Zehn Punkte galten lange als sichere Bank fürs Weiterkommen in der Königsklasse. Warum das nicht mehr der Fall ist, welche Rolle das Torverhältnis spielt und wie die VfB-Verantwortlichen die Lage einschätzen.
Es war nur eine Randnotiz, wenngleich eine erfreuliche aus Sicht des VfB Stuttgart. Nach langen 15 Jahren gab es mal wieder einen Heimsieg in der Champions League zu feiern, was dem ungefährdeten 5:1-Sieg gegen die Young Boys Bern schon nochmals eine spezielle Note verlieh. „Es war etwas ganz Besonderes“, sagte Sportvorstand Fabian Wohlgemuth, „die Fans und die Mannschaft haben es genossen.“ Das galt insbesondere im zweiten Durchgang: Nach schwierigem Start und frühem Rückstand fing sich der VfB, glich durch Angelo Stiller aus – und nahm den derzeitigen Tabellenneunten der Schweizer Liga nach dem Seitenwechsel förmlich auseinander. Enzo Millot, Chris Führich, Josha Vagnoman und Yannik Keitel sorgten mit ihren sehenswerten Treffern zwischen der 53. und 75. Minute für eine Fußballparty.
Inmitten des Jubels ging der Blick aber auch schnell nach vorne. Denn bei aller Emotionalität war der Sieg in erster Linie eine Sache der puren sportlichen Notwendigkeit. Das absolute Pflichtprogramm, um noch ein Wort mitzureden im Kampf ums Weiterkommen. Das Wichtigste an diesem Abend sei gewesen, betonte auch Wohlgemuth, „dass wir uns die Chance erhalten haben, in die Play-offs einzuziehen“. Platz 24 ist dafür im neuen Modus mit 36 Teilnehmern nötig. Auf Platz 26 hat der VfB mit seinen nun sieben Zählern einen Punkt Rückstand, was sich bei zwei noch ausstehenden Spieltagen zweifelsohne aufholen lässt. Und dennoch ist die Lage anspruchsvoll.
Ein Sieg beim punktlosen Vorletzten Bratislava ist fast schon Pflicht
Gleich drei Teams am Tabellenende haben noch überhaupt keinen Zähler gesammelt – was zwangsläufig dazu führt, dass die Mannschaften in höheren Gefilden ein pralleres Punktekonto aufweisen. Und so ist die Hochrechnung von Saisonbeginn längst nicht mehr sicher, wonach zehn Punkte mit größter Wahrscheinlichkeit für Platz 24 reichen werden. Dafür braucht es mittlerweile keine Computersimulationen mehr, es genügt der Blick auf die Tabelle und das Restprogramm.
Denn: Die ersten 19 Mannschaften der Tabelle haben schon jetzt zehn oder mehr Punkte auf dem Konto. Und jene auf den Plätzen 20 bis 24 stehen dicht davor – jeweils ein weiterer Sieg reicht ihnen. Da es sich bei diesen fünf Teams um teils sehr große Namen mit einem machbaren Restprogramm handelt, wäre das alles andere als eine Überraschung: Real Madrid empfängt zum Beispiel noch RB Salzburg, Manchester City den FC Brügge.
Auch Celtic Glasgow (in der heimischen Arena gegen die Young Boys Bern) und der PSV Eindhoven (auswärts bei Roter Stern Belgrad) sind an den verbleibenden Spieltagen ohne viel Fantasie noch Siege zuzutrauen. Einzig Dinamo Zagreb hat aus diesem Quintett knapp über dem Play-off-Strich ein richtig happiges Programm – zumindest auf dem Papier mit Spielen beim FC Arsenal und gegen den AC Mailand. Es zeichnet sich also jetzt schon ab, dass zehn Punkte nicht ausreichen könnten fürs Weiterkommen. Oder dass es auf die Tordifferenz ankommt.
Was das für den VfB mit seinen derzeit sieben Zählern heißt? Ein Sieg im Auswärtsspiel am 21. Januar beim punktlosen Vorletzten Slovan Bratislava ist fast schon Pflicht, um dann acht Tage später die Aussicht auf ein Finale im eigenen Stadion gegen Paris Saint-Germain zu haben. Die besondere Brisanz dieser Partie: Das französische Topteam hat wie der VfB sieben Punkte, erfüllt die Erwartungen auf europäischer Bühne bislang nicht und ist etwas überraschend ein direkter Konkurrent ums Weiterkommen. „Von ihnen haben wir natürlich geglaubt, dass sie sich zu diesem Zeitpunkt schon in höheren Tabellenregionen befinden und sich möglicherweise schon qualifiziert haben für die nächste Runde“, sagt auch Wohlgemuth. Nun arbeite man eben auf ein mögliches Endspiel im heimischen Stadion gegen die Franzosen hin.
Am letzten Spieltag finden alle 18 Spiele gleichzeitig statt
Beim VfB können sie mit diesem Stand der Dinge gut leben, die Ausgangslage hat sich schließlich durch den Sieg gegen Bern verbessert. „Es war das Ziel, dass wir Weihnachten feiern können und noch davon träumen können, weitere Champions-League-Spiele zu spielen“, sagt Trainer Sebastian Hoeneß. Diese wären auch finanziell äußerst lukrativ. Eine Million Euro schüttet der europäische Fußballverband Uefa für das Erreichen der Play-offs aus, die im Februar in Hin- und Rückspiel ausgetragen werden. Durch das dann zusätzliche – aller Voraussicht nach ausverkaufte – Heimspiel könnten die Stuttgarter nochmals mit Einnahmen in einem mittleren einstelligen Millionenbereich rechnen.
Lukrative Aussichten also in einer allerdings kniffligen Konstellation – in der alles darauf hinausläuft, dass die Entscheidung am letzten Spieltag fallen wird. Der wird übrigens zu einem echten Showdown, wenn alle 18 Spiele gleichzeitig stattfinden. Auch jenes des VfB gegen Paris in der heimischen Arena. Wie man dort ein Champions-League-Spiel gewinnt? Dieses Gefühl zumindest ist seit der Bern-Partie ein sehr präsentes. Und keine 15 Jahre alte, ferne Erinnerung mehr.