Das VfB-Team feiert mit den Fans den 3:1-Sieg gegen den FC Bayern. Foto: Baumann/Volker Müller

Der VfB Stuttgart hat schon viel erreicht in dieser Saison – und nun auch noch den FC Bayern bezwungen. Wie war das möglich? Unsere Analyse zum VfB-Sieg im Südgipfel.

Die Szene des Nachmittags spielte sich ja im Grunde erst ab, nachdem die Partie, die sich mittlerweile wieder Südgipfel nennen darf, abgepfiffen war. „Hoeneß auf den Zaun“, forderten die Fans des VfB Stuttgart – und der Trainer des Bundesligateams gehorchte aufs Wort. Ein bisschen unbeholfen zwar, aber rundum sympathisch stieg Sebastian Hoeneß also auf die stählerne Tribünenbegrenzung – und meinte: „Ich lasse einfach mal mein Herz sprechen. Ich möchte mich, auch im Namen der Mannschaft, von ganzem Herzen bedanken. Was wir diese Saison erleben, ist unbeschreiblich.“ Der noch größere Dank geht seit Wochen in die andere Richtung.

 

Der VfB Stuttgart, dem Abstieg nur durch den Relegationserfolg entronnen, hat jüngst erst den Klassenverbleib klargemacht, dann den Einzug in den Europapokal, kürzlich die Teilnahme an der Champions League – und hat nun auch den ersten Heimsieg gegen den FC Bayern seit November 2007 oben drauf gesetzt. „Außergewöhnlich“ fand das der Sportdirektor Fabian Wohlgemuth.

3:1 (Liveticker und alle Statistiken) hieß es am Ende im Duell gegen den Rekordmeister. Weil die Bayern gedanklich schon ein paar Tage weiter waren – am Mittwoch spielen sie in Madrid um den Einzug ins Finale der Champions League. Aber eben auch, weil der VfB mittlerweile mit der Selbstverständlichkeit eines riesigen Selbstvertrauens selbst gegen den Dauermeister der vergangenen Jahre antritt. „Dieses Selbstvertrauen haben wir uns erarbeitet“, sagte Alexander Nübel. Der Torhüter, der vom FCB an den VfB ausgeliehen ist, fügte genüsslich hinzu: „Die Bayern waren heute fällig.“

Viel Ballbesitz für den VfB

Schon im Hinspiel hätten die Stuttgarter den Münchnern gerne die Stirn geboten. Damals aber ließen sie sich überraschen von der eher zurückhaltenden Spielweise und übertölpeln von den zielgenauen Nadelstichen der Bayern. „Diesmal haben wir uns besser darauf eingestellt“, sagte Mittelfeldspieler Atakan Karazor. Der VfB dominierte also die Partie, hatte bis zur Pause stets über 60 Prozent Ballbesitz, und lief dennoch nicht in einen Konter des FCB. Folgerichtig war dann die Führung – ebenso wie der Name des Torschützen.

Leonidas Stergiou spielte wie zuletzt auf der rechten Stuttgarter Abwehrseite – wirkte gegen die Bayern aber so aufgedreht wie nie zuvor, seit er im vergangenen Sommer nach Stuttgart gekommen ist. Nun sprintete er die rechte Außenbahn hoch und runter, Deniz Undav lupfte ihm den Ball in den Lauf – und der Schweizer wiederholte das Kunststück Undavs und überwand Nationalkeeper Manuel Neuer in der 29. Minute.

Dass den Münchnern durch einen äußerst fragwürdigen Strafstoß der Ausgleich gelang (37.), sorgte zwar für Ärger und ein wenig Ernüchterung. Doch nachdem die Bayern in der zweiten Hälfte zwei gute Chancen ausgelassen hatten, war beim VfB „die Lust auf den Sieg am Ende größer“. So sah das der Münchner Sportchef Max Eberl – nachdem die eingewechselten Woo-yeong Jeong und Silas Katompa für den 3:1-Erfolg der Stuttgarter gesorgt hatten.

„Wir wollten unter die Top-Vier kommen und aus eigener Kraft die Champions League erreichen“, sagte der VfB-Mittelfeldmann Angelo Stiller zur Tatsache, dass dem Hoeneß-Team nun ein Platz innerhalb des Spitzenquartetts nun sicher ist. Und während die Münchner nun nach Madrid blicken, schauen die Stuttgarter auf die Bayern.

„Wir haben schon wieder neue Ziele“, verkündete Atakan Karazor und erklärte auch gleich, was er damit meinte: „Wir haben Bock darauf, am Ende vor den Bayern zu stehen.“ Platz zwei ist zwei Punkte entfernt – und die Vizemeisterschaft in Verbindung mit der möglichen Teilnahme am Supercup nun der Ansporn für die restlichen beiden Partien dieser VfB-Saison. Am Freitag (20.30 Uhr) tritt die Mannschaft beim FC Augsburg an, zum letzten Spiel (18. Mai, 15.30 Uhr) kommt Borussia Mönchengladbach in die MHP-Arena.

„Jetzt wollen wir die Saison professionell zu Ende bringen“, sagte Fabian Wohlgemuth, der bei den anstehenden Personalgesprächen immer mehr Trümpfe in den Händen hält. Seine Aufgabe: Den VfB-Erfolg verstetigen. Damit Sebastian Hoeneß am Samstagnachmittag nicht zum letzten Mal auf den Zaun geklettert ist.