Maximilian Mittelstädt sucht nach Worten, Sebastian Hoeneß muss ein TV-Interview vorzeitig beenden: Auf und neben dem Rasen spielen sich am Samstag in Berlin besondere Szenen ab.
Um 22.21 Uhr ging das Objekt der Begierde endgültig an den VfB Stuttgart über: Kapitän Atakan Karazor betrat die Bühne, nahm den gut sechs Kilogramm schweren DFB-Pokal aus den Händen von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier entgegen – und reckte ihn jubelstrahlend in den Berliner Nachthimmel. Was folgte, war eine riesige Stuttgarter Party auf dem Rasen und in der Kurve, wo die Fans den vierten Pokalsieg der Vereinsgeschichte nach dem 4:2 gegen Arminia Bielefeld lautstark besangen.
„Es fühlt sich großartig an, es war eine Riesen-Anspannung heute“, freute sich der Stuttgarter Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle über den ersten großen Titel für den VfB seit dem Gewinn der Meisterschaft im Jahr 2007, den auch in der Heimat Zehntausende beim Public Viewing auf dem Schlossplatz gefeiert hatten. „Ich freue mich einfach für die Mannschaft, die Fans, für ganz Stuttgart“, so Wehrle.
Nick Woltemade, Enzo Millot und Deniz Undav treffen früh
Dabei musste der VfB in der Anfangsphase vor 74 036 Zuschauern im ausverkauften Olympiastadion zunächst einen Schreckmoment überstehen: Nach einem schnell vorgetragenen Angriff über die linke Seite war die Arminia in der 12. Minute der Führung ganz nah, als Sarenren Bazee im Zentrum völlig frei zum Abschluss kam – aber nur die Latte traf.
Danach bewiesen die Stuttgarter deutlich mehr Effizienz und stellten mit dem frühesten 3:0 in der Geschichte des DFB-Pokals die Weichen schon im ersten Durchgang auf Sieg. Mit Toren, die jeweils nach einem ähnlichen Muster fielen: Dreimal ging es nach einem Ballgewinn schnell in die Tiefe, dreimal behielten die Offensivspieler vor dem Tor die Nerven und Übersicht.
Angelo Stiller – der gewohnte Dreh- und Angelpunkt im VfB-Spiel
Erst schloss Nick Woltemade kaltschnäuzig in die rechte Ecke ab (15.), wenig später schob Enzo Millot nach Vorlage von Deniz Undav ins leere Tor ein (22.), schließlich traf Undav selbst in die lange Ecke (28.). Die Tore Nummer eins und drei legte dabei jeweils Mittelfeldspieler Angelo Stiller vor, der es mit einer Punktlandung nach seiner Bänderverletzung gerade noch rechtzeitig in die Stuttgarter Startelf geschafft hatte und der gewohnte Dreh- und Angelpunkt im Spiel des VfB war.
Nach der Pause baute Millot mit seinem zweiten Treffer des Tages die Führung auf 4:0 aus, wobei der VfB dabei nicht zum ersten Mal an diesem Abend einen Bielefelder Ballverlust ausnutzte (66.). Als alles auf einen ungefährdeten Sieg hindeutete, kam in der Schlussphase doch nochmals Spannung auf durch zwei Tore der nie aufsteckenden Bielefelder: Zunächst traf der gerade erst eingewechselte Julian Kania (82.), dann köpfte VfB-Verteidiger Josha Vagnoman beim Versuch einer Rückgabe ins eigene Tor (85.). Es waren die ersten beiden Tore für einen Drittligisten in einem DFB-Pokal-Finale. Die Arminia warf in der Folge nochmals alles nach vorne, der VfB musste gegen den Außenseiter noch den einen oder anderen bangen Moment überstehen – konnte am Ende aber jubeln.
„Wir können am Anfang froh sein, dass wir nicht hinten liegen. Dann haben wir es überragend gespielt, hinten raus wird es nochmals eng“, sagte Trainer Sebastian Hoeneß zum turbulenten Spielverlauf und ergänzte: „Ich bin überglücklich und sehr stolz auf die Jungs.“ Zu weiteren Aussagen am TV-Mikrofon kam es vorerst nicht, die Fans riefen den Coach in die Kurve, wo der Jubel kaum noch Grenzen kannte.
Das galt insbesondere für den gebürtigen Berliner und langjährigen Hertha-Profi Maximilian Mittelstädt, der sich mit dem Sieg in der Heimat einen Traum erfüllte. „Es ist unfassbar, ein unbeschreibliches Gefühl. Ich kann es noch gar nicht realisieren. Wir haben uns unseren Traum erfüllt, jetzt brechen alle Dämme“, sagte Mittelstädt, der zugleich den Gegner lobte: „Bielefeld hat es uns sehr schwer gemacht und nie aufgegeben, es war ein würdiges Finale.“
Durch den Pokalsieg tritt der VfB in der kommenden Saison in der Europa League an – und hat zuvor im August gleich die Chance auf den nächsten Titel, wenn es gegen Meister FC Bayern um den Supercup geht.