Der VfB Stuttgart empfängt am Sonntag (15.30 Uhr) Hertha BSC – es ist das Duell zweier Traditionsvereine, die auf ganz unterschiedliche Weise versuchen, wieder erfolgreicher zu werden. Welcher Weg ist der bessere?
Stuttgart - Erst gut eine Woche ist es her, dass Tayfun Korkut (47) zum letzten Mal im Fußballstadion seiner Heimatstadt zu Gast war. Regelmäßig hat er sich zuletzt die Heimspiele des VfB Stuttgart angeschaut und sich auch das 2:1 gegen den FSV Mainz 05 nicht entgehen lassen. Was sich im Nachhinein als goldrichtige Entscheidung erwies, da er nun bestens vorbereitet ist, wenn der nächste Besuch in der Mercedes-Benz-Arena ansteht – und sein Platz nicht mehr auf der Tribüne, sondern am Spielfeldrand ist.
Als neuer Trainer von Hertha BSC hat Tayfun Korkut am vergangenen Montag die Nachfolge des entlassenen Pal Dardai übernommen und trifft in seinem ersten Spiel an diesem Sonntag (15.30 Uhr) auf den VfB – jenen Club, bei dem er zwischen Januar und Oktober 2018 die Verantwortung trug. Auch eine bärenstarke Rückrunde bewahrte ihn damals nicht davor, schon nach sieben Spielen der neuen Saison gefeuert zu werden.
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Mit einiger Skepsis war Korkut damals beim VfB empfangen worden, nicht anders ist nun die Stimmungslage in Berlin. „Sind sie jetzt endgültig verrückt geworden bei Hertha?“, das fragte selbst der „Spiegel“. Korkut mag ein noch so akribischer Arbeiter und höflicher Zeitgenosse sein – für den großen Aufbruch aber steht er nicht. Zumindest nicht in den Augen jener Anhänger, die unverdrossen der Meinung sind, ihr Club gehöre eigentlich in die Champions League.
Der VfB und die Hertha sind zwei der großen Traditionsvereine in Deutschland, bei denen die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit in der jüngeren Vergangenheit besonders groß war. 2016 und 2019 sind die Stuttgarter abgestiegen, 2010 und 2012 die Berliner, die seit fünf Jahren keinen einstelligen Tabellenplatz mehr erreicht haben. Auch jetzt begegnen sich beide Clubs auf Augenhöhe: Der Fünfzehnte empfängt den Vierzehnten – ein Duell in einer Tabellenregion also, die an beiden Standorten dem Selbstverständnis widerspricht, dem der Wirtschaftsmetropole im Südwesten ebenso wie jenem der 3,6-Millionen-Einwohner-Weltstadt im Nordosten. Pod aktuell
Es sind ganz unterschiedliche Wege, auf denen beide Vereine wieder nach oben kommen wollen. Beim VfB setzt Sportdirektor Sven Mislintat seit zweieinhalb Jahren konsequent auf junge, entwicklungsfähige Spieler – und hat mit dieser Strategie immerhin schon zweierlei erreicht: Einerseits akzeptiert das Publikum inzwischen mit ungewohnter Nachsicht Rückschläge wie in dieser Saison. Andererseits sind die Marktwerte einzelner Spieler derart in die Höhe gegangen, dass die Coronakrise zumindest nicht die Existenz des Vereins bedroht. Doch fürchtet Mislintat bereits weitere Verkäufe und setzt daher seine Hoffnungen in einen neuen Investor. Nur so könne es gelingen, den nächsten Schritt zu machen.
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In Berlin lässt sich allerdings beobachten, dass auch ein Geldregen von außen keine Erfolgsgarantie beinhaltet. Um die Alte Dame als international anerkannten „Big-City-Club“ erstrahlen zu lassen, hat der Finanzinvestor Lars Windhorst seit seinem Einstieg im Sommer 2019 nicht weniger als 374 Millionen Euro in die Hertha gepumpt. Mittelmaß habe es lange genug gegeben, „sicher keine fünf bis zehn Jahre, sondern eher zwei bis fünf“ dürfe es dauern, bis der Club zur Bundesliga-Spitze gehöre.
Doch musste Windhorst schnell lernen, dass der Erfolg im Fußball nicht so leicht planbar ist wie dies in anderen Branchen der Fall sein mag. Die von ihm zur Hertha entsandten Großkaliber Jürgen Klinsmann und Jens Lehmann entpuppten sich zügig als Flops; im Transfermarkt versickerten allein in der Saison 2019/20 mehr als hundert Millionen Euro, ohne dass die Hertha der Spitze auch nur einen Zentimeter näher gekommen wäre. Der Status quo im Herbst 2021: Von dem vielen Windhorst-Geld ist nichts übrig geblieben – stattdessen müssen nun auch die Berliner sparen.
Kevin-Prince Boateng ist nach Berlin zurückgekehrt
Von den Auswirkungen der Pandemie werden die Hertha und der VfB besonders stark getroffen, da beide Vereine große Stadien und gewaltige Verwaltungsapparate haben. Einen Transferüberschuss von rund 25 Millionen Euro musste im Sommer Sven Mislintat erwirtschaften, bei etwa 23 Millionen lag das Plus bei der Hertha, bei der seit dieser Saison Fredi Bobic als Sportchef amtiert. Kreative Lösungen auf dem Transfermarkt muss auch der frühere Stürmer und Manager des VfB finden – und hat dabei eine andere Philosophie als Mislintat: Zwar ist Kevin-Prince Boateng (34) immerhin ablösefrei in seine Heimatstadt zurückgekehrt – über 90 Minuten aber hat der Altstar bisher noch in keinem Spiel durchgehalten.
Ob Tayfun Korkut, vor seinem Einstieg mehr als drei Jahre ohne Job, der Hertha neuen Schwung verleihen kann? Sein Vertrag läuft vorerst nur bis zum Saisonende. Fredi Bobic, so wird berichtet, arbeite im Hintergrund bereits an einer „großen Lösung“ für den Hauptstadtclub aus Berlin.