VfB-Spieler Filip Kostic (re., gegen den Mainzer Jairo Samperio) Foto: Baumann

Im Jahr 2007, als der VfB Stuttgart deutscher Meister wurde, stieg der FSV Mainz 05 in die zweite Liga ab. Seit dem Wiederaufstieg hat der „kleine“ FSV den VfB überholt und abgehängt – mit einem klaren Plan, Kompetenz, Kontinuität und Mut zum Risiko.

Stuttgart - Kennen Sie Malli, Muto, Jairo? Das sind keine neuen Pokémon-Figuren und auch keine Griffe aus einer fernöstlichen Kampfsportart. Nein, Yunus Malli (acht Tore, eine Torvorlage), Yoshinori Muto (sieben/vier) und Jairo Samperio (drei/sechs) sind drei gute Gründe, warum der FSV Mainz 05 auch dieses Jahr so manchem (vermeintlichem) Schwergewicht in der Bundesliga eine lange Nase zeigt – auch dem VfB, der in der Scorerliste gerade mal mit Daniel Didavi (fünf/vier) mithält. Drei Gründe, warum der FSV trotz 13 Abgängen und zehn Neuzugängen im Sommer auf Anhieb eine funktionierende Einheit bildet – wieder einmal. Denn das geht seit Jahren so und lässt Manager Christian Heidel mit unverhohlenem Stolz sagen: „Das ist unsere siebte Bundesligasaison, und nie sind wir auf einem Relegations- oder Abstiegsplatz gestanden.“

Normal ist das nicht für einen Emporkömmling, doch was heißt das? Normal ist auch nicht, dass der VfB dauerhaft auf die hinteren Ränge abonniert ist. Schließlich ist vor dem Aufeinandertreffen an diesem Freitag (20.30 Uhr/Sky) auch nicht normal, dass sich beide Clubs seit Jahren ein Wettrennen mit ungleichem Antrieb liefern: Panzer gegen Porsche. Schwerfällig walzt der VfB voran und wundert sich, wie ihn ein flotter Flitzer grußlos überholt. Jetzt sehen die Roten nur noch dessen gleichfarbige Rücklichter. „Der FSV Mainz hat seinen Stil gefunden“, sagt VfB-Sportvorstand Robin Dutt. Stil? „Wir machen weniger Fehler als andere Clubs, die größer sind als wir“, sagt FSV-Manager Christian Heidel. Allen voran der VfB. Eine Bestandsaufnahme:

Das Führungspersonal: Harald Strutz steht dem FSV seit 1988 als Präsident vor, Christian Heidel ist seit 1991 Manager, und seit dem Bundesliga-Abstieg 2007 hat der Verein fünf Trainer beschäftigt. In diesen Zeitspannen hat der VfB fünf Präsidenten, acht Manager und elf Trainer verschlissen, weshalb er vielen inzwischen als Chaos-Club gilt. Das sagt Christian Heidel natürlich nicht – indirekt aber schon: „Wirtschaftlich und strukturell sind wir ein Club, der jedes Jahr gegen den Abstieg kämpfen müsste. Unsere Stärke liegt sicher darin, dass wir über Jahre eine Kontinuität hinbekommen haben. Das ist die Grundvoraussetzung für Erfolg.“ Der VfB hat weder Kontinuität noch Erfolg.

Entscheidungen aus Überzeugung

Die Trainer: Martin Schmidt (seit Februar 2015) ist nach Thomas Tuchel (2009–2014) und Jürgen Klopp (2001–2008) der dritte Mainzer Trainer, dem der Aufstieg aus der zweiten Mannschaft gelang. Das ist nicht frei von Risiko. „Bei Klopp und Tuchel haben uns einige Leute für verrückt erklärt und wollten schon den Krankenwagen vorbeischicken“, sagt Heidel, „aber ein Club muss seine Entscheidungen aus Überzeugung treffen. Dann muss er aber auch bereit sein, dem Druck von außen standzuhalten. Und glauben Sie mir, der ist in Mainz nicht geringer als bei einem Traditionsverein.“

Das bedeutet nicht, dass dem FSV keine Fehlgriffe unterliefen. Der Aufstiegstrainer Jörn Andersen (2008/09) musste vor seinem Bundesliga-Einstand mit Mainz gehen. „Damals“, sagt Heidel, „galten wir als Chaos-Club. Wir wussten, dass wir für diese Entlassung richtig eine auf die Mütze kriegen – aber wir waren davon überzeugt.“ Kasper Hjulmand (2014–2015) musste gehen, „weil er unseren Weg nicht mitgehen wollte. Wenn das ein Mainzer Trainer nicht will, hat er es schwer.“ Denn in Mainz gibt der Verein den Weg vor, indem er eine Philosophie entwickelt, die der Trainer mit Leben erfüllen muss. „Kontinuität“, sagt Heidel, „hat nicht nur mit Personen zu tun, sondern mit Ideen.“

Der VfB dagegen vertraut seine Mannschaft häufig Übungsleitern an ohne Rücksicht darauf, ob sie zur Mannschaft passen oder ob die Mannschaft zu ihren Vorstellungen passt. Siehe Armin Veh, der sieben Jahre nach dem Gewinn des Meistertitels ein romantisches Tête-à-tête mit seiner alten Liebe erwartet hatte und jäh aus seinen zarten Träumen gerissen wurde, weil diese zickig geworden war. Oder Alexander Zorniger, der ein Konzept mitbrachte, das die Mannschaft überforderte – und schließlich ihn selbst, weil er zu keinerlei Abstrichen bereit war. So war es häufig: Weil der Verein keinen Plan hatte, durfte jeder Trainer sein Ding machen. Und oft war gar keine Zeit für einen Plan, weil ein Feuerwehrmann die nächste Krise bewältigen musste.

Von Schürrle über Zidan bis Geis

Die Spieler: Der FSV Mainz kauft keine Stars, er macht Stars – und damit Kasse. Das ist quasi die Geschäftsgrundlage, die Garantie zum Überleben – anders geht es nicht bei einem Etat von 23 Millionen Euro (VfB: 42 Millionen Euro). Das jüngste Beispiel heißt Johannes Geis, der 2003 vom Zweitligisten SpVgg Greuther Fürth nach Mainz gekommen war und im vergangenen Sommer für zwölf Millionen Euro zu Schalke 04 wechselte. Ein Einzelfall? Mitnichten. Mohamed Zidan kam im Januar 2007 für 2,8 Millionen Euro aus Bremen und ging im Juli für 6,5 Millionen Euro zum Hamburger SV. Neven Subotic genoss seine fußballerische Ausbildung in der Mainzer Jugend und wechselte 2008 für 4,5 Millionen Euro nach Dortmund. Andre Schürrle, ebenfalls ein Mainzer Talent, brachte 2011 bei seinem Wechsel zu Bayer Leverkusen 8,5 Millionen Euro und später noch einen Nachschlag von rund vier Millionen Euro – um nur einige Beispiele zu nennen. Häufiger als anderswo kaufte der Verein dafür Spieler, die mindestens so viel Potenzial mitbrachten wie ihre Vorgänger bei deren Ankunft in Mainz. „Wir sind nicht mehr der typische Ausbildungsverein, wir sind ein Weiterbildungsverein“, sagt Christian Heidel, „zu Johannes Geis habe ich gesagt: Du unterschreibst jetzt für vier Jahre. Nach zwei Jahren steht dir die Welt offen. Das war bei Schürrle, Nicolai Müller und anderen genauso. Für uns sind diese Abgänge das größte Marketinginstrument.“

Auch der VfB hat immer wieder Spieler für teures Geld verkauft – Mario Gomez für 30 Millionen Euro, Alexander Hleb für 15, Sami Khedira für 14 oder Christian Träsch für neun Millionen Euro. Das hat in den vergangenen Jahren mehr als 100 Millionen Euro in die Clubkasse gespült, die viel zu selten sinnvoll reinvestiert wurden. Von Yildiray Bastürk über Mauro Camoranesi bis Konstantin Rausch, von Pavel Pogrebniak über Tunay Torun bis Mohammed Abdellaoue – die Liste des Grauens ist lang. Das Scouting: „Wir haben die kleinste Scoutingabteilung der Bundesliga, die besteht aus einem Mann“, sagt Heidel kokett. Zur Spieleranalyse dienen Videos. „Wir schicken nicht sechs oder sieben Scouts durch die Welt“, sagt Heidel, „wir sezieren einen Spieler am Bildschirm: Ist das ein typischer Mainz-Spieler oder kann er einer werden?“ Der VfB ist personell deutlich besser aufgestellt, doch unterm Strich kommt erheblich weniger heraus. Sportvorstand Robin Dutt will den Bereich über kurz oder lang neu aufstellen und so auf Vordermann bringen.

2009 gewann Mainz 05 den deutschen Meistertitel der A-Junioren

Der Nachwuchs: 18 Festangestellte und 89 weitere Beschäftigte kümmern sich in Mainz um 200 Talente, das Nachwuchsleistungszentrum ist mit drei Sternen zertifiziert, gerade wurde ein dritter Kunstrasenplatz eingeweiht. Der deutsche A-Junioren-Titel 2009 soll schließlich kein Einzelfall bleiben.

Der VfB ist nach wie vor deutscher Rekordmeister bei den A-Junioren. Allerdings liegt der letzte Titel zehn Jahre zurück. Der Abgang der Jugendleiter Frieder Schrof und Thomas Albeck (2013) war eine Zäsur, beide wurden nicht gleichwertig ersetzt.

Die Finanzen: Heidel schließt eine Ausgliederung der Lizenzspielerabteilung, wie sie der VfB vorhat, aus. Stattdessen schloss er kürzlich einen Vertrag mit der Vermarktungsagentur Infront ab, der dem FSV in zehn Jahren 260 Millionen Euro einbringt. „Dadurch haben wir den Verein in keinster Weise verkauft, sondern nur die Risiken gemindert“, sagt er. Trotz des Standortnachteils („Mainz hat in den Schott-Glaswerken und im ZDF nur zwei große Unternehmen“) hat der FSV in zehn Jahren zwei Stadien gebaut, von denen das eine komplett und das andere zu zwei Dritteln abbezahlt ist. Dazu hat er ein Nachwuchszentrum errichtet und dreimal europäisch gespielt. „Das sind gefühlte Titel für uns“, sagt Heidel.

Der VfB hat das Stadion umgebaut, ein Nachwuchszen­trum gebaut und den aus Champions-League-Zeiten aufgeblähten Lizenzspieleretat von 67 auf 42 Millionen Euro reduziert. Gepaart mit den vielen Fehlgriffen beim Personal hat die Mannschaft zu viel Substanz eingebüßt. Die für 2016 angestrebte Ausgliederung droht zu scheitern.

„Schreiben Sie bloß nicht, wir seien ein Vorbild für andere Vereine“, sagt Heidel zum Ende des Gesprächs, „das wollen wir nämlich nicht sein. Wir gehen nur unseren Weg.“ Den Weg nach oben: langsam, aber stetig. Vor allem aber: am VfB vorbei.

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