Das Team von Sebastian Hoeneß verliert gegen Werder Bremen durch ein Gegentor in der 90. Minute. Hinterher steht eine hochumstrittene Entscheidung des Schiedsrichters im Mittelpunkt.
Am Ende gab es Applaus aus der Cannstatter Kurve, der allerdings ein schwacher Trost war für die niedergeschlagenen Profis des VfB Stuttgart, die später mit hängenden Köpfen in Richtung Kabinengang trotteten. 1:2 verloren am Sonntagnachmittag gegen Werder Bremen und damit die Chance verpasst, den Abstand zu den internationalen Plätzen in der Bundesliga zu verkürzen – das war die Gemengelage, die für reichlich Frust sorgte im Stuttgarter Lager.
Dem Ärger des VfB-Anhangs sah sich nach dem Schlusspfiff Schiedsrichter Daniel Schlager ausgesetzt – der Referee hatte VfB-Offensivmann Nick Woltemade nach 65 Minuten mit Gelb-Rot vom Platz geschickt und wurde mit einem lauten Pfeifkonzert in die Kabine begleitet. Der Platzverweis war eine harte Entscheidung, da Woltemade bei seinem zweiten Foul den Gegenspieler Mitchell Weiser nur mit der Fußspitze berührt hatte.
„Es wird schwierig, wenn du mit einem Mann weniger spielst“, sagte VfB-Mittelfeldmann Angelo Stiller: „Ich weiß nicht, ob man da Gelb-Rot geben muss.“ Trainer Sebastian Hoeneß wurde deutlicher: „Es war keine Gelb-Rote Karte, und so dreht sich das Spiel. Es war eine große Fehlentscheidung.“
Kapitän Atakan Karazor verteilte noch einen kleinen Seitenhieb in Richtung des Referees und der Bremer: „Ich sehe die Szene – man muss sagen, die Werderaner haben es schlau gemacht.“ Die Gäste, so Karazor weiter mit Blick auf die Linie des Schiedsrichters, hätten gesehen, dass da was drin sei: „Das haben sie ausgenutzt.“
Am Ende stand die VfB-Niederlage nach dem Gegentor zum 1:2 in Minute 90 durch Oliver Burke – und die Erkenntnis des Spielführers. „Das war ein kleiner Dämpfer“, sagte Karazor, „wir haben uns mehr vorgenommen, aber der Blick muss nach vorne gehen.“
Mit dem Blick zurück ging es am Sonntagmittag munter los in der voll besetzten Stuttgarter Arena. Schon in der ersten Minute hatte Stürmer Ermedin Demirovic die erste Chance für den VfB, er scheiterte nach einem Stiller-Freistoß per Kopf. Doch auch Werder spielte mutig nach vorne. Burke scheiterte mit seinem Flachschuss an Keeper Alexander Nübel. Die Gäste kamen wenig später zu zwei Halbchancen – ehe ein Bremer Eigengewächs fast für das Stuttgarter 1:0 sorgte: Woltemades Schuss aber wurde gerade noch so zur Ecke abgewehrt (13.).
Und dann, ja dann packte der VfB-Sechser Stiller seinen Zauberfuß aus. Nicht den „falschen“, seinen rechten also, wie beim Hammertor zum 1:0 im DFB-Pokal-Halbfinale gegen RB Leipzig – sondern seinen eigentlich starken, den linken. Mit einem famosen Außenrist-Steilpass aus dem Mittelfeld heraus hebelte der Nationalspieler die Abwehr aus – der durchgestartete Rechtsverteidiger Leonidas Stergiou überwand den herausgeeilten Keeper Michael Zetterer und schob in der 19. Minute zum 1:0 ins leere Tor ein.
Hohes Pressing
Nur drei Minuten später scheiterte Demirovic aus kurzer Distanz an Zetterer. Der VfB war nun am Drücker und kam durch Jamie Leweling, der die Kugel nach 26 Minuten drüber setzte, zur nächsten Möglichkeit. Die Weiß-Roten pressten hoch und drängten Werder hinten rein, ohne allerdings komplett zu überzeugen und spielerisch zu glänzen. So gab es einige Fehlpässe und Ballverluste, die aber zumindest mit dem Blick nach hinten noch nicht gefährlich wurden – weil man dort meist sicher stand und Werder im Gegensatz zur Anfangsphase harmlos war.
Bis es dann plötzlich doch gefährlich wurde vor dem VfB-Tor. Oder besser: brandgefährlich. Und am Ende zu gefährlich aus VfB-Sicht. Nach tollem Steilpass von Weiser war Burke in der 32. Minute frei durch und schob die Kugel zum Ausgleich an Keeper Nübel vorbei. Die Stuttgarter Dominanz war nun nach diesem Nackenschlag weg. Bis zur Pause gab es keine Torchance mehr – für Werder aber auch nicht. Bitter aus VfB-Sicht: Innenverteidiger Jeff Chabot musste, nachdem er sich an den linken hinteren Oberschenkel gefasst hatte, kurz vor der Halbzeit verletzt raus. Ramon Hendriks kam in die Partie – so wie nach dem Wiederbeginn Offensivmann Fabian Rieder für den schwachen Leweling.
Der umstrittene Platzverweis
Apropos schwach: Genau das war auch die Anfangsphase der zweiten Hälfte – ehe es aus dem berühmten Nichts eine hundertprozentige Chance für den VfB gab. Chris Führich flankte aus dem linken Halbfeld auf Woltemade, der den Ball freistehend aus kurzer Distanz am Tor vorbeiköpfte (57.). Und dann stand Woltemade wieder im Blickpunkt – weil er in der 65. Minute vom Platz flog. Eine hochumstrittene Entscheidung, da Woltemade Werder-Profi Weiser zwar mit dem Fuß traf und foulte, das aber ohne Absicht, und die Aktion, nun ja, eher eine harmlose und keinesfalls hart war. 16 Minuten vorher hatte Woltemade wegen eines Ellbogeneinsatzes gegen Niklas Stark Gelb gesehen.
Die bittere Schlussphase
Nach dem Aufreger samt wütenden Stuttgarter Protesten wurde es dann wieder weniger aufregend, weil der VfB die Bremer Offensive meist im Griff hatte, vorne aber in Unterzahl aber selbst kaum noch zum Zug kam. Klare Chancen gab es auf beiden Seiten keine mehr – bis Nübel in der 84. Minute gegen Marco Friedl parierte und Rieder unmittelbar danach in höchster Not klärte.
Dann kam die 90. Minute, die den späten Nackenschlag für den VfB bringen sollte. Werders Joker Leonardo Bittencourt steckte auf den durchstartenden Burke durch, der mit einem satten Flachschuss zum 2:1 traf.