Die Stuttgarter bieten in Turin ein beeindruckendes Spiel, doch als Maßstab dient der Sieg bei Juventus nur bedingt. Denn Trainer und Team müssen sich nüchtern der nächsten Herausforderung stellen.
Die großen Gefühle sind erst mal außen vor gewesen. Nicht weil sie Sebastian Hoeneß nicht spürte, sondern weil es das Protokoll eines Champions-League-Abends mit sich bringt. Kabinenschlusswort, TV-Auftritte, Reporterfragen. Dem Trainer einer Mannschaft bleibt kaum Zeit, den Moment zu genießen oder sacken zu lassen, was sich zuvor auf dem Feld abgespielt hat. Und beim VfB Stuttgart war dies eine ganze Menge. Mit dem typischsten aller Italien-Ergebnisse gewann der Bundesligist bei Juventus Turin – 1:0. Doch auf eine Art, die beeindruckte. Selten war ein knapper Sieg einerseits so klar und anderseits dramaturgisch so perfekt inszeniert. Als hätte nicht ein Fußballlehrer seine Hände und Gedanken im Spiel, sondern ein Filmregisseur.
Völlig euphorisiert sei er gewesen, sagt Hoeneß. Anzumerken war es ihm nicht, nach all dem Adrenalin, das ihm durch den Körper geschossen sein musste, als El Bilal Touré in der Nachspielzeit das entscheidende Tor erzielte und den VfB-Kosmos emotional explodieren ließ. Auf dem Platz, auf den Stadionrängen und sicher auch überall dort, wo weiß-rote Fans die mitreißende Begegnung mit der Alten Dame verfolgten.
Die Lehren aus München
„Das war eine super Reaktion nach der Niederlage in München“, sagt Hoeneß. 0:4 hatte seine Elf beim FC Bayern verloren, und erste Zweifel waren aufgetaucht, nachdem die Stuttgarter vier Spiele ohne Sieg geblieben waren. Und noch immer stellt sich ja die Frage, welchen Status die Stuttgarter in der laufenden Spielzeit einnehmen. Sind sie nach der Vizemeisterschaft ein Spitzenteam? Sind sie nach einer überragenden Vorsaison eine Art fußballerisches One-Hit-Wonder? Oder erfasst sie lediglich die Normalität des Geschäfts nach einem Sensationsjahr? Wie den FC Girona in Spanien, den FC Bologna in Italien und Stade Brest in Frankreich. Alles vergleichbare Fälle.
Die Antwortet lautet: Der VfB weiß es selbst noch nicht. Sowohl der Chefcoach als auch der Sportvorstand sind seit vergangenen Juli bemüht, die Erwartungen zu kontrollieren wie das Spiel in Hoeneß’scher Diktion. Der Ball soll im wahrsten Wortsinn flach gehalten werden. „Wir haben schon öfter darüber gesprochen, wie schwierig es ist, sich alle paar Tage neu auszurichten und in den Leistungen konstant zu werden“, sagt Wohlgemuth und hat die dazugekommenen Einflussfaktoren im Sinn: internationale Vereinspartien und Länderspiele. Aus den zwei nationalen Wettbewerben Bundesliga und DFB-Pokal ist für die meisten VfB-Profis eine Vierfachbelastung geworden.
Der VfB muss sich ständig frisch fokussieren. Hoeneß spricht deshalb lieber über Entwicklungen als über reine Ergebnisse. Der Lernprozess kommt zuerst, und die Resultate stellen sich ein, wenn Fortschritte erzielt werden. So lautet seine Überzeugung. Wobei Erfolge natürlich helfen, eine Mannschaft wachsen zu lassen. Und der Sieg von Turin stellt ein Statement dar. „Der Abend wird in Erinnerung bleiben und das Spiel seinen Einzug in die VfB-Geschichtsbücher finden“, glaubt Wohlgemuth. Weniger, weil es seit Dezember 2009 der erste Sieg in der Königsklasse war (3:1 gegen den FC Unirea Urziceni), sondern vielmehr, weil der Triumph gegen Juve Erinnerungen an einen anderen Champions-League-Höhepunkt weckt: 1. Oktober 2003, 2:1 gegen Manchester United.
Das Champions-League-Spiel schlechthin in der VfB-Historie. Das gewonnene Heimduell mit den damaligen Weltstars um den jungen Cristiano Ronaldo hat sich im schwäbischen Fußballgedächtnis festgesetzt, und nun kommt Juve wohl gleich dahinter. Eine Elf, die von den Namen her zwar nicht mehr derart exquisit besetzt ist wie früher, die aber bis dato ungeschlagen war und die noch immer eine große Aura umgibt. „Wir waren klar die bessere Mannschaft und haben sogar noch einen Elfmeter verschossen“, sagt der Stürmer Deniz Undav, dessen Treffer wegen Handspiels aberkannt wurde.
Auf was es jetzt ankommt
Viele Widerstände gab es also zu überwinden, vor allem den Fehlschuss von Enzo Millot vom Strafpunkt aus (86.). Da schien sie dahinzugehen, die Hoffnung auf eine Überraschung im Allianz-Stadion. Bis Touré sein technisch hochwertiger Volltreffer gelang. Dennoch mag Hoeneß das Ganze nicht zu hoch hängen. Der Sieg soll lediglich helfen, die nächsten Spiele gut zu bestreiten. Mit alter Stärke und neuem Selbstvertrauen. Als Maßstab dient der Erfolg dem Coach nur bedingt. Denn der VfB hat zwar demonstriert, welches Potenzial in ihm steckt, aber drei Punkte beim italienischen Rekordmeister können kaum die Messlatte sein für eine Mannschaft, die im Mai 2023 noch in den Abgrund zur zweiten Liga blickte.
Jetzt sind die Perspektiven rosig, sofern den Stuttgartern der Sprung vom Feiertags- zum Alltagsfußball gelingt. Holstein Kiel heißt die nächste Pflichtaufgabe. „Für mich war das von Anfang an das wichtigste Spiel in dieser Woche“, sagt Hoeneß. Bayern und Juve zum Trotz. Am Samstag (15.30 Uhr) wird es zu Hause darauf ankommen, gegen den sieglosen Aufsteiger das richtige Maß zu finden zwischen Attacke und Belastungssteuerung, zwischen einem gewieften Matchplan und der passenden Personalauswahl. Das ist die nüchterne Herausforderung, der sich Hoeneß zu stellen hat, jenseits der überwältigenden Gefühle auf der großen Bühne.