Beim Spiel des VfB Stuttgart gegen Mainz war es im Fanblock der Mainzer zu einem Notfall gekommen. Foto: IMAGO/Jan Huebner

Fußball-Fans, die im Stadion leblos zusammenbrechen, gibt es immer wieder. Was Experten zu diesem Phänomen sagen und warum die Uefa mehr auf Reanimationskurse setzt.

Diesen Fußballabend wird der Mainzer Fan nicht mehr vergessen: Keine Viertelstunde lief die Begegnung von VfB Stuttgart und Mainz 05 am frühen Sonntagabend – da blieb sein Herz plötzlich stehen. Er musste wiederbelebt werden und befindet sich nun nach Angaben aus Fankreisen außer Lebensgefahr.

 

Die Nachricht, dass einer der 59 000 Zuschauer einen Herz-Kreislauf-Stillstand erlitten hat, erfasste zunächst das Publikum in der MHP-Arena, das ganz ruhig wurde, und ging dann durch die Medien, zigtausend Mal in sozialen Netzwerken geteilt.

Damit verbunden ist die Frage, ob in Fußballstadien Menschen gefährlicher leben als anderswo: Kommt es doch immer wieder zu Meldungen, nach denen Fans bei Stadionbesuchen aufgrund von Herz-Kreislauf-Stillständen wiederbelebt werden müssen: Erst im September musste bei einer Partie Hertha gegen Hannover ein Fan reanimiert werden. Ein Fall, der ähnliche Schlagzeilen gemacht hatte, geschah im vergangenen Mai beim Spiel Rot-Weiß Essen gegen Duisburg. Nur um zwei Beispiele zu nennen.

Deutlich mehr als 200 Bundesbürger pro Tag bleibt das Herz stehen

Offizielle Zahlen, wie häufig Fußballfans von solchen notfallmedizinischen Ereignissen betroffen sind, gibt es nicht. „Statistisch gesehen sind solche Vorfälle nichts Ungewöhnliches“, sagt Bernd Böttiger, Präsident des German Resuscitation Council (GRC) – des deutschen Wiederbelebungsrats. Pro Tag brechen hierzulande zwischen 200 und 340 Bundesbürger aufgrund eines Herz-Kreislauf-Stillstandes leblos zusammen, „somit auch in Fußballstadien“, sagt der langjährige Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin an der Uniklinik Köln.

Hinzu kommt, dass für Fußballfans mit gesundheitlichen Problemen ein Stadionbesuch durchaus riskanter sein kann als für gesunde Zuschauer: So kann die Ausschüttung der Stresshormone wie die Katecholamine Adrenalin, Noradrenalin und Dopamin für vorerkrankte Herzen eine Herausforderung sein, sagt Böttiger. Gesteigert wird dieser Effekt durch die Summe aus wenig Schlaf, Lärm, Alkohol und Fastfood.

Herzkranke Fußballfans müssen aufpassen

Das ist inzwischen auch durch Studien belegt – etwa der Analyse von kardiovaskulären Ereignissen in der Region München während der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland: Demnach traten kardiovaskuläre Notfälle während der Wettkampf-Phase 2,66 Mal häufiger auf als vor oder nach dem Turnier.

Doch nicht nur Fans, auch Profi-Fußballer sind von einem plötzlichen Herztod betroffen: Bei der Fußball-Europameisterschaft im Jahr 2021 brach der dänische Nationalspieler Christian Eriksen plötzlich während des ersten Gruppenspiels zusammen. Er wurde auf dem Spielfeld wiederbelebt und überlebte. Bald spielte er wieder – heute beim VfL Wolfsburg in der Bundesliga. „Tatsächlich haben wir auch dies zum Anlass genommen, zusammen mit der Uefa das Thema Wiederbelebung mehr in das Bewusstsein der Menschen zu holen“, sagt Böttiger, der auch als Bundesarzt des Deutschen Roten Kreuzes tätig ist.

Entstanden ist daraus unter anderem die Kampagne „Get trained, save lives“, die im Vorfeld der Fußball-EM 2024 dazu geführt hat, dass alle Turniermannschaften samt deren Versorgungsteams und die Schiedsrichter eine Schulung in Wiederbelebung erhalten haben, sagt Böttiger. Während des Turniers wurden in den Fan-Zones auch die Zuschauer in Sachen Reanimation aufgeklärt und geschult. Insgesamt haben nach Zahlen des Europäischen Rates für Wiederbelebung rund 40.000 Menschen an dieser Kampagne aktiv teilgenommen.

Die ersten drei bis fünf Minuten sind entscheidend

Wie wichtig dieses Wissen ist, hat sich auch in der MHP-Arena am Sonntagabend gezeigt: „Es bleiben im Schnitt drei bis fünf Minuten, in denen es gelingen kann, den Sterbeprozess eines Menschen mit plötzlichem Herz-Kreislauf-Stillstand aufzuhalten“, sagt Böttiger. Danach kommt es im Gehirn aufgrund der Sauerstoffunterversorgung zu bleibenden Schäden. „Um diese kurze Zeitspanne abzufangen, braucht es Menschen, die schnell und beherzt mit Wiederbelebungsmaßnahmen wie der Herz-Druck-Massage beginnen“, sagt Böttiger. In Stuttgart ist dies gelungen. „Wenn es immer so gut laufen würde könnten wir mehr als 10.000 Menschenleben jedes Jahr bei uns zusätzlich retten“.

So funktioniert die Wiederbelebung

Notruf
Die Laienreanimation erfolgt nach dem Prinzip „Prüfen, Rufen, Drücken“. Man spricht den Bewusstlosen an und schaut, ob er reagiert und ob sich sein Brustkorb gleichmäßig hebt und senkt. Ist dies nicht sicher der Fall, wird der Notruf 112 abgesetzt.

Herz-Druck-Massage Dann den Bewusstlosen in Rückenlage bringen, Brustkorb frei machen und den Druckpunkt bestimmen. Dieser liegt in der Mitte der imaginären Linie, die die beiden Brustwarzen bilden. Man beugt sich direkt über den Bewusstlosen, legt die Hände übereinander, streckt die Arme durch – und dann Drücken-Entlasten-Drücken-Entlasten, möglichst im Takt des Bee-Gees-Hits „Stayin’ alive“, Helene Fischers „Atemlos“ oder dem Song „Highway to Hell“ von AC/DC. Bis der Notarzt kommt.