Ewald Lienen kommt in Hamburg gut an. Foto: dpa

Der Trainer Ewald Lienen ist beim Hamburger Kiezclub seit anderthalb Jahren im Amt und sportlich nicht mehr wegzudenken.

Hamburg - Oke Göttlich ist kein Freund von Personenkult. Für St. Paulis seit knapp zwei Jahren amtierenden Präsidenten ist der Club größer als jeder Einzelne, das betont er immer wieder. Nur Ewald Lienen bildet eine Ausnahme, und der frühere Journalist und Musiklabel-Gründer stört sich auch nicht daran. Im Gegenteil. „Ewald und der FC St. Pauliist eine perfekte Verbindung“, sagt Göttlich. Und das nicht nur in sportlicher Hinsicht.

Lienen hat in seiner aktiven Karriere den linken Flügel besetzt, nicht nur auf dem Feld. „Im Nachhinein“, sagt daher Geschäftsführer Andreas Rettig augenzwinkernd, „ist es eigentlich verwunderlich, dass niemand früher auf die Idee mit Ewald und St. Pauli gekommen ist.“ Im Dezember 2014 war es Göttlich, gerade erst frisch im Amt, der zusammenführte, was scheinbar zusammengehört. Der Kiez-Club war Letzter in der zweiten Liga und hatte die Patrone Trainerwechsel eigentlich bereits verschossen. Weil der Schuss mit Thomas Meggle statt Roland Vrabec nicht saß, holte Göttlich Lienen aus der Fußball-Rente – und seinen Club mit dieser Maßnahme aus dem Tief.

Seitdem geht auf St. Pauli eigentlich nichts ohne den gebürtigen Westfalen. Zwei Beispiele aus dem außersportlichen Bereich sind sinnbildlich für seinen enormen Stellenwert: Um ein Signal gegen das Bienensterben zu setzen, siedelte der Club am Millerntor zwei Bienenvölker an, der produzierte Honig trägt den Namen Ewald-Bienen-Honig. Als der Coach dann zum Zeitpunkt der Vorstellung von Marvin Ducksch im Urlaub weilte, wurde der neue Angreifer von Sportchef Meggle und einem Mitarbeiter der Pressestelle mit Lienen-Maske präsentiert. Eine Aktion, die in den sozialen Netzwerken für viel Erheiterung sorgte und auch den 62-Jährigen selbst begeisterte: „Es war eine Idee unserer Medienabteilung, und ich fand das überragend.“ Entscheidend aber war eines für ihn: „Es musste für Marvin okay sein, sonst hätten wir das nicht gemacht.“

Lienen betreibt keine Effekthascherei

Auch dieser Teil der Episode ist beispielhaft für Lienens Wirken in Hamburg. Der Ex-Profi musste Zeit seiner Karriere damit Leben, dass er in bestimmten Schubladen steckte. Auch, weil er sie selbst gern immer mal wieder aufmachte, auf St. Pauli aber kann er sein wie er ist – und kommt an. Seinen Spielern schenkte er vom ersten Tag an totales Vertrauen, genießt ungeheure Wertschätzung im Kader. Unter anderem, weil er nie Effekthascherei zulasten der Profis betreiben würde.

Geblieben sind dennoch nicht alle: Marc Rzatkowski reizte das große Geld und die Aussicht auf internationalen Fußball bei RB Leipzig, Lennarty Thy die Aussicht bei Ex-Club Werder Bremen erstklassig zu spielen, und Enis Alushi wollte den letzten Vertrag seiner Karriere möglichst lukrativ abschließen, sagte St. Pauli ab und Nürnberg zu. „Das sind natürlich Verluste“, sagt Lienen, warnt vor der mit der Partie beim VfB beginnenden Saison aber noch aus einem zweiten Grund: „Wir werden von anderen Clubs nun anders wahrgenommen.“ Die veränderte Wahrnehmung und eine durchaus auch gestiegene Anspruchshaltung an sich selbst hat St. Pauli schon in der Rückserie der Vorsaison Probleme bereitet.

Am Millerntor wird zu oft verloren

Eine bessere Heimbilanz gegen die Kellerkinder nämlich hätte den Aufstiegstraum durchaus realistisch werden lassen können, doch sowohl die Absteiger Paderborn und FSV Frankfurt als auch 1860 München und Sandhausen entführten drei Zähler vom Millerntor. „In einigen Partien“, weiß der Trainer-Routinier, „haben wir unsere Basis verlassen.“ Und das nimmt er durchaus auf seine Kappe: „Ich hatte eingefordert, dass wir mehr Fußballspielen. Weil wir das können und weil wir auch den nächsten Schritt in unserer Entwicklung nehmen wollen.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: