Enttäuschung nach dem verpassten Ausgleich: VfB-Spieler Tanguy Coulibaly (li.) Foto: Pressefoto Baumann/Hansjürgen Britsch

Viermal 19 ergibt 76. Oder: einen extrem spannenden Kampf gegen den Abstieg. Der VfB Stuttgart ist mittendrin, weil er zuletzt die Chance, sich abzusetzen, teils fahrlässig vergeben hat. Die Partie gegen den FC Bayern bietet nun neue Ansatzpunkte.

Worauf es im Kampf gegen den Abstieg ankommt? Auf Leidenschaft, Einsatzbereitschaft, Kampfkraft, Entschlossenheit, auf einen Schuss Lockerheit. Aber auch: auf das richtige Timing. Das dem VfB Stuttgart in den vergangenen Wochen abgeht.

 

Dass die Mannschaft nicht in der Lage ist, konstant gute Leistungen abzurufen, liegt bei einem Abstiegskandidaten in der Natur der Sache. Fokussieren sollte sich die Bestleistung dann wenigstens auf jene Partien, die eine ganz besondere Bedeutung haben – etwa gegen die direkte Konkurrenz. Was aber machte der VfB in den ersten Wochen unter dem Cheftrainer Bruno Labbadia?

Zeigte in den acht Bundesliga-Partien und dem einen Pokalspiel seine wohl besten Leistungen bei RB Leipzig und am Samstagabend gegen den FC Bayern. Gegen zwei Teams also, deren Qualität so hoch ist, dass am Ende trotz der guten Auftritte keine Punkte gewonnen werden konnten. Stattdessen enttäuschte das Team zuletzt gegen den FC Schalke 04 (1:2), war gegen Werder Bremen nicht gut genug (0:2) und ließ sich gegen 1899 Hoffenheim in der Nachspielzeit noch den Sieg wegschnappen (2:2).

„Es wäre schöner, wenn wir mehr gepunktet hätten“, sagte Bruno Labbadia, der im Dezember das VfB-Team übernommen hat und noch keinen echten Aufwärtstrend herstellen konnte. Nimmt man die ersten sechs Rückrundenspiele im Vergleich zu den ersten sechs Hinrundenpartien stehen sogar zwei Punkte weniger auf dem Konto.

Vier Teams mit 19 Punkten

Auch am schlechten Timing der Stuttgarter liegt es, dass sich im Tabellenkeller nun eine besondere Konstellation ergeben hat. Vier Clubs stehen mit jeweils 19 Punkten auf den unteren Rängen. Immerhin: Erster des Quartetts ist aktuell der VfB, der wegen der Tordifferenz vor 1899 Hoffenheim, dem FC Schalke 04 und dem VfL Bochum liegt. Gerade einmal einen Punkt vor den Stuttgartern rangiert Hertha BSC. Labbadias Team muss also dringend punkten, will es in diesem Vier- oder Fünfkampf bestehen – ganz egal, wie stark die Gegner ab sofort eingeschätzt werden. Am Samstag (15.30 Uhr) geht es nun zunächst in Frankfurt gegen die Eintracht.

Die knappe 1:2-Niederlage gegen den FC Bayern bietet dafür den einen oder anderen Ansatzpunkt. Zuvorderst natürlich diesen: Vom gegen die Münchner gezeigten Leistungslevel darf die Mannschaft künftig nicht mehr nach unten abweichen. Die Laufbereitschaft war gut (124,8 Kilometer), der Wille dagegenzuhalten erkennbar. Die Innenverteidigung stand mit Konstantinos Mavropanos und Dan-Axel Zagadou recht stabil. Und selbst nach dem 0:2 durch Eric Maxim Choupo-Moting in der 62. Minute „sind wir nicht auseinandergefallen und haben Harakiri gespielt“, wie Labbadia feststellte.

Stattdessen machten die Einwechselspieler Tiago Tomas per Flanke und Juan Perea mit einem Kopfballtor (88.) spät noch einmal die Tür auf. Tanguy Coulibaly hätte dann in der Nachspielzeit beinahe sogar noch den Ausgleich erzielt. „Wir haben versucht, den Bock umzustoßen“, sagte der VfB-Sportdirektor Fabian Wohlgemuth, „aber wir haben nur dran gerüttelt.“ Weil die Mängelliste auch nach dem ordentlichen Auftritt gegen die Bayern noch geführt werden muss.

Bruno Labbadia kritisiert Silas Katompa

Die Suche nach einem Ersatz für den verletzten Mittelstürmer Serhou Guirassy kann auch nach dem erneuten Versuch mit Silas Katompa nicht als beendet angesehen werden. Der Kongolese konnte seine größte Stärke, seine Schnelligkeit, so gut wie nicht einbringen und mit dem Rücken zum Tor kaum Bälle sichern. „Er hat sich wenig durchsetzen können“, sagte Labbadia und ergänzte unabhängig von der Position: „Da kommt im Moment zu wenig.“ Doch echte Alternativen sieht auch er nicht.

Ebenfalls nicht neu ist, dass im Offensivspiel zu oft die falsche Entscheidung getroffen wird. „Wir hatten gute Balleroberungen“, sagte der Chefcoach, „haben aber wie so oft zu wenig Kapital daraus geschlagen.“ Nach einem gewonnenen Zweikampf fehle zudem meist der Mut, weiter entschlossen nach vorne zu agieren. Auch Florian Bredlow hat nun wie Florian Müller im VfB-Tor gepatzt (beim Fernschuss von Matthijs de Ligt/39.). Und die Diskussion, ob Waldemar Anton auf der rechten Abwehrseite gut aufgehoben ist, hat auch die Partie gegen die Münchner nicht erledigt. „Wir wissen, dass wir ein paar Sachen besser machen müssen“, zog Bruno Labbadia am Samstagabend das Schlussfazit – und rief noch einmal allen das Saisonziel in Erinnerung.

„Drei Teams wollen wir hinter uns lassen“, sagte er und sieht dafür auch „die Chance“. Prinzipiell sei es gut, „dass so viele Mannschaften dabei sind“. Gegen die direkten Konkurrenten aus Bochum, Berlin und Hoffenheim tritt der VfB in den kommenden Wochen noch an. Die Sache mit dem Timing wird dennoch immer unwichtiger. Denn bei 19 Punkten und noch elf ausstehenden Spielen gibt es ab sofort nur noch extrem wichtige Partien.