgartern dann doch noch das Siegtor gelingen sollte.

 

Der späte Treffer war einer der wenigen Abschlüsse am vergangenen Samstag, die nicht über Sosas Seite initiiert wurden. Für den Kroaten standen letztlich elf Flanken aus dem Spiel heraus zu Buche – der Spitzenwert am zwölften Bundesliga-Spieltag. „Es war unglaublich. Die letzten 15 Minuten waren so geil – ich habe gedacht, wir spielen in der Champions League. Die Atmosphäre war unfassbar. Wir mussten einfach dieses Tor machen“, erinnert sich Sosa.

Borna Sosas setzt immer mehr auf seinen rechten Fuß

58 Torschussbeteiligungen hat der Kroate bisher schon in dieser Saison gesammelt, entweder durch von ihm vorgetragene Angriffe oder direkte Torschussvorlagen. Auch in Sachen Flanken und Hereingaben kann sich seine Statistik sehen lassen. Nach zwölf Spieltagen sind bereits 61 Flanken bei einer Erfolgsquote von 32,8 Prozent notiert. Insgesamt 78 Hereingaben (35,8 Prozent) weist die Datenbank aktuell aus – Spitzenwerte beim VfB, aber auch in der Liga.

Auffällig dabei: Immer öfter nutzt Sosa seinen rechten Fuß dafür. So wie bei der Torvorlage auf Serhou Guirassy in der 15. Spielminute gegen Augsburg. „Ich weiß natürlich, dass viele Gegner meine Flanken mit links abblocken wollen. Deswegen muss ich etwas anderes machen“, führt Sosa grinsend aus. Die neue Unberechenbarkeit schätzt auch sein Coach. „Seine Qualitäten mit links sind ja schon lange bekannt. Jetzt fängt er auch noch an, mit rechts zu flanken – und das ziemlich gut“, erklärt Michael Wimmer, um nachzuschieben: „Er ist unberechenbar und für mich einer der besten Linksverteidiger in der Bundesliga.“

Vom Rollenspieler zum Führungsspieler

Zwei Vorlagen im DFB-Pokal gegen Arminia Bielefeld und in der Liga gegen Augsburg gab Sosa nun schon mit rechts. Das Ergebnis harter Arbeit. „Er bleibt nach Trainingsende länger draußen und arbeitet an seinem rechten Fuß. Es macht ihn variabler, schwerer zu verteidigen“, berichtet Wimmer. Der VfB-Interimstrainer lobt aber auch Sosas Rolle innerhalb des Teams. Über die Jahre hat sich der Kroate vom Rollenspieler zum Anführer in der Kabine gemausert. Sosa spricht Dinge offen und kritisch an, ist in der mannschaftsinternen Hierarchie weit oben angesiedelt. „Borna ist ein Topspieler. Er bringt sehr hohe Qualitäten ein. Er ist jemand, der vorangeht“, berichtet Wimmer, „wenn er Gas gibt, ist das ein Zeichen für alle anderen, auch Gas zu geben.“

Es scheint eine einfache Formel zu sein: Läuft es bei Sosa, läuft es beim VfB. Fünf Torvorlagen sammelte der Linksfuß in den vergangenen vier Spielen. Er zeigt seit Wochen aufsteigende Form und scheint noch nicht am Zenit dieser Entwicklung angekommen zu sein. Das ist auch insofern bemerkenswert, da Sosa weite Teile der Rückrunde der Vorsaison angeschlagen spielte und einen Großteil der Saisonvorbereitung im Sommer individuell absolvieren musste. Nun nähert er sich rechtzeitig zum Liga-Endspurt vor der anstehenden Weltmeisterschaft in Katar seiner Bestform.

Das ist auch Zlatko Dalic aufgefallen. Der Nationaltrainer Kroatiens hat Sosa in seinen vorläufigen Kader für die WM nominiert – und es müsste schon viel passieren, damit Sosa nicht mit in den Wüstenstaat reist. Als Stammspieler auf links im Nationalteam. Das wiederum wird dem VfB ein Thema auf den Tisch bringen, auf das er gerne verzichten würde – aber nicht kann.

Denn ein Sosa in dieser Form wird auf dem Transfermarkt großes Interesse wecken. Schon im Winter, direkt nach der WM. Bei den klammen Kassen in Bad Cannstatt kann es daher sehr gut sein, dass Sosa in den kommenden Tagen seine letzten drei Spiele für den VfB macht. Zu dringend ist man auf Einnahmen angewiesen, um Löcher zu stopfen. Noch in diesem Kalenderjahr. Immerhin: Der VfB hat in der Sache gute Karten. Denn Sosas Arbeitspapier bei den Weiß-Roten ist noch bis Juni 2025 datiert.