Unterschrieb für drei Jahre in Stuttgart: Emiliano Insua Foto: Baumann

Mit Philip Heise und Emiliano Insua hat der VfB Stuttgart die Position hinten links in der Viererkette gleich doppelt neu besetzt. Aus gutem Grund: Dort krankte es zuletzt besonders.

St. Gallen - Ein Argentinier aus Madrid – was kann dem schon ein Trainingslager in der Schweiz anhaben! Doch bei annähernd 35 Grad muss auch der härteste Gaucho ganz schön pumpen. Und dann auch noch unter einem Trainer Alexander Zorniger, der die Hitze schicksalergeben hinnimmt und seine Jungs über den Platz scheucht, als gelte es, sie für den Ironman auf Hawaii fit zu machen. Trainingslager ist Trainingslager – um diese Erfahrung kommt auch Emiliano Insua nicht umhin.

„An meiner Fitness muss ich noch ein wenig arbeiten“, sagt der argentinische Neuzugang und lächelt im Schatten der Mittagspause die Qualen des Vormittags weg. Kein grundsätzliches Problem, der 26-Jährige befindet sich nur zeitlich im Rückstand. Erst vorige Woche ist er zur Mannschaft gestoßen. Rein optisch kann der Linksverteidiger schon jetzt seine Gegenspieler das Fürchten lehren: kräftig, drahtig, durchtrainiert. Willkommen in der Bundesliga, Emiliano Insua!

Auf den Neuzugang von Atletico Madrid sind sie mächtig stolz beim VfB. Nicht nur, weil sie den Linksfuß ablösefrei an den Neckar lotsen und dabei von einem Sonderkündigungsrecht in Insuas Vertrag Gebrauch machen konnten. Boca Juniors, Liverpool, Galatasaray Istanbul, Sporting Lissabon, Atletico – die klangvollen Vereinsnamen in der üppigen Vita des 26-Jährigen versprechen, die langjährige Schwachstelle im Spiel des VfB zu beheben. Seit Ludovic Magnin mit den Roten 2007 deutscher Meister wurde, konnte kein Linksverteidiger mehr im Trikot mit dem Brustring dauerhaft überzeugen – weder Arthur Boka noch Christian Molinaro. Die Dauerbaustelle hinten links: Übrigens kein Problem des VfB allein. Auch andere deutsche Clubs und sogar die Nationalmannschaft tun sich bei der Suche nach dem zweikampfstarken, schnellen Linksfuß mit der Fähigkeit zur Maßflanke schwer.

In der vergangenen Saison versuchten sich Gotoku Sakai und Adam Hlousek hinten links – mit bescheidenem Erfolg. Hlouseks Leistungen brachten ihm am Ende bei den Fans nur noch Häme ein. „Er muss sich jetzt erst mal hinter Emiliano und Philip anstellen“, sagt Trainer Alexander Zorniger. Mit Philip ist der zweite Neuzugang auf der Linksverteidigerposition gemeint: Philip Heise vom 1. FC Heidenheim. Der 24-Jährige bewies zuletzt im Test gegen den VfR Aalen (1:0), dass er eine Alternative zu Insua sein kann. Vor allem sein dynamisches Spiel nach vorn zeigt ihm eine Perspektive in der Bundesliga auf – wenn auch noch nicht sofort. Insua dürfte für den Pflichtspielauftakt im Pokal bei Holstein Kiel (8. August) und eine Woche später in der Liga gegen den 1. FC Köln gesetzt sein.

Die neue Rangfolge lautet Insua-Heise-Hlousek

Mit seinem aggressiven, temporeichen Spiel von hinten heraus passt er gut zum Pressing-Fußball, wie ihn Alexander Zorniger sehen will. Umstellungsprobleme erwartet der Neue keine. „Bei Rayo Vallecano – dorthin war Insua von Atletico aus ausgeliehen – haben wir in der vergangenen Saison ähnlich gespielt“, erzählt der 1,80 Meter große Abwehrspieler, der künftig die Nummer 2 tragen wird.

Warum es für ihn beim Topclub aus der spanischen Hauptstadt nicht mehr weiterging? Ein Grund liegt in der Gehaltsobergrenze, die den Clubs der Primera División auferlegt ist. Atletico zum Beispiel darf pro Saison nicht mehr als 100 Millionen Euro an Spielergehältern bezahlen. Da Insua unter Coach Diego Simeone keine Zukunft mehr sah, war der Weg nach Deutschland schnell frei, trotz Angeboten aus seiner Heimat (Riverplate Buenos Aires) und aus Portugal (Sporting Lissabon).

„Als früherer Boca-Spieler war River­plate für mich keine Wahl“, sagt Insua mit einem Augenzwinkern. Und im Vergleich mit Portugal stand die Bundesliga höher im Kurs. Der ehemalige Bayern-Profi Martin Demichelis schwärmte dem dritten Argentinier beim VfB (nach José Basualdo 1989–1991 und Emanuel Centurion 2003–2005) von den tollen Stadien und Lebensbedingungen in Alemania vor. So musste der junge Familienvater (Sohn Noah, drei Jahre) nicht lange überlegen.

Nun hat der Europareisende bald alle Topligen durch. Was die Frage offenlässt, weshalb es ihn nie wirklich lange bei einem Verein hielt. Aus England heißt es, der technisch versierte Defensivmann habe sein ­Talent nie konstant abrufen können, wobei mangelnder Einsatz nicht das Problem war. Der frühe Sprung nach Europa habe ihm nicht gutgetan, wichtige Entwicklungsjahre in seiner Heimat fehlten ihm.

Vielleicht sind die Bundesliga und der VfB Stuttgart die letzte Chance für den vierfachen A-Nationalspieler, den Durchbruch in Europa zu schaffen – und bei seinem Club die Dauerbaustelle hinten links zu schließen.

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