Kevin Stöger (rechts) mit Marc Ziegler und Raphael Holzhauser (von links). Foto: Baumann

VfB-Talent Kevin Stöger hofft auf seine Chance - und muss körperlich wie verbal zulegen.

Donaueschingen - Er ist schmal und schmächtig, und große Reden sind ihm fremd: Kevin Stöger muss körperlich und verbal zulegen, wenn er sich auf der Spielmacherposition beim VfB Stuttgart durchsetzen will.

Mit seiner Freundin ­Aline geht er abends nur selten aus dem Haus. Mal zum Essen, mal ins Kino, meist aber macht es sich Kevin Stöger (18) zu Hause bequem. Der Österreicher ist ein ruhiger Zeitgenosse – erst recht in diesen Tagen. „Um halb elf schlafe ich meist schon“, sagt Stöger über die Zeit, die er mit den Profis gerade im Trainingslager in Donaueschingen verbringt. Die Einheiten sind hart, ungewohnt hart für den Mittelfeldspieler, der seit dieser Saison dem Lizenzspielerkader angehört. „Das ist schon etwas Anderes als in unserer zweiten Mannschaft“, sagt Stöger.

Zumal da Christos Papadopoulos, der Konditions- und Reha-Trainer des VfB, einen Spezialauftrag von Cheftrainer Bruno Labbadia bekommen hat: Er soll Kevin Stöger hart rannehmen. Nicht nur in Donaueschingen, sondern generell. „Kevin besitzt eine tolle Technik und ein gutes Passspiel, aber er muss robuster werden, da hat er noch Defizite“, sagt Labbadia. Bei Papadopoulos fällt so eine Vorgabe auf fruchtbaren Boden.

Schon Ende der vergangenen Saison hatte er Kevin Stöger mit speziellen Übungen für den Kraftraum versorgt. Stöger, der 1,75 Meter misst, befolgt sie: „Große Menschen sind automatisch robuster gebaut, nicht ganz so große wie ich müssen mehr arbeiten.“ Er sagt aber auch: „Ich will keine Maschine werden.“ Da dringt leichte Skepsis durch: Stöger mag keine Muskelspiele, weder körperlich noch verbal. Oder ist es nur die natürliche Zurückhaltung, die ihn kennzeichnet – nicht nur abends beim Ausgehen?

Zusammen mit Raphael Holzhauser, Antonio Rüdiger und Andre Weis hat Stöger in dieser Saison die Chance, sich bei den Profis zu etablieren. „Trainer Labbadia hat mir gesagt, ich soll im Spiel die Bälle fordern und mich generell zeigen“, sagt er. Das fällt ihm sichtlich schwer. Stöger ist keiner, der große Reden schwingt oder Ansprüche formuliert. „Ich bin jung, ich habe Zeit“, sagt er. Als Spielmacher hat er Tamas Hajnal vor sich, „aber ich sehe das nicht als Konkurrenzkampf. Ich sage nicht, ich muss Hajnal verdrängen.“ Bescheidenheit ist eine Zier, aber zu viel davon kann auch hinderlich sein. Zumal zur Rückrunde auch Daniel Didavi nach seiner Verletzung angreifen will, der auch hinter den Spitzen spielt – wie auch Neuzugang Tunay Torun.

Womöglich ist Kevin Stöger auch nur aus Schaden klug geworden. Vergangene Saison war er einer von sieben Talenten, die der VfB mit einem Profivertrag ausgestattet hatte. Stöger trainierte häufig mit den Profis, spielte aber in der zweiten Mannschaft in der dritten Liga. Das heißt, eigentlich spielte er viel zu selten. Was nicht seine Schuld war.

„Wenn ich die Schule weitergemacht hätte, wäre ich nicht mit ins Trainingslager nach Spanien und damit auch nicht zur WM gekommen“

Erst musste er für sich die Frage entscheiden: Schule oder Fußball? Stöger hatte die U-20-WM in Kolumbien und seine Perspektive beim VfB vor Augen und setzte auf Letzteres. „Wenn ich die Schule weitergemacht hätte, wäre ich nicht mit ins Trainingslager nach Spanien und damit auch nicht zur WM gekommen“, sagt er. Dann schied er mit dem österreichischen Nachwuchs sang- und klanglos in der Gruppenphase aus. Zurück beim VfB, zog er sich im Oktober eine Verletzung am linken Mittelfuß zu und fiel drei Monate aus.

Im Februar stand er wieder auf dem Platz, aber nur in drei Spielen. Nach einer Niederlagenserie stand das junge Team des VfB II gefährlich nahe an der Abstiegszone. Trainer Jürgen Kramny setzte eher auf Spieler, die körperlich robuster waren als Stöger. An seinen spielerischen Qualitäten gab es nie Zweifel. „Kevin ist ein begnadeter Fußballer, er kann mit dem Ball einfach sehr gut umgehen“, sagt Kramny, „körperlich muss er zulegen, und seine Aktionen müssen klarer werden. Er muss die Ballverluste minimieren, seine Pässe müssen noch sauberer werden. Aber er hat auf jeden Fall das Potenzial, um in der Bundesliga Fuß zu fassen.“

Dafür schuftet Kevin Stöger jetzt in Donaueschingen – und darüber hinaus. Er macht kein Geheimnis daraus, dass Cesc Fabregas, Andres Iniesta und Xavi vom FC Barcelona seine Vorbilder sind. Auf Video schaut er sich „so viele Spiele wie möglich“ von ihnen an – seine persönliche Fußball-Schule. Der Gedanke daran scheint ihn plötzlich zu beflügeln, lässt ihn mutig werden. „Ich will diese Saison bei den Profis nicht nur trainieren, ich will jede kleine Chance nutzen“, sagt er. Das klingt dann doch noch nach einer Kampfansage – zumindest für Stögers Verhältnisse.

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