Kevin Großkreutz war bei der Pressekonferenz des VfB Stuttgart zu Tränen gerührt. Er hat sich am Freitag bei seiner Familie und seinen Fans entschuldigt und gleichzeitig bedankt. Foto: dpa

Ein Profi-Club wie der VfB Stuttgart ist keine Besserungsanstalt für schwer Erziehbare. Deshalb ist die Trennung von Kevin Großkreutz nachvollziehbar. Dennoch wirft der Fall eine wichtige Frage auf, findet StN-Redakteur Gunter Barner.

Stuttgart - Ein Proficlub ist nun mal kein Pflegeheim für Unbelehrbare. Und darüber, ob Kevin Großkreutz zum Vorbild für Kinder und Jugendliche taugt, gibt es vermutlich keine zwei Meinungen. Es war ja auch nicht das erste Mal, dass der Bursche den Knigge lieber stecken ließ. So betrachtet, ist den Bossen beim VfB Stuttgart wenig vorzuwerfen, , wenn sie sich von einem Mitarbeiter trennen, der das Ansehen eines Vereins schädigt, der sich gerade der Wiederbelebung seiner einst ruhmreichen Jugendarbeit widmet.

Lesen Sie hier das emotionale Statement von Kevin Großkreutz bei der Pressekonferenz des VfB (mit Video).

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es schon renommierte VfB-Trainer gegeben hat, die sturzbesoffen aus jener Disco getragen wurden, die Großkreutz lieber gemieden hätte. Und über nächtliche Ausflüge von VfB-Profis in einschlägige Etablissements kursieren abendfüllende Geschichten. Es gibt eben keine Kirche ohne Sünde. Deshalb liegt die Frage nah: Taugt die total vermarktete Kunstfigur des Berufskickers in Zeiten der digitalen Komplettüberwachung überhaupt noch als Vorbild am Ball? Die Antwort: Am ehesten wohl dann, wenn der Profi lebt wie ein Klosterschüler. Die Gesellschaft tendiert zur Verrohung, die Hemmschwellen sinken, Sitten drohen zu verfallen. Es gibt respektlose Spießgesellen, die sich einen Spaß daraus machen, Sportstars in ihrer Freizeit zu provozieren. Und das Handy dokumentiert jede kleine Verfehlung, die sich in Sekunden über die sozialen Medien verbreitet.

Lesen Sie hier: VfB trennt sich von Großkreutz – die Chronologie der Ereignisse

Das entschuldigt nichts, erklärt aber, dass es wenig Sinn ergibt, entrüstet auf Kevin Großkreutz zu zeigen. Er hat Mist gebaut. Dafür muss er die Verantwortung tragen. Die Fußballbranche sollte aber vor der eigenen Tür kehren, anstatt zu verurteilen. Auch sie taugt nur bedingt zum Vorbild. Sie tritt ihre ethischen Maßstäbe mit Füßen. Woche für Woche.

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