Das erste Mannschaftsfoto des VfB im Brustring. Es datiert vom 13. September 1925. Foto: Archiv VfB Stuttgart

Der Brustring des VfB Stuttgart wird 100. Über die Geschichte eines Symbols, um das den Club aus Cannstatt viele andere Fußballvereine beneiden.

Alles begann mit einem empörten Mitglied. „Es ist sehr merkwürdig“, beklagte der anonyme Schreiber anno 1924 in den „VfB-Vereinsnachrichten“, „dass die Mannschaften des VfB Stuttgart sich scheinbar mit einer gewissen Beharrlichkeit dagegen wenden, die Vereinsfarben zu tragen“. Waren diese doch in der Satzung klar festgehalten: Rot und Weiß.

 

Eine „penible Sache“ nannte das Mitglied des 1893 gegründeten Vereins die Causa mit der „verschlamperten Kleidung“. Denn offenbar hielt sich niemand so recht an die Vorgaben aus der Satzung. So liefen die einen Mannschaften in Orange auf, andere, wie etwa die Rugbyspieler, in Violett. Rot und Weiß? Sah man im sportlichen Treiben auf dem Wasen nur vereinzelt.

Im Prinzip nicht anders als heute, mehr als ein Jahrhundert später auf Mitgliederversammlungen üblich, setzte sich der Hauptausschuss des Vereins mit dem Anliegen des empörten Mitglieds auseinander. Und stimmte ihm zu. Fortan sollte beim VfB nur noch Rot und Weiß getragen werden.

Die Idee der ersten einheitlichen Trikots war geboren. Zuvor musste sich jede Mannschaft selbst um ihre Ausrüstung kümmern. Und so kam es, dass ab dem Jahr 1925 tatsächlich sämtliche Mannschaften – ob Fußballer oder Rugbyspieler – in ebenjenen per Satzung festgeschriebenen Vereinsfarben aufliefen. Blütenweiße Shirts mit einem breiten Band auf Höhe der Brust: Dem Brustring. Auch wenn damals noch niemand von einem solchen sprach – das Erkennungszeichen des Clubs aus Cannstatt war geboren.

Weshalb überhaupt ein Brustring?

Vieles aus der Entstehungszeit ist Mythos und geschichtlich nicht exakt überliefert. Wer hatte die Idee mit dem Brustring? War er tatsächlich rot? Aus der damaligen Zeit existieren nur Schwarz-Weiß-Fotografien. Und weshalb überhaupt ein Brustring?

„Über Vieles kann nur gemutmaßt werden, es gibt kaum Quellen“, sagt Florian Gauß, der sich als Archivar des VfB schon im Jahr des 100-jährigen Vereinsbestehens ausführlich mit der Geschichte des Erkennungszeichens beschäftigt hat. Vieles lässt sich aus alten Dokumenten wie den VfB-Vereinsnachrichten nur herleiten. Etwa, dass die erste Mannschaft des VfB Stuttgart im Sommer 1925 erstmals in einem Trikot mit Brustring auflief. Daran will der Club mit einem Sondertrikot erinnern, das in der zweiten Jahreshälfte in Umlauf kommt.

Auch 100 Jahre später trägt der VfB Brustring – wie zuletzt im Pokalfinale Foto: IMAGO/Rudel

Der Gegner hieß seinerzeit VfR Alemannia Worms 05. Das erste überlieferte Mannschaftsfoto im stilprägenden Look datiert vom 13. September jenes Jahres von einer Partie gegen den FC Pforzheim. Für die Farbe Rot spricht ein Vergleich mit den Vereinsfarben. Die Shirts – wie auch die Hosen – waren unzweifelhaft in Weiß gehalten. Die Stutzen in Rot. Aller Wahrscheinlichkeit nach.

Als Vorbild diente möglicherweise die Nationalmannschaft. Auch sie lief in jener Zeit mit Brustring auf, tatsächlich mit einem roten sogar. Überliefert ist das in farbigen Abbildungen, die es von der DFB-Elf schon damals gab. Für den Ring als solchen gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Die plausibelste: Der Ring als Symbol für Gemeinschaft – um die es im Mannschaftssport Fußball nun einmal geht.

„In der damaligen Zeit waren viele auf der Suche nach Identität und Zusammenhalt“, erklärt VfB-Archivar Gauß. Der VfB machte da keine Ausnahme und hatte bald ein Alleinstellungsmerkmal. Die Stuttgarter hielten über die Jahre an ihrem Brustring fest. Er zählt bis heute zu den drei zentralen Elementen, an denen der aktuelle Pokalsieger zu erkennen ist. Die anderen sind die Vereinsfarben, klar, sowie der Anfang der 1920er-Jahre von Kunstmaler und VfB-Mitglied Hermann Stammler kreierte Schriftzug sowie das Wappen, welches im Verlauf der weiteren Geschichte aber immer wieder Veränderungen unterzogen war.

„Der Brustring ist VfB. Punkt“, sagt Gauß. Von vielen Vereinen nicht nur aus der Bundesliga wird der VfB für sein Alleinstellungsmerkmal beneidet. Gut, der Hamburger SV hat seine Raute, die Duisburger galoppieren seit jeher als Zebras übers Feld und auch die Schärpe von River Plate aus Buenos Aires gilt als Unikat. Aber der Brustring ist ziemlich einmalig.

„Der Brustring ist VfB. Punkt.“

Auch wenn er im Verlauf seiner hundertjährigen Geschichte mehrfach modifiziert wurde, wie Gauß es ausdrückt. In den 1970er- Jahren war er zwischenzeitlich wieder von den Trikots verschwunden, ab den 1980er-Jahren kehrte der Ring als Balken auf die Vorderseite der Trikots zurück.

Doch der echte, umlaufende Brustring wurde erst zur Spielzeit 2015/16 wieder eingeführt. Zu einer Zeit, als auch jeder Nicht-Marketing-Fachmann die Bedeutung von Branding und Corporate Design begriffen hatte. Der Verein musste dazu einen harten Kampf mit der Deutschen Fußball Liga (DFL) ausfechten. Die Vorgaben für die Gestaltung der Trikots sind ähnlich komplex wie die deutsche Bauordnung. So müssen die Rückennummern unverdeckt sein – eigentlich. Doch der Traditionsverein fand mit der DFL eine Lösung. Zumindest in nationalen Wettbewerben gilt Bestandsschutz.

Im Jubiläumsjahr sind zahlreiche Aktionen geplant

2025 geht der VfB Stuttgart so professionell mit seinem Markenzeichen um, wie es die Gründerväter vermutlich nie für möglich gehalten hätten. Der Brustring ist omnipräsent; nicht nur auf den Trikots der Spieler, sondern auch auf den meisten Fanartikeln, die heute als „Merch“ bezeichnet werden. Die 2023 gegründete VfB-Stiftung nennt sich Brustring der Herzen, für das Jubiläumsjahr sind zahlreiche Aktionen geplant. Wer den VfB kennt, weiß: In Sachen Marketing verstehen es die Cannstatter inzwischen, alle Register zu ziehen.

Und auch das neue Trikot für die Spielzeit 2025/26 enthält selbstverständlich den Brustring – wenn auch dieses Mal ein wenig abgewandelt. Wie sagt es VfB-Historiker Gauß: „Ein VfB-Trikot ohne Brustring ist heute unvorstellbar.“