Jürgen Kramny hätte sich einen leichteren Auftaktgegner als Borussia Dortmund wünschen können Foto: Baumann

Untergegangen ist der VfB beim 1:4 in Dortmund zwar nicht, ein Bewerbungsvideo für den Cheftrainerposten war der Auftritt für Jürgen Kramny aber auch nicht gerade. Was passiert nun auf der Trainerbank der Roten?

Stuttgart - Jürgen Kramny macht einen aufgeräumten Aufdruck, als er den Schlussakkord seiner Bundesligapremiere als Trainer des VfB Stuttgart hinter sich gebracht hat: Das Auslaufen am Montagvormittag. Als er im Anschluss den Reportern Rede und Antwort steht, ist auch der letzte Anflug von Nervosität, die ihn seit seiner Vorstellung vergangene Woche begleitet, verflogen. Fast schon abgeklärt resümiert er: „Für mich war das Spiel in Dortmund nichts Besonderes.“

Das kann man so stehen lassen, Fakt ist: Auch von außen betrachtet bot der Auftritt des VfB beim 1:4 kein besonderes Moment. Weder sind die Roten beim Tabellenzweiten trotz des am Ende deutlichen Ergebnisses sang- und klanglos untergegangen, noch haben die Mannen mit dem Brustring richtig überzeugen geschweige denn Zählbares mitnehmen können. Zwischen diesen Extremen hatte Sportorstand Robin Dutt die Frage angesiedelt, ob es mit Kramny auch nach dem Dortmund-Spiel auf der Trainerbank der Profis weitergeht. Am Montag legte er sich auf der clubeigenen Internetseite fest: „Jürgen wird die Mannschaft auf das Spiel gegen Werder Bremen am Sonntag (15.30 Uhr/Sky) vorbereiten und auf der Bank sitzen.“ Damit bleibt Kramny für mindestens eine weitere Woche das, was er schon vor der Bundesliga-Premiere in Westfalen war: Ein Trainer im Wartestand.

Kein Schnellschuss mit Korkut

Dutt wollte der Partie gegen die Norddeutschen, von Angreifer Timo Werner schon als „Endspiel“ tituliert, nicht die ganz große Bedeutung beimessen. „Wir wollen das nicht kleinreden. Aber am Sonntag wird sicher nicht die Saison entschieden“, sagte er. Was bedeutet, dass der Sportchef auf Zeit spielt und Kramny womöglich auch im Fall einer weiteren Niederlage das Vertrauen schenken wird – zumindest in den verbleibenden Spielen bis zur Winterpause beim FSV Mainz und gegen den VfL Wolfsburg.

Offenbar hält man im roten Haus nichts von einem Schnellschuss. Tayfun Korkut wäre der naheliegendste. Der Ex-Trainer von Hannover 96 ist seit seiner Entlassung vor zwei Jahren ohne Job. Er könnte theoretisch schon morgen in die Kickstiefel schlüpfen und auf dem Trainingsplatz stehen. Gleiches gilt für Kandidaten wie Jos Luhukay oder Mirko Slomka. Keiner der Genannten hat aber offenbar Begeisterungsstürme in der Cannstatter Trainerfindungskommission entfachen können, was auch an Lucien Favre liegt. Der Schweizer gilt weiterhin als Wunschlösung. Ihn zu bekommen, bedarf aber einer fast aussichtslosen Überzeugungsarbeit: Favre träumt von einem schönen Schwan, wo der VfB im Moment eher daherkommt wie das hässliche Entlein.

Die Trainerfrage in Ruhe zu klären, ist angesichts der Brisanz dieser Entscheidung sicher nicht verkehrt. Andererseits hat der Auftritt des VfB am Sonntag deutlich gemacht, dass die Mannschaft dringend eine neue Ordnung und frische Impulse benötigt. Schlüsselspieler wie Daniel Didavi, Alexandru Maxim und Filip Kostic kickten auch nach der Entlassung von Alexander Zorniger wie eine schlechte Kopie ihrer selbst. Das Trio, aber auch der große Rest der Mannschaft, vermittelten in Dortmund nicht den Eindruck, als ob sie für ihren Interimstrainer ihr letztes Hemd geben würden. Genauso wenig wie sie bei der 0:4-Blamage gegen den FC Augsburg wohl bewusst gegen den Trainer Zorniger gespielt hat – aber der letzte Biss, der absolute Wille, einen Schritt mehr zu machen als der spielerisch überlegene Gegner, war in Dortmund nicht zu spüren.

Kein klares Bekenntnis von Seiten der Spieler

So schwang in den Kommentaren nach dem Spiel wieder diese gefährliche Selbstzufriedenheit mit, bei einer Spitzenmannschaft wie der Borussia mit einem blauen Auge davongekommen zu sein. Zugleich vermieden die Spieler ein klares Bekenntnis in Richtung ihres Coaches. „Wir dürfen uns jetzt nicht hinstellen und sagen, was für einen Trainer wir brauchen“, stellte Daniel Didavi klar.

Immerhin: Kramny selbst scheint mit seiner Rolle als Trainer im Wartestand keine Probleme zu haben. Der 44-Jährige denkt von Spiel zu Spiel, wie er sagt, und versucht, die Truppe bestmöglich auf das Kellerduell am Sonntag vorzubereiten. Zwar verhehlt er nicht, dass er gerne mehr wäre als nur ein Interimstrainer der Profis. Sein Herz für die zweite Mannschaft hat er aber längst nicht verloren. Über den 2:2-Ausgleich nach 0:2-Rückstand in Magdeburg habe er sich „riesig gefreut“.

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