Engagiert: Tayfun Korkut, Trainer von Hannover 96 Foto: dpa

Im Spiel gegen den VfB an diesem Freitag (20.30 Uhr/Sky) will Tayfun Korkut mit Hannover 96 den Klassenverbleib endgültig perfekt machen. „Gegen den VfB sollte der nächste Schritt folgen“, sagt der ehemalige Jugendtrainer der Stuttgarter.

Im Spiel gegen den VfB an diesem Freitag (20.30 Uhr/Sky) will Tayfun Korkut mit Hannover 96 den Klassenverbleib endgültig perfekt machen. „Gegen den VfB sollte der nächste Schritt folgen“, sagt der ehemalige Jugendtrainer der Stuttgarter.

Stuttgart - Herr Korkut, im Kampf gegen den Abstieg gibt es keine Freunde. Kommt bei Ihnen vor dem Kellerduell gegen Ihren Ex-Club trotzdem Wiedersehensfreude auf?
Mir wäre es natürlich lieber, wenn beide Vereine nicht in so einer Situation wären. Wir sind rechnerisch noch nicht durch, und der VfB braucht sogar noch mehr Punkte als wir. So ist aber nun mal die Konstellation, und jeder muss in diesem Spiel seine eigenen ­Interessen in den Vordergrund stellen und das Beste versuchen.
Die Freundschaften werden also eher nach dem Spiel gepflegt. Zu wem haben Sie denn noch Kontakt?
Ich hatte schon während meiner Zeit als U-19-Trainer beim VfB ein sehr enges Verhältnis zur sportlichen Leitung, zu Fredi (Bobic, Sportdirektor) und Jochen (Schneider, Manager, d. Red.). Dieser Kontakt ist nie abgebrochen. Und er wird auch nie abbrechen, da ich eine sehr gute Erfahrung beim VfB gemacht habe, obwohl die Zeit sehr kurz war.
Nach einem halben Jahr haben Sie den VfB wieder verlassen, um Co-Trainer der türkischen Nationalelf zu werden. Warum?
Es war natürlich nicht mein Plan gewesen, dem VfB so früh wieder den Rücken zu kehren. Mein Plan war es, irgendwann in der Bundesliga zu landen. Und manchmal muss man auf so einem Weg Entscheidungen treffen, deswegen habe ich damals das Angebot angenommen, Co-Trainer der türkischen Nationalmannschaft zu werden. Zu dieser Zeit war das genau die richtige Entscheidung.
Hat man Ihnen diese Entscheidung in Stuttgart übelgenommen?
Nein, und dafür bin ich Fredi und Jochen heute noch dankbar. Sie haben mir keine Steine in den Weg gelegt, sondern mich unterstützt. So etwas vergesse ich nicht.
Was haben Sie in der Türkei gelernt?
Für mich war diese Zeit als Assistent von Abdullah Avcı ausgesprochen wichtig, weil ich von dort sehr viel mitnehmen konnte, auch und gerade weil ich nicht der vorderste Mann war. Das hat mir einen großen Schub gegeben, und ich bin mir sicher, dass ich dadurch sehr gut auf die Aufgaben vorbereitet wurde, denen ich mich nun stellen musste und muss.
Es gab Anfang des Jahres einige in und um Hannover, die Ihre Verpflichtung als Cheftrainer kritisiert haben – ein unbekannter Coach in dieser Situation! Wie groß war dadurch der zusätzliche Druck für Sie?
Ich habe ehrlich gesagt nie Druck verspürt. Für mich war es eher eine Chance. Die Möglichkeit, den Job, den ich mit sehr viel Liebe und Leidenschaft mache, auf der allerhöchsten Ebene zu verwirklichen. Außerdem habe ich von Anfang an ein sehr großes Vertrauen vonseiten der Vereinsführung gespürt.
Damals war von einer mutigen Vereins-Entscheidung die Rede, Sie haben selbst aber auch Mut bewiesen. So wie damals, als Sie von den Stuttgarter Kickers zu Fenerbahç♥e Istanbul gewechselt sind, mit nichts als einem Blankovertrag im Gepäck. Lieben Sie das Risiko?
Ich liebe das kontrollierte Risiko. Aber man sollte grundsätzlich mehrere Aspekte berücksichtigen und in seine Meinungsbildung einfließen lassen. Ich hatte in meinem Leben mehrere Momente, in denen ich Chancen bekommen habe. Als Spieler, als Mensch und jetzt auch als Trainer. Wichtig ist, dass man diese Chancen annimmt und alles dafür gibt, um sie zu nutzen. Jetzt habe ich wieder eine bekommen. Und nun gilt es zu bestätigen, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin.
Ihre ersten Monate in Hannover waren allerdings ganz schön turbulent.
Ich habe wirklich schon viel erlebt. In den etwas mehr als 100 Tagen bei 96 habe ich sozusagen einen Crashkurs als Bundesliga-Trainer bekommen – mit allen Höhen und Tiefen. Ich bin aber noch nicht am Ziel. Genauso wie die Mannschaft noch nicht am Ziel ist. Wir haben das Minimalziel Klassenverbleib, mit dem der Club ja nicht in die Saison gestartet ist, vor Augen. Aber nun wollen wir dieses Minimalziel an diesem Freitag auch endgültig erreichen.
Nach vier Niederlagen in Folge sind Sie Anfang April mit Ihrem Team sogar in ein Kurztrainingslager nach Ostwestfalen gereist. Nun hat Hannover zwei Spiele in Folge gewonnen. War das der Schlüssel zum Erfolg?
Im Nachhinein, wenn alles gut gelaufen ist, hat man ja immer alles richtig gemacht. Für uns war wichtig, dass wir die Mannschaft in ein Umfeld bringen, das etwas ruhiger ist. Es waren ja viele Emotionen und viel Frust im Spiel nach dem verlorenen Derby in Braunschweig. Das Team sollte Abstand bekommen, aber auch wieder mehr Nähe zueinander finden. Das hat funktioniert. Das Team ist enger zusammengerückt, hat mehr kommuniziert – und gegen den HSV die Kurve bekommen. Daraus entwickelt sich eine Eigendynamik, das Selbstbewusstsein wird größer. Wir haben das Ergebnis in Frankfurt bestätigt. Jetzt sollte gegen den VfB der nächste Schritt folgen. Worauf es ankommt, wissen alle.
Sie sind in Stuttgart geboren, also ein waschechter Schwabe – haben Sie Ihren 96ern schon ein paar schwäbische Tugenden eingeimpft?
Ich denke nicht, dass ich hier irgendjemand etwas einimpfen musste. Ich fühle mich sehr wohl in Hannover, die Menschen hier haben auch sehr viele Qualitäten. Für uns geht es nur darum: Welche Tugenden braucht diese Mannschaft in dieser Situation?
Verraten Sie sie uns?
Es gibt Grundvoraussetzungen, die dafür sorgen, dass eine positivere Stimmung herrscht. An diese Grundvoraussetzungen muss man eine Mannschaft auch immer wieder erinnern. Leidenschaft gehört dazu, Entschlossenheit, Mut und der Wille, niemals aufzugeben. Diese Tugenden hat die Mannschaft vor allem in den vergangenen zwei Spielen gezeigt und war erfolgreich. Und sie kann sie nun gegen den VfB bestätigen.
Beim VfB ist das Experiment mit einem ehemaligen Jugendtrainer in dieser Saison schiefgegangen. Was hat Thomas Schneider anders gemacht als Sie?
Ich kenne Thomas gut, er war U-17-Trainer beim VfB, als ich U-19-Trainer war. Aber ­dazu kann ich keinen Kommentar abgeben, dafür bin ich einfach zu weit weg.
Ist der VfB vor der Entlassung von Bruno Labbadia im August eigentlich auch an Sie herangetreten?
Nein, an mich persönlich nicht. Auch wenn wir immer einen engen Kontakt hatten. Fredi wusste und weiß immer, was ich gerade mache und wo ich gerade bin. Aber mir ist es auch wichtig, meinen eigenen Weg zu gehen.
Sie haben immer wieder betont, dass Sie vom Klassenverbleib mit Hannover überzeugt sind. Glauben Sie auch, dass es der VfB schafft?
Ich habe mir am vergangenen Sonntag das VfB-Spiel gegen Schalke im Stadion angeschaut und muss sagen: Die Mannschaft wirkt sehr kompakt. Es scheint, als seien die Spieler sich ihrer Situation sehr bewusst. Zudem hat der VfB eine hohe individuelle Qualität und verfügt über sehr gute Offensivkräfte, die ein Spiel auch mal im Alleingang entscheiden können. Das wird ein enges Spiel für uns. Klar ist, wir brauchen die drei Punkte, um den Klassenverbleib auch rechnerisch klarzumachen. Aber ich würde mich natürlich sehr darüber freuen, wenn ich den VfB auch in der kommenden Saison in der ersten Liga treffen könnte.
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