Blick nach vorn: Jos Luhukay soll den VfB in eine bessere Zukunft führen Foto: dpa

Der Nachfolger von Jürgen Kramny ist gefunden: Jos Luhukay soll den VfB Stuttgart in die Spur bringen – und damit zurück in die Fußball-Bundesliga. Erfahrung damit hat er ja genug.

Stuttgart - In Berlin feixen die Kollegen noch heute, wenn sie sich die Geschichte erzählen, die ihnen aus der Trainer-Ära Jos Luhukay bei Hertha BSC am nachhaltigsten hängengeblieben ist. Kurz nach seinem Amtsantritt in der zweiten Liga legte die neue Mannschaft des Niederländers ein ­derart miserables Spiel beim FSV Frankfurt hin, dass der Verein das Eintrittsgeld hinterher am liebsten als Schmerzensgeld an die Fans zurückgezahlt hätte. Luhukay war außer sich, redete sich in Rage, und als sein Wortschwall abebbte, hatte er die Mannschaft an die Wand genagelt. „Namen zählen für mich nicht“, tobte er und hieß seine Spieler so ziemlich alles. Dies zeigte Wirkung. Das folgende Spiel gewann die Hertha, und Luhukay hatte seinen Ruf weg als einer, der nichts und niemanden fürchtet.

Fortan hieß er der „kleine General“.

Fördern und fordern

Demnächst tritt er seinen Dienst beim VfBan, und wenn sich mancher Fan nach dem Abstieg nichts sehnlicher wünscht als einen Trainer-Zampano, der seine Zöglinge ordentlich in den Hintern tritt, ist Luhukay (52) genau der Richtige. Wenn da nicht die andere Seite des Mannes mit dem sauber gestutzten Oberlippenbärtchen wäre. Denn zuweilen übertreibt er es maßlos, wenn er sein Motto „Fördern und fordern“ auf seine Spieler überträgt. Dann fordert er nur noch und macht unmenschlichen Druck – so hat er über kurz oder lang in Berlin die ganze Mannschaft verloren. Am 5. Februar 2015 wurde Luhukay bei Hertha BSC entlassen, seither ist er ohne Job.

Diesen Zustand hebt der VfB jetzt auf, weil er sich nach dem sportlichen Totalschaden an eine dritte Seite Luhukays erinnert. Nach vier Bundesliga-Aufstiegen als Co-Trainer mit dem 1. FC Köln (2003) und als Cheftrainer mit Borussia Mönchengladbach (2008), dem FC Augsburg (2011) und Hertha BSC (2013) gilt er als ausgewiesener Spezialist für die schweren Fälle – gefallene Clubs mit viel Tradition und zu wenig Qualität für die großen Auftritte. Und dabei lebt er in ­seiner eigenen Welt.

Von seinem Vater geerbt

Pünktlichkeit, Disziplin, Hingabe für den Beruf – all das, was so typisch deutsch klingt, hat Luhukay von seinem Vater geerbt, der sich als Einwanderer von den Molukken (Indonesien) seinen Platz in der Gesellschaft erkämpfen musste. Fotos zeigen ihn auf dem Trainingsplatz, mit Stangen, Pappmännern und Hütchen unterm Arm. Luhukay delegiert nicht, er lehnt auch nicht als stummer Beobachter mit verschränkten Armen an der Bande wie manch anderer Kollege, sondern gestaltet die Einheiten aktiv mit. Vorher zeichnet er sich eine Skizze, einen Zettel ­voller Pfeile, Stichpunkte und Namenskürzel. Wenn er unvorbereitet sei, hat er einmal gesagt, dann sei es auch die Mannschaft. ­Beides könnte er sich nicht verzeihen.

Wenn ihm im Spiel seiner Mannschaft etwas nicht passt, lässt er bis zur Ermüdung Passfolgen, Kombinationsspiel und das Spiel gegen den Ball trainieren. Sein Spiel basiert auf einer defensiven Ordnung mit schnellem Umschaltspiel und zielstrebigen Angriffen, je nachdem, welche Spielertypen er um sich hat. Er hält selten mit seinen Ansichten hinterm Berg, bevorzugt klare Ansagen: „Eigentlich bin ich sehr bedacht und ruhig, aber wenn es um die Sache geht, kann ich auch sehr klar und konsequent sein.“

Ganze Energie für den Fußball

Und die Sache, also der Fußball, ist alles, was ihn interessiert. Als er Hertha-Trainer war, blieb seine Frau Ingrid, mit der über 30 Jahre verheiratet ist, in seiner niederländischen Geburtsstadt Venlo – in Berlin hätte sie ihn nur abgelenkt. Er selbst wohnte ein Jahr lang in einem Hotelapartment beim Olympiastadion. „Ich muss nicht so viel haben, um mich wohl zu fühlen“, sagt er, „meine ganze Energie geht ohnehin für den Fußball drauf.“ Demnächst auch in Stuttgart.

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