Nach der Gala von Turin sind die Erwartungen der Fans gegen Aufsteiger Kiel klar: Ein VfB-Sieg ist Pflicht, um endlich in der Liga durchzustarten. Doch Trainer Sebastian Hoeneß will die Bedeutung des Spiels nicht überbewerten.
Es könnte ja alles so schön sein: Der VfB hat in der Champions League die K.-o.-Spiele der Zwischenrunde im Visier, liegt in der Tabelle der Königsklasse unter anderem vor dem FC Bayern. Ein Sonderlob gab es nach dem 1:0 in Turin aus vieler Munde, auch vom TV-Experten Fabio Capello bei Sky Italia: „Stoccarda (Stuttgart) è fantastica!“, fand der Startrainer.
Nun geht es zurück in den Alltag – und dort wartet auf den VfB quasi die Mutter aller Pflichtsiege. Die öffentliche Erwartungshaltung ist jedenfalls klar: In der Heimpartie an diesem Samstag (15.30 Uhr) gegen Aufsteiger Kiel müssen drei wichtige Bundesliga-Punkte her. Schließlich sollen die Weichen in der Liga in Richtung oberes Drittel gestellt werden. Holsteiner Störche gegen Eurofighter im Höhenflug – was kann da schon passieren?
Das sorgt für Druck bei Trainer und Mannschaft, den Sebastian Hoeneß naturgemäß aus dem Kessel nimmt. „Das ist mir zu groß gedacht“, sagt der VfB-Chefcoach zur Bedeutung der Partie gegen Kiel als Schlüsselspiel in der Bundesliga, denn: „Es muss nicht zwangsläufig negative Folgen haben, wenn wir nicht das gewünschte Ergebnis erzielen.“
Der VfB soll im Kampf um die internationalen Töpfe mitmischen
Dennoch weiß auch Hoeneß um den Stellenwert der Partie. Nach dem Coup von Turin ist sein Team der haushohe Favorit: „Die Challenge, auch mental umzuschalten, ist natürlich da. Sie ist neu für uns – aber alternativlos.“ Noch in den Katakomben des Juve-Stadions hatte der 42-Jährige bereits seinen Kiel-Modus aktiviert: „Die Partie ist für mich die wichtigste dieser englischen Woche“, sagte Hoeneß da.
Denn der VfB, das ist klar, sollte mit seinem bei Transfermarkt.de mit 313 Millionen Euro gelisteten Kader schon im Kampf um die internationalen Töpfe mitmischen. Allem Understatement zum Trotz.
Noch steht das große Erweckungserlebnis in der Liga aber aus. Das glanzvolle 5:1 gegen Borussia Dortmund Ende September hatte das Zeug zum Schlüsselmoment. Doch anstatt in Richtung der Bundesliga-Spitzengruppe abzuheben, blieb der VfB durch mäßige Auftritte gegen Wolfsburg (2:2) und Hoffenheim (1:1) im Mittelfeld kleben. Zuletzt beim FC Bayern (Hoeneß: „Da haben wir verwachst“) wurde den Weiß-Roten beim 0:4 klar die Grenzen aufgezeigt, als es die gesamte VfB-Grundordnung mit vier Gegentoren in 32 Minuten zerbröselte. Nur drei Tage später folgte die Gala bei Juventus.
Welcher VfB spielt denn da?
Spätestens jetzt rätselt Fußball-Stuttgart, mit welcher Art von VfB man es denn in dieser Saison zu tun hat. Mit den furchtlosen Königsklasse-Kraftmeiern oder jener Truppe, die bislang gerade gegen tief stehende Gegner nicht richtig auf Touren kam – und dann in und um des Gegners Strafraum oft hilflos wirkte. „Die Stoßrichtung stimmt“, hält Hoeneß dagegen: „Denn es gibt eine Differenz zwischen den manchmal nicht zufriedenstellenden Ergebnissen und unserer Performance auf dem Platz.“
Auch defensiv läuft es gerade in der Liga nicht immer rund. Die individuelle Fehlerquote ist hoch. Nur zwei Mal hat der VfB bisher hinten zu Null gespielt. Das war im Pokal beim 5:0 bei Preußen Münster – und zuletzt in Turin. Im Abwehrzentrum bleiben Jeff Chabot und Anthony Rouault aber vorerst ohne Konkurrenz. Denn der Neun-Millionen-Einkauf vom FC Burnley, der belgische Innenverteidiger Ameen Al-Dakhil, wird am Sonntag in der dritten Liga für den VfB II gegen Erzgebirge Aue auflaufen.
Hoeneß kennt Kiels Taktiken
Für die Rolle des leichten Bauernopfers dürften die Kieler derweil kaum taugen. Zwar sind die Holsteiner Vorletzter, haben lediglich zwei Punkte auf dem Konto. Doch die beiden 2:2 auswärts in Bochum und zuletzt in Leverkusen zeigen auf, dass die Elf des ehemaligen Kickers-Kapitäns Marcel Rapp nicht vorhat, den Teambus vor dem eigenen Tor zu parken. „Sie sind mit einem spielerischen Ansatz aufgestiegen“, sagt Hoeneß: „Sie ziehen sich gerne zurück und versuchen es dann mit langen Bällen, spielen aber auch mal Angriffspressing. Wir müssen auf beides vorbereitet sein.“