Wie sich der VfB Stuttgart im Ludwigsburger Quarantäne-Hotel auf die bevorstehenden Wochen mit Geisterspielen vorbereitet – und warum Trainer Pellegrino Matarazzo darauf verzichtet, alles bis ins Detail zu planen.
Stuttgart/Ludwigsburg - Die Social-Media-Aktivitäten sind weitgehend zum Erliegen gekommen. Keine Bilder vom gemeinsamen Pärchen-Ausflug mehr, vom Hundespaziergang oder der neuen Frisur. Es gibt ja auch nicht mehr viel Spannendes aus dem eigenen Leben zu berichten. Der neue Alltag der Profis vom VfB Stuttgart heißt Quarantäne. Isolation im Schlosshotel Monrepos in Ludwigsburg. Zumindest bis zum kommenden Wochenende, ehe für den Fußball-Zweitligisten am Sonntag (13.30 Uhr) beim SV Wehen Wiesbaden der Auftakt in die Geisterspielwochen ansteht. Bis dahin soll jeder der spielfähigen 36 Proficlubs (bis auf Dynamo Dresden im Moment noch alle) auf Geheiß der Deutschen Fußball-Liga einkaserniert werden.
Die DFL selbst spricht von Trainingslager. Doch damit hat der aktuelle Ausnahmezustand nicht sonderlich viel gemein. „Wir Spieler haben viel mehr Zeit als sonst“, benennt VfB-Kapitän Marc Oliver Kempf einen wesentlichen Unterschied. Statt wie in der Sommer- oder Wintervorbereitung üblich zweimal wird derzeit nur einmal pro Tag trainiert. Mit Blick auf das stramme Restprogramm und um Verletzungen vorzubeugen soll nicht übersteuert werden. Auch Testspiele, Medientermine oder Marketingaktivitäten fallen den aktuellen Umständen zum Opfer.
Trainiert wird auf dem heimischen Clubgelände in Bad Cannstatt. Was zu der skurrilen Situation führt, dass sich die gesamte Mannschaft samt Betreuer jeden Morgen auf dem Hotelparkplatz ins Auto setzt, um zum 24 Kilometer entfernten Trainingsgelände am Wasen zu fahren. Jeder in sein eigenes, wohlgemerkt. Anschließend geht es kolonnenartig zurück nach Ludwigsburg. Geduscht wird im Einzelzimmer.
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Eine von vielen Vorgaben lautet: Nur den direkten Weg vom Trainingsplatz zum Hotel wählen. Auf dem Heimweg einen Kaffee mit der Freundin trinken oder eben mal an der Tankstelle halten, sind tabu. So soll das Risiko gering gehalten werden, dass sich einer der Beteiligten außerhalb des Mannschafts-Mikrokosmoses infiziert. „Man muss es positiv sehen“, sagt der VfB-Kapitän. „Es war die Voraussetzung dafür, dass überhaupt wieder gespielt werden darf.“
Von den Beteiligten ist kein Murren zu hören. Allenfalls stille Verwunderung über komplizierte Essensausgaben samt Abstandsregelung an den Tischen, über penible Kontaktvorgaben in Fluren und Lobby. Alles ziemlich seltsam. Die Furcht vor einem Lagerkoller immerhin hält sich in Grenzen. Eine Woche lässt sich in dem goldenen Käfig auch ohne Freizeitprogramm wie Tischkicker, Schwimmbad oder Tischtennis aushalten. „Viel telefonieren, fernschauen oder Playstation spielen“, umreißt Kempf die Monotonie der ersten beiden Tage. Einige brachten zum Zocken ihre Monitore mit ins Hotel. Und es soll auch noch Spieler geben, die sich mit einem traditionellen Buch begnügen. Einzig Spaziergänge rund um die Vier-Sterne-Anlage sind ansonsten erlaubt – freilich nur mit Maske.
Matarazzos Maxime: Anpassungsfähig bleiben
Vieles ist generalstabsmäßig geplant, etwa die regelmäßig stattfindenden Corona-Testreihen, anderes wird improvisiert. „Wir alle sind zum ersten Mal in einer solchen Situation“, sagt der Cheftrainer Pellegrino Matarazzo. Weshalb er seine gesamte Trainingssteuerung und Spielvorbereitung nur unter Vorbehalt plant. „Es bringt einfach nichts, alles ins Detail zu planen“, sagt der 42-Jährige. Wo keiner weiß, welche neue Situation sich vielleicht schon am nächsten Tag ergibt. Matarazzos Maxime lautet deshalb: „Anpassungsfähig bleiben.“
Allein der Spagat zwischen vermeidbaren und notwendigen Direktkontakten gestaltet sich schwierig. So bleiben etwa die Sportchefs Thomas Hitzlsperger und Sven Mislintat dem Teamhotel zum Zwecke der Risikominimierung fern. Auf der anderen Seite begegnen sich Trainer, Spieler, Betreuer und Mannschaftsärzte ständig, auf wie neben dem Platz. Physiotherapeutische Behandlungen und spätestens seit dieser Woche auch Taktikbesprechungen und Videostudien sind notwendiger und fester Bestandteil des Trainingsalltags.
Im Auto zum Training, im Bus zum Spiel
Zu dem vor der Partie beim Tabellen-16. auch ein Testkick in der leeren Mercedes-Benz-Arena gehört. Am Mittwoch wird die A- gegen die B-Elf des Tabellen-Zweiten antreten. Die Verantwortlichen erhoffen sich von der Geisterspiel-Simulation neben sportlichen auch organisatorische Erkenntnisse mit Blick auf kommende Spiele.
Am Sonntag steigt dann die mit Spannung erwartete Premiere. Für die Auswärtsfahrt nach Wiesbaden können die Spieler ihre Privatautos dann stehen lassen. Die Anreise erfolgt mit dem Bus. Gemeinsam. Wenigstens ein wenig Normalität im Ausnahmezustand.