Mario Gomez trifft mit dem VfB auf den HSV. Foto: Pressefoto Baumann

Der VfB Stuttgart und der Hamburger SV weisen Parallelen in ihren Entwicklungen auf – auch deshalb wird das Aufeinandertreffen zwischen den beiden Traditionsclubs an diesem Donnerstag zu etwas Besonderem.

Stuttgart - Einen Punkt und eine um neun Treffer bessere Tordifferenz – so viel beträgt der Vorsprung des Hamburger SV auf den VfB Stuttgart. In einem Spiel lässt sich das aufholen. Das ist die Hoffnung des Tabellendritten vor dem direkten Aufeinandertreffen mit dem Tabellenzweiten an diesem Donnerstag (20.30 Uhr) in der Mercedes-Benz-Arena. Doch nach der Corona-Pause begleitet den VfB nicht nur die Ungewissheit, ob die Zweitligasaison zu Ende gespielt werden kann, sondern es haben sich Zweifel eingeschlichen, ob das Team von Pellegrino Matarazzo überhaupt aufstiegsfähig ist.

 

Wie ein wankender Riese kommt einem der VfB seit der Wiederaufnahme des Spielbetriebs vor; angeschossen und gepiesackt vom Tabellen-17. aus Wiesbaden und vom Tabellensiebten aus Kiel. Und so unterschiedlich die zwei Niederlagen in der Fremde auch zustande gekommen sein mögen – eines verbindet sie: Die Stuttgarter haben es innerhalb der Mannschaft an Leidenschaft, Konsequenz und Führungsstarke vermissen lassen.

Viel Gegenwind für VfB und HSV

Enttäuschend ist das für die Angestellten und Anhänger – und beim HSV kennen sie dieses Gefühl nur zu gut. Vor einem Jahr wiesen die Hanseaten zum gleichen Zeitpunkt mit 51 Punkten fünf Zähler mehr als aktuell auf. Die Mannschaft gewann zwar selten souverän, aber sie hielt noch den Aufstiegskurs. Doch mit den zwei Heimpleiten in letzter Minute gegen Darmstadt 98 und den 1. FC Magdeburg ging die Überzeugungskraft, es schaffen zu können, mehr und mehr verloren. Die Hamburger zerschellten danach an den Härten der zweiten Liga.

„Mannschaften wie der HSV und der VfB spüren sehr viel Gegenwind, da alle Zweitligisten gut verteidigen können und eine gute Körperlichkeit in ihr Spiel einbringen. Da reicht es für die Favoriten schlichtweg nicht zum Sieg, wenn sie nicht jedes Mal die volle Leistungsbereitschaft zeigen“, sagt Ralf Becker, der ehemalige Sportvorstand des HSV. Auch er hatte damals vor der Runde einen Umbruch beim einstigen Bundesliga-Dino eingeleitet, auch er hatte bereits einen Trainerwechsel von Christian Titz zu Hannes Wolf vollzogen, und auch er stützte den neuen Chefcoach, als es in der heißen Phase der Saison nicht lief.

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Alles Parallelen zum Tun des VfB-Sportdirektors Sven Mislintat jetzt. Weshalb Becker (früher auch Manager bei Holstein Kiel) weiß, dass die Traditionsvereine vor allem eines benötigen, um Veränderungen umsetzen zu können: Zeit. Doch die erhält im Profifußball nur derjenige, der gewinnt. „Eine Saison, in der eine Mannschaft unter dem Druck steht, aufsteigen zu müssen, ist da sehr begrenzt. Und das Schlimmste, was den Clubs passieren kann, ist es, die Verantwortlichen ständig auszutauschen. So kommen sie nie in einen Entwicklungsprozess“, sagt Becker.

Genau das ist in der Vergangenheit aber sowohl beim HSV als auch beim VfB geschehen, wo Becker früher als Jugendchef und Scout gearbeitet hat. Trainer, Sportchefs und Präsidenten wurden verschlissen. Geblieben sind häufig alte Mannschaftsstrukturen, die nur schwer zu durchbrechen sind. In Stuttgart haben Spieler wie Mario Gomez, Holger Badstuber, Gonzalo Castro und Daniel Didavi nach dem Abstieg zwar die zweite Liga angenommen, dennoch wirken sie häufig, als hätten sie sich in der Etage geirrt – Unterhaus statt Oberhaus.

Das Problem mit den Altstars

In Hamburg galt das in der Vorsaison für Profis wie Pierre-Michel Lasogga, Lewis Holtby und Aaron Hunt. Vertragliche Verpflichtungen schränkten den personellen Gestaltungsspielraum ein. Jetzt zählt nur noch Hunt zum Kader von HSV-Trainer Dieter Hecking. „Man benötigt in der zweiten Liga extrem hungrige Spieler, die zum einen bereits über Qualität verfügen, sich zum anderen aber auch noch weiterentwickeln können“, sagt Becker.

Spieler wie Orel Mangala, der während seines Leihjahres beim HSV zu den besten Zweitligaspielern zählte, nach seiner Rückkehr zum VfB diesen Anspruch aber nicht dauerhaft untermauert hat. Warum? Weil es im Team eine Achse von starken Persönlichkeiten braucht, um das unverkennbare Talent des 22-jährigen Belgiers zur Geltung zu bringen. „Es steckt viel Potenzial und Qualität im Kader. Wenn man das Ziel Aufstieg dennoch nicht erreicht, muss man jedoch hartnäckig bleiben. Denn langfristig braucht es einen Umbruch“, sagt Becker über den VfB.

Gleiches gilt für den HSV, weshalb in der Begegnung zwischen den ehemaligen Bundesliga-Größen viel Brisanz steckt – ein Psychospiel vor Geisterkulisse, denn die Hamburger (sie gewannen das Hinspiel mit 6:2) unternehmen den Kraftakt Wiederaufstieg das zweite Mal hintereinander, und der VfB will dies um jeden Preis verhindern. Am Ende wird aber wohl nur für einen der Giganten Platz auf einem der zwei direkten Aufstiegsränge sein, weil sich die kleine Arminia aus Bielefeld an der Spitze breitgemacht hat.