Unter den Fans der zweiten VfB-Mannschaft regt sich Protest. Foto: Baumann

Der VfB Stuttgart überlegt sehr konkret, ob er seine traditionsreiche zweite Mannschaft abmelden soll, um die Talentförderung zu optimieren. Das Für und Wider einer Debatte, in der Sportvorstand Michael Reschke für ein Zweitspielrecht plädiert.

Stuttgart - Michael Reschke spricht gerne über Fußball. Er weiß sein Publikum auch zu unterhalten, da er auf einen riesigen Anekdotenschatz zurückgreifen kann. Aber nicht nur. Reschke verfügt nach weit mehr als 30 Jahren im Geschäft auch über Erfahrung und Einschätzungsvermögen. Und da er es bei seinen Ausführungen anschaulich mag, stellt sich der Sportchef des VfB Stuttgart gerade öfters vor, wie es wäre, wenn ein gestandener Bundesliga-Manager in die Kabine der deutschen U-19-Nationalmannschaft treten würde. In der einen Hand elf Spielerverträge, in der anderen einen Füller, und sein Angebot würde lauten: Wer will, kann sofort für unsere zweite Mannschaft unterschreiben. Mit ordentlichem Gehalt und auch ordentlicher Perspektive.

Stille. Reschke legt eine kleine Erzählpause ein, da er davon ausgeht, dass auch beim fiktiven Kabinenbesuch betretenes Schweigen herrschen würde. Ein paar Nachwuchsspieler würden zu Boden blicken, andere an ihren Schuhen herumnesteln und wieder andere tuscheln. Ob der denn nicht wisse, dass sie alle schon Bundesliga-Einsätze auf dem Buckel hätten? „Einer würde vielleicht unterschreiben“, glaubt Reschke, „weil er sich nicht sicher wäre, ob er es dauerhaft in den Profikader schafft.“ Für die anderen zehn sei ein solches Angebot keine Option mehr.

Toptalente sollen in Stuttgart ausgebildet werden

Doch genau um diese Top Ten an Nachwuchskräften geht es Reschke. Solche Toptalente will er haben, und solche Toptalente will er in Stuttgart auch wieder ausgebildet wissen. Die Frage ist nur, wie das in Zukunft gehen soll – und schon steckt der 60-jährige Sportvorstand mitten im Überzeugungskampf, denn der VfB überlegt sehr konkret, seine U 23 aus dem Spielbetrieb zu nehmen. Jene Mannschaft, die jahrelang als die zweitwichtigste im Club galt, weil sie einer Reihe von jungen Spielern als Sprungbrett auf die große Bühne diente.

„Ich weiß auch, dass die U 23 beim VfB eine lange Tradition hat“, sagt Reschke über die bislang gepflegte Hauskultur. Er will die Debatte jedoch jenseits von Emotionen und Folklore führen. „Der Fußball hat sich verändert“, sagt Reschke. Jünger sind die Spieler geworden, die an die Schwelle eines Profikaders treten. Technisch-taktisch besser ausgebildet sind diese 17-Jährigen sowie körperlich voll austrainiert. Dieser Entwicklung will Reschke Rechnung tragen, wenn er ein neues Nachwuchskonzept für den VfB erarbeitet.

Ein Fünfjahresplan soll es werden, und im Januar wird dargelegt, wie es laufen soll. Bis zur endgültigen Entscheidung bringt das für die Jungs um den VfB-II-Trainer Andreas Hinkel eine Zeit der Ungewissheit. „Grundsätzlich wollen wir das Tor für unsere Toptalente früher und weiter öffnen“, sagt Reschke. Die zweite Mannschaft als Übergangsstation hält er nicht für zeitgemäß. Schon lange nicht mehr, denn als Reschke noch für Bayer Leverkusen tätig war, richtete er dort den Nachwuchsbereich ebenfalls neu aus – ohne U 23, weil es über Jahre hinweg kein Spieler in die erste Liga geschafft hatte.

Formal war dafür eine Änderung in der Lizenzierungsvorgabe durch die Deutsche Fußball-Liga (DFL) notwendig, die bis 2014 eine zweite Mannschaft vorschrieb. Bayer stellte jedoch den entsprechenden Antrag, und mit einer satten Mehrheit der 36 Erst- und Zweitligisten wurde diesem stattgegeben. Seither steht es den Vereinen frei, wie sie mit dem Thema umgehen.

Klasse statt Masse

Eine Grundsatzentscheidung ist das nun für den VfB – und bei 2,5 Millionen Euro Saisonetat für die U 23 keine Sparmaßnahme, wie sie im Club beteuern. Bisher haben jedoch nur die Bundesligisten Bayer Leverkusen, Eintracht Frankfurt und RB Leipzig ihre U-23-Teams abgemeldet. Wobei die Leipziger mit der Verbindung zu RB Salzburg und dessen Farmteam FC Liefering eine Sondersituation genießen. „Für uns war es die richtige Entscheidung. Es hat sich sportlich wie wirtschaftlich rentiert“, sagt der Leverkusener Sportmanager Jonas Boldt und zählt Profis wie Christoph Kramer, Stefan Reinartz und Dominik Kohr auf, die sich durch Ausleihen stark entwickelt hätten und dann zurückkehrten – und/oder für gutes Geld verkauft wurden.

„Letztlich geht es darum, die Nachwuchsarbeit effizient zu gestalten“, sagt Fredi Bobic, Frankfurts Sportvorstand. Fünf U-19-Spieler haben sie deshalb bei der Eintracht mit Profiverträgen ausgestattet und lassen sie bei Niko Kovac mittrainieren. „Da wird sich zeigen, ob sie sich durchbeißen“, sagt Bobic und sieht wenig Sinn darin, ein ganzes Team zu unterhalten, nur um ein paar wenige Hoffnungen aufrechtzuerhalten.

Klasse statt Masse am Ende eines Entwicklungsprozesses – davon ist auch Reschke überzeugt: „Wir wollen den Nachwuchsspielern eine möglichst perfekte Laufbahnberatung und Förderung bieten.“ Wobei der theoretische Ansatz vorsieht, dass es in den Jahrgängen der U 19 und U 17 im Schnitt jeweils zwei Jugendliche gibt, denen der Schritt in die Bundesliga gleich zugetraut wird – plus zwei, die als verheißungsvoll gelten. In der Praxis wissen jedoch alle, dass es ein Erfolg wäre, wenn sich pro Saison ein Eigengewächs durchsetzen würde. Wie zuletzt Timo Werner und Berkay Özcan. Oder Timo Baumgartl, der nur kurze Zeit in der damaligen Drittligamannschaft verbrachte, ehe der Innenverteidiger aufrückte. Aktuell gilt beim VfB II in der Regionalliga aber nur Nicolas Sessa als Kandidat für Chefcoach Hannes Wolf.

Knapp 100 Kilometer von Stuttgart sitzt Dirk Mack und kann ebenfalls Namen aufzählen. Er ist der Direktor Nachwuchs bei 1899 Hoffenheim. Nadiem Amiri, Philipp Ochs, Dennis Geiger, Stefan Posch, Robin Hack. „Sie alle sind über unsere U 23 in die Bundesliga gekommen“, sagt Mack. Nur Niklas Süle hat diese Ausbildungsstufe übersprungen. Nun spielt der Innenverteidiger beim FC Bayern und gehört zur Nationalmannschaft, was Mack darin bestätigt, dass Süle eine Ausnahme darstellt.

Der große Rest benötigt nach Ansicht des früheren Verbandssportlehrers beim Württembergischen Fußball-Verband jedoch mehr Zeit. „Bei uns ist die U 23 die letzte Entwicklungsstufe im Jugendfußball. Durch sie gestalten wir auch den Übergang in den Männerfußball“, sagt Mack. Zwei Jahre bekommen die Talente im Regionalligateam eingeräumt, dann rückt die nächste Generation an A-Junioren nach.

Teenager an der Schnittstelle ihrer Karriere

Das ist der Weg in Hoffenheim, der dem Verein nach eigener Überzeugung zweierlei garantiert. Erstens: Er knüpft den fußballerischen roten Faden von den Nachwuchsteams bis zu den Profis durch, da er selbst die Inhalte bestimmt und täglich mit den Spielern arbeitet. Entsprechend der Spielphilosophie werden auch die Trainer ausbildet. Zweitens: Die Spieler befinden sich in einem Wettkampfbetrieb. Selbst wenn dieser nur viertklassig ist. „Natürlich würden wir gerne aufsteigen“, sagt Mack. Aber der Preis, es mit allen Mitteln und Möglichkeiten anzugehen, ist den Hoffenheimern zu hoch. „Denn dann könnten wir nicht mehr mit acht Jungen antreten, sondern nur noch mit drei“, sagt Mack.

Ähnliche Erfahrungen sammelte der VfB, als er mit seiner zweiten Mannschaft bis 2016 noch in der dritten Liga antrat. Da waren die Jungspunde gegen ausgebuffte Profitruppen auswärts vor vollen Stadien gefordert. Eine gute Schule, meinen die einen. Auf Dauer mit einem jungen Team nicht zu halten, sagen die anderen. „Und zu Hause spielst du dann vor gefühlt 100 Zuschauern und 100 Scouts“, sagt Bobic.

Motivierend wirkt sich das nicht aus, ist Reschke überzeugt. Ebenso wenig wie die Situation, wenn Teenager an der Schnittstelle ihrer Karriere keine sportliche Heimat haben und sich zwischen den Mannschaften hin- und hergeschoben fühlen. Doch an dem Thema Spielpraxis kommt keiner vorbei. Weshalb beim VfB über Ausleihgeschäfte und eine enge partnerschaftliche Zusammenarbeit mit dem Drittligisten SG Sonnenhof Großaspach sowie dem Zweitligisten 1. FC Heidenheim nachgedacht wird. Hochwertige Testspiele eines Talente-Teams sind eine zusätzliche Idee.

Allerdings denkt Reschke noch weiter. Er beschäftigt sich mit einem Pilotprojekt Zweitspielrecht, angelehnt an ein österreichisches Modell beziehungsweise an andere Sportarten wie Handball. Dabei können ausgeliehene Spieler in bestimmten Saisonphasen oder kurzfristig wegen Verletzungen für einzelne Spiele zum Stammverein zurückkehren. Ein interessanter Vorstoß. Findet auch Bobic, der in der entsprechenden DFL-Kommission sitzt und den Vorschlag eingehend prüfen will.

VfB Stuttgart II - Regionalliga

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