Das 3:2 gegen den FC Augsburg war der emotionale Höhepunkt dieser Saison – und könnte für den VfB Stuttgart zum Wegbereiter für den Klassenverbleib werden.
Vielfach ist in den vergangenen Monaten der Abgesang formuliert worden. Nichts werde nach zwei Jahren Pandemie mehr sein wie früher. Die Fans, fußballmüde und gefrustet ob zahlreicher Fehlentwicklungen in der Welt ihres Lieblingssports, würden nicht mehr in den Maße in die Stadien zurückkehren wie einst. Kaum ein Fanforscher, der nicht vor Abkehr und Entfremdung warnte und orakelte, dass das Ende einer jahrelangen Entwicklung, die bislang nur eine Richtung kannte, nämlich nach oben, nun erreicht sei. Wie ein Grauschleier legte sich die Pandemie über die Fußball-Bundesliga. Auch in Stuttgart, wo der sportliche Misserfolg seinen Teil zur depressiven Verstimmung beitrug.
Und dann das: 55 785 Fans erlebten beim 3:2-Sieg des VfB Stuttgart gegen den FC Augsburg ein Frühlingserwachen der besonderen Art. Es war eine Explosion der Emotionen, welche die Mercedes-Benz-Arena lange, sehr lange nicht mehr erlebt hatte. Zu sehen waren Fans, die Tränen in den Augen hatte, während die Anhänger aus der Cannstatter Kurve noch eine halbe Stunde nach Spielschluss euphorisiert weiter sangen. Eine Atmosphäre, die sich neunzig Minuten lang auf die Mannschaft übertragen hatte und die durch das furiose Finale ihr volle Wechselwirkung mit dem Publikum entfaltete.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Die Top- und Flopwerte zum Spiel des VfB
Und die nicht nur Sven Mislintat in ihren Bann zog. „Ich komme ja aus Dortmund“, sprach der Sportdirektor eine Stunde nach Spielschluss vor den Katakomben. „Da ist das ja auch ganz cool. Aber das“, betonte Mislintat, „war schon richtig geil. Ich habe jetzt noch Gänsehaut.“
Jetzt-erst-recht-Haltung nach dem 1:2
Bei seiner Analyse der 90 Minuten sprudelte es nur so aus ihm heraus. Emotion, Leidenschaft, Mentalität, Zusammenhalt – das sei es, was die Mannschaft und den Club samt seiner Anhänger ausmache. Nun wurde diese Symbiose nach langen tristen Monaten endlich greifbar. Nicht ein Pfiff war zu hören, als sich die Mannschaft kurz vor der Pause durch eine schludrige Abwehrarbeit hinten einriss, was sie sich zuvor vorne durch den Ausgleichstreffer von Waldemar Anton (44.) aufgebaut hatte. Stattdessen bedingungslose Unterstützung, auch bei Rückstand, und nicht nur aus der Kurve. Mislintat sprach von einer „Jetzt-erst-recht-Haltung“, die auch die Mannschaft an den Tag legte und durch zwei späte Tore von Omar Marmoush (79.) und Tiago Tomas (85.) noch belohnt wurde.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Die Pressestimmen zum Spiel
Es war ein Spiel, das alle mitriss – auch den sonst eher kontrolliert wirkenden Pellegrino Matarazzo. Der 44-Jährige stürze sich nach dem Siegtreffer mitten hinein in die Spielertraube. Auch nach Spielschluss war er beim Jubeln kaum zu halten. „Die Fans haben unfassbar unterstützend gewirkt“, urteilte der US-Amerikaner. „Sie waren ein Faktor, dass wir dieses Spiel gewonnen haben.“ Kleiner Randaspekt: Für viele Spieler war es der erste Auftritt vor solch einer Kulisse. Sorgen, wonach ein volles Stadion im Kampf gegen den Abstieg auch eine kontraproduktive Wirkung auf die junge Mannschaft haben könnte, erwiesen sich als unbegründet. Und wer gesehen hat, wie die Ersatzspieler Erik Thommy, Tanguy Coulibaly und Clinton Mola bei Chris Führichs Fehlschuss in der Nachspielzeit an der Seitenlinie erst mitfieberten und dann mitlitten, der sieht, dass der viel beschworene Teamgeist beim VfB tatsächlich gelebt wird.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Die Rollenverteilung unter dem neuen VfB-Boss
Er ist neben der Rückkehr der Zuschauer ein weiterer Faktor, der die Mannschaft dem Klassenverbleib wieder ein Stück weit näher bringt. Das Team hat sich gefunden, es funktioniert. Zumindest so gut, dass es die eigenen Schwächen (wieder zwei Gegentore in einem Heimspiel) durch die eigenen Stärken im Angriff inzwischen ausmerzen kann.
Noch ist lange nichts gewonnen
Doch auch das sollte bei aller Euphorie nicht vergessen werden: Noch ist nichts gewonnen, auch wenn der VfB erstmals in diesem Jahr nicht auf einem Abstiegsplatz steht. In zwei Wochen steht der nächste Abstiegsgipfel an. Dann geht es auf die Alm zu Arminia Bielefeld, „da sind dann 20 000 gegen uns“ (Mislintat). Ob beim anderen Konkurrenten Hertha BSC nicht doch der Magath-Faktor zum Tragen kommt, erscheint nach diesem Wochenende zumindest vorstellbar. Und anders als der FC Augsburg, der noch fünfmal zu Hause antreten kann, stehen dem VfB nur noch drei Heimspiele und einige schwere Auswärtsaufgaben bevor, um am Ende auf mindestens 35 Punkte zu kommen, die als realistisch für das Erreichen des Saisonziels erachtet werden.
Matarazzo verspricht: Werden nicht nachlassen
„Wir haben noch einen langen Weg vor uns und werden kein Stück nachlassen“, versprach Matarazzo. Unter dem Eindruck des Spiels vom Samstag wollte ihm niemand widersprechen.