Nach der Parade von Freiburgs Torhüter Florian Müller stellt sich die Frage: Hat die verzögerte Elfmeter-Praxis von VfB-Schütze Nicolas Gonzalez ausgespielt? Denn innerhalb der Bundesliga gibt es Parallelen.
Stuttgart - Irgendwann musste es ja einmal passieren, musste die Serie reißen. Das sagt die Statistik, das sagt der gesunde Menschenverstand. Also: Irgendwann musste Nicolas Gonzalez dran sein mit einem Fehlschuss. Am Samstag bei der 1:2-Niederlage in Freiburg war es so weit. Elfer verschossen, Spiel verloren – und damit auch den Nimbus der Unfehlbarkeit des Stuttgarter Elfmeterkönigs?
Achtmal in Folge hatte der Argentinier zuvor für den VfB Stuttgart verwandelt. Mit schlafwandlerischer Sicherheit, nach dem immer selben Prinzip. Anlauf verzögern, Torwart ausgucken – und rein das Ding. Als im Freiburger Schwarzwaldstadion die 44. Minute angebrochen war, Schiedsrichter Tobias Stieler nach einem Foul an Silas Wamangituka auf den Punkt zeigte, schnappte sich Gonzalez sogleich den Ball. Um sich dann aber voll zu verkalkulieren. Beim Anlauf machte er nicht nur die üblichen Stockschritte. Gonzalez zog zusätzlich – warum auch immer – den Außenrist des rechten Standbeins über den Rasen. Den Blick dabei nur auf den Torhüter und nicht auf den Ball gerichtet. Doch Gonzalez bekam null Druck auf den Ball, heraus kam ein kümmerliches Schüsschen. Flach, schwach, kaum platziert. Torhüter Florian Müller, der sich zum besten Freiburger aufschwingen sollte, hatte wenig Mühe, den Ball festzuhalten.
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Weil der 23-Jährige beim Elfmeter alles richtig machte, indem er Gonzalez austrickste. Müller täuschte kurz an, nach rechts zu springen – und tauchte schließlich in die linke Ecke ab. „Ich habe mir vorher genauer angeschaut, wie er’s macht, und habe mir auch angeschaut, wie sich die Torhüter verhalten haben“, erläuterte Müller seinen Trick. „Ich habe dann meinen Plan gemacht, und er ist aufgegangen.“
Gonzalez raufte sich die Haare, Trainer Pellegrino Matarazzo nahm den Stürmer aber in Schutz. „Ich würde nicht sagen, dass er zu lässig geschossen hat. Bisher hat er mit seiner Art zu schießen ja auch immer Erfolg gehabt.“ Eine Art zu schießen, wie er sie von klein auf gelernt habe, wie Gonzalez kürzlich im Interview mit unserer Redaktion verriet.
„Ich trainiere das immer weiter – mit den Torhütern und den Mitspielern. Manchmal wetten wir dabei oder lassen uns andere Spielchen einfallen, um den Reiz zu erhöhen“, berichtete der Angreifer. Nach der Diskussion über die Zulässigkeit des verzögerten Anlaufs (Ja, er ist regelkonform, solange der Schütze nur kurz abstoppt, aber nicht unterbricht) stellt sich nun die Frage, ob Gonzalez’ Elfmeterpraxis von Müller dechiffriert wurde. In der Bundesliga finden sich dazu einige Parallelen. Herthas Matheus Cunha scheiterte am Wochenende an Bremens Jiri Pavlenka auf ganz ähnliche Art und Weise, genauso wie am Spieltag zuvor Krzysztof Piatek gegen Hoffenheims Oliver Baumann.
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Sie alle scheiterten dabei, die von Robert Lewandowski zur Kunstform erhobene Anlaufverzögerung erfolgreich nachzuahmen. Woraufhin die „Bild“-Zeitung Gonzalez und Co. bereits als „Möchtegern-Lewandowskis“ verspottete. Pavlenkas Erklärung für den gehaltenen Strafstoß klingt nahezu identisch wie jene von Florian Müller. „Wir wussten, dass Cunha beim Anlauf immer guckt, was der Torwart macht. Ich wollte lange in der Mitte stehen bleiben, dann eine Bewegung nach rechts machen, um nach links zu springen“, verriet der Schlussmann gegenüber dem Werder-Portal „Deichstube“. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Quote gehaltener Elfmeter seit Saisonbeginn. Von den ersten 28 Strafstößen in dieser Saison wurden 28 verwandelt. Eine unglaubliche Hundert-Prozent-Quote nach sieben Spieltagen, die deutlich über der sonst üblichen von rund 75 Prozent verwandelter Strafstöße lag. Nach 18 Spieltagen hat sich das Verhältnis auf Normalniveau eingependelt: Insgesamt trafen die Schützen bei 70 Versuchen 56-mal.
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Weil sich die Torhüter – siehe Pavlenka, siehe Müller – besser auf Schützen wie Gonzalez eingestellt haben? Einiges spricht für diese These. Auch wenn VfB-Coach Pellegrino Matarazzo trotz der Fahrkarte von Freiburg weiter auf seinen Schützen vertraut. „Die Frage, ob er seinen Anlauf verändern soll, ist Quatsch“, meinte der 43-Jährige nach dem Spiel. Nur weil er einmal verschossen habe, müsse er doch nicht alles umwerfen.
Vielleicht wäre der VfB dennoch gut beraten, künftig ein wenig mehr Variation in seine Elfmeter-Strategie einfließen zu lassen – und statt nur auf Gonzalez öfters auf Silas Wamangituka zu setzen. Der Kongolese hat in Vertretung von Gonzalez drei von drei Strafstößen in dieser Saison sicher verwandelt. Ohne Verzögern, ohne Schnörkel, herzhaft und mit Vollspann.
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