Christian Heidel, Sportvorstand des FSV Mainz, erneuert vor dem Spiel beim VfB Stuttgart seine Kritik an Politikern, die eine 2-G-Regel für Fußballprofis fordern – und erzählt eine lustige Anekdote über Thomas Tuchel.
Stuttgart/Mainz - Christian Heidel grüßt am Donnerstagvormittag aus seinem Büro in der Geschäftsstelle des FSV Mainz – und spricht in der Videoschalte nicht nur über Sportliches vor dem Bundesligaduell beim VfB Stuttgart an diesem Freitag (20.30 Uhr).
Herr Heidel, Mainz 05 lag bei Ihrem Amtsantritt Ende Dezember 2020 mit sechs Punkten am Boden. Es folgte ein famoses erstes Halbjahr 2021 und nun wieder ein starker Saisonstart – was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?
Ich denke, das Vertrauen und der Zusammenhalt im Verein – und speziell das Vertrauen in den Trainer. Das ist das Wichtigste: Dass ein junger Coach sich und die Mannschaft in Ruhe entwickeln und auch mal Fehler machen kann. Das ist das Modell in Mainz, das wir einst schon mit Jürgen Klopp und Thomas Tuchel oder später mit Martin Schmidt so gepflegt haben.
Sie haben Bo Svensson Anfang Januar geholt, bislang schreibt er eine Erfolgsstory. Was ist das für ein Typ?
Ich kenne Bo seit 2007, als ich ihn damals als Spieler nach Mainz geholt habe. Er hat sich schon als Profi immer über das Spiel und die Taktik Gedanken gemacht, Stimmungen im Team aufgefangen. Man kann ihn, obwohl er als Typ anders ist, mit dem Spieler Jürgen Klopp damals vergleichen. Beide waren nie Kapitäne hier in Mainz, aber beide waren Köpfe der Mannschaft. Bo ist seit jeher ein hochintelligenter Mensch, der sich unglaublich für Details interessiert. Ich habe gespürt, dass Bo – ähnlich wie das vielleicht bei Jürgen als Profi damals war – mal ein guter Trainer werden könnte. Dabei wollte er nach einer aktiven Karriere ja etwas anderes machen.
Was?
Bo wollte Lehrer in Dänemark werden. Wir haben lange darüber geredet, und ich habe ihm dann zum Ende seiner Karriere einen langfristigen Vertrag bei uns als Coach im Nachwuchsleistungszentrum angeboten. Den hat er angenommen.
Zwischendurch haben Sie beide Mainz 05 verlassen, jetzt sind Sie wieder vereint.
Ich habe seinen Weg auch in Österreich beim FC Liefering immer verfolgt. Als wir Ende 2020 einen Trainer suchten, gab es für mich mit Bo nur einen Kandidaten. Er hat eine Bindung zum Verein und zur Stadt durch seine Vergangenheit hier, er kennt alles, er ist fachlich überragend – und er ist, obwohl ihm die Leute das aufgrund seines eher ruhigen Auftretens nicht immer zutrauen, ein Menschenfänger. Als er hier angefangen hat, da war Totentanz in der Kabine und auf dem Platz. Innerhalb einer Woche hat es Bo geschafft, die Stimmung zu drehen.
Gemeinsam mit Svensson und dem Sportdirektor Martin Schmidt haben Sie den FSV wachgeküsst. Vorher kamen die Leute nicht mehr wie früher ins Stadion, es gab einen Spielerstreik – wie haben Sie den Umschwung geschafft?
Als ich in Mainz im letzten Jahr in der Stadt über den Markt gegangen bin, da haben die Leute zu mir gesagt: „Was machen denn die 05er schon wieder, die 05er haben ja schon wieder verloren.“ Ich habe den Leuten dann gesagt: „Das heißt hier nicht ‚die 05er’ – das heißt ‚wir’“! Die Identifikation hatte ein bisschen nachgelassen – unser Ziel muss es sein, durch die Art, wie wir spielen und wie sich der Club nach außen präsentiert, die Leute wiederzugewinnen. Mainz war schon immer ein volksnaher Club, das müssen wir so leben, dann kommen die Leute auch wieder gern.
So wie das früher bei Jürgen Klopp und Thomas Tuchel war – wie ist der Kontakt zu Ihren prominenten Ex-Trainern?
Meine Verhältnisse zu den beiden kann man nicht ganz vergleichen. Kloppo ist bis heute einer meiner engsten Freunde, es gibt kaum zwei Tage hintereinander, an denen wir keinen Kontakt haben. Und dann geht es nicht nur um Fußball. Wir haben den Sommerurlaub dieses Jahr fast vier Wochen lang mit unseren Familien auf Mallorca genossen.
Thomas Tuchel haben Sie im Sommer 2009 drei Tage vor dem damaligen Saisonstart vom Jugendcoach zum Profitrainer befördert.
Ja, das war eine ziemlich spektakuläre Sache. Sagen wir es so: Als wir Jürgen im Februar 2001 über Nacht zum Profitrainer gemacht haben, war das eine reine Bauch-Entscheidung. Bei Thomas war es eine Kopf-Entscheidung. Ich wusste, dass wir einen so guten Trainer so schnell nicht wieder bekommen. Da es mit Jörn Andersen trotz des Aufstiegs schwierig wurde, musste ich handeln, auch wenn es damals zunächst schwer zu vermitteln war.
Jetzt ist Thomas Tuchel Champions-League-Sieger mit dem FC Chelsea.
Ich freue mich sehr über seinen Weg. Wir haben immer mal wieder Kontakt, und wenn er einen Titel holt, dann schreibe ich ihm Glückwunschnachrichten. Und na klar, wenn ich mir die Tabelle der Premier League anschaue und sehe, dass in Jürgen mit dem FC Liverpool und Thomas zwei Trainer vorne dabei sind, die bei uns zum Proficoach reifen konnten, macht mich das froh.
Über Thomas Tuchel liest und hört man ja immer wieder mal, dass er angeblich so ein komplizierter Typ sei. Ist das so?
Ich sage Ihnen mal was: Ich habe noch nie einen guten Trainer erlebt, der nicht kompliziert ist – denn dann wäre er auch kein guter Trainer. Und glauben Sie bloß nicht, dass Jürgen Klopp als Trainer nicht auch kompliziert ist. Typen wie Tuchel oder Klopp wollen in jedem Bereich ans Limit gehen. Und allein deshalb sind sie kompliziert. Das ging bei Thomas mal so weit, dass er eines Tages mit dem Lineal kam, die Grashalme auf dem Platz gemessen und sich mit unserem Gärtner angelegt hat, weil ihm der Rasen ein paar Millimeter zu kurz war (lacht). Das sind Perfektionisten – und über Thomas möchte ich noch etwas sagen.
Bitte!
Er wird mir oft noch immer viel zu negativ dargestellt. Klar ist Thomas speziell, man muss wissen, wie man ihn zu nehmen hat und verstehen, dass es ihm sehr wichtig ist, dass man Tag und Nacht für die gemeinsame Sache kämpft. Aber Thomas ist ein feiner Mensch mit einem intelligenten und besonderen Humor. Wir kamen sechs Jahre lang sehr gut klar.
Kommen wir noch zu einem Thema, das nicht ausbleiben kann – Sie haben vor ein paar Tagen die Forderungen aus der Politik nach einer 2-G-Regel für Fußballprofis scharf kritisiert. Warum?
Mir ging es darum, dass einige Politiker in einer der schlimmsten Situationen, die dieses Land seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt, offenbar nichts anderes im Sinn haben, als sich darüber auszulassen, dass Fußballer geimpft sein müssen.
Was ist daran falsch?
Eines vorneweg: Jede und jeder in diesem Land sollte sich impfen lassen, um sich und andere vor diesem tückischen Virus zu schützen. Aber die Politik soll sich doch bitte auf die wahren Probleme der Pandemie konzentrieren. Die Impfquote im Profifußball ist um ein Vielfaches höher als in der Gesamtgesellschaft, in Mainz liegen wir bei 98 Prozent. Der Fokus sollte darauf liegen, wie man die pandemiebedingte dramatische Situation in den Kliniken, in der Wirtschaft und in der Gesamtgesellschaft in den Griff bekommt. Ich finde es sehr bedenklich, wenn es immer wieder Politiker gibt, die sich dann öffentlich über vielleicht noch 100 ungeimpfte Fußballer auslassen. Das ist Populismus pur. Sie sollten sich Gedanken darüber machen, wie man es schafft, dass sich 20 Millionen ungeimpfte Menschen in Deutschland für eine Impfung entscheiden und diese dann auch geimpft werden können.