Der VfB Stuttgart hat gezeigt, wie gut er immer noch spielen kann. Doch der ersehnte Sieg sollte nicht mehr sein als ein Startschuss in die heiße Phase des Abstiegskampfes.
Stuttgart - An diesem Gegner kam Tiago Tomas nicht mehr vorbei. Zu groß erschien er in diesem Augenblick, gar übermächtig. Da half dem Portugiesen keine Finte wie zuvor gegen die Verteidiger. Auch sein schneller Antritt, mit dem er die Abwehrrecken hatte stehen lassen, brachte den Stürmer des VfB Stuttgart nicht weiter. Sein schlechtes Gewissen plagte Tomas nach zwei vergebenen Torchancen – trotz des begeisternden 3:2 gegen Borussia Mönchengladbach.
„Er ist gleich nach dem Abpfiff zu mir gekommen und hat gemeint, dass er mir jetzt zwei Tore schuldet“, erzählt der Trainer Pellegrino Matarazzo und wertet die Tomas-Aussage als gutes Zeichen. Denn sie spricht für den Ehrgeiz und die hohe Identifikation des Leihspielers von Sporting Lissabon. Seit wenigen Wochen ist Tomas erst beim Bundesligisten, doch sein Einfluss auf das Spiel ist erkennbar. Er bereichert die Offensive, die mit Ausnahme des verletzten Silas Katompa Mvumpa nun komplett und fit ist.
Sven Mislintat erlebt Déjà-vu
So hat man sich das beim VfB immer vorgestellt. Sasa Kalajdzic bildet das Angriffszentrum, und um den Mittelstürmer herum wirbeln zusätzlich noch Omar Marmoush und Chris Führich. Was gegen die Gäste vom Niederrhein nicht nur erahnen ließ, wie der VfB im Abstiegskampf spielen kann. Sondern die Stuttgarter lieferten insgesamt eine Vorstellung voller Wucht und Willen, Leidenschaft und Spiellust.
Ein Hollywood-Drehbuch hätte die Dramaturgie in der Mercedes-Benz-Arena dabei nicht besser auf den emotionalen Höhepunkt treiben können: 0:2 lagen die Gastgeber nach den Treffern von Alassane Plea (14.) und Marcus Thuram (35.) bereits zurück. Entsetzen machte sich unter den erwartungsfrohen 25 000 Zuschauern breit. „Wie willst du das noch erklären“, dachte sich der Sportdirektor Sven Mislintat auf der Ersatzbank.
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Denn wäre der Fußball in all seinen Momenten gerecht, dann hätten die Stuttgarter zu diesem Zeitpunkt schon geführt. Tomas’ schlechtes Gewissen lässt grüßen. Auch ein zwischenzeitliches 1:1 durch Kalajdzic war möglich. Doch die Fakten lauteten: Zwei Angriffe, zwei Gladbacher Treffer – ehe Wataru Endo mit seinem Tor die Wende einläutete (38.). Für Mislintat war es ein Déjà-vu, weil er sich an den 0:2-Rückstand gegen den Hamburger SV in der zweiten Liga erinnert fühlte. „Plötzlich erscheint dein Saisonziel ganz weit weg, aber auch damals hat uns Wataru Endo ins Spiel zurück gebracht“, sagt der Sportdirektor.
Am Abend des 28. Mai 2019 ging es um den Wiederaufstieg. Aktuell dreht sich alles um den Klassenverbleib, der durch die gelungene Aufholjagd nach weiteren Toren von Führich (51.) und Kalajdzic (83.) näher gerückt ist. Bis auf einen Punkt sind die Stuttgarter an Hertha BSC auf dem Relegationsrang dran. Dabei war es für den VfB kein glücklicher Sieg, wie es sich viele Menschen rund um den Club erhofft hatten, um den Negativtrend zu durchbrechen. Es war ein verdienter und erspielter Erfolg. Nach zuvor neun sieglosen Anläufen besiegte die VfB-Elf dabei ein Stück weit die eigene Angst.
Pellegrino Matarazzo mit klaren Worten
Die heikle Nachspielzeit verging für Trainer und Sportchef rasend. Trotz der beinahe traumatischen Erlebnisse zuletzt gegen den VfL Bochum (1:1) und die TSG Hoffenheim (1:2). „Wir haben Woche für Woche auf die Fresse bekommen“, sagt Matarazzo, „aber ich habe immer betont, dass die Mannschaft nach den ganzen Rückschlägen wieder aufstehen wird.“ Pech und Unvermögen schienen sich in Stuttgart nicht nur unkontrolliert zu vermehren, sondern sie spielten den VfB-Profis offenbar gern in den Schlussphasen ihrer Begegnungen besonders übel mit. Umso erleichterter zeigten sich die Beteiligten. „Das ist noch ein besserer Sieg als ein dreckiges 2:1“, sagt Mislintat.
Befreiend soll das Spiel wirken, jedoch nicht euphorisierend. Noch ist der VfB Tabellenvorletzter, auch wenn die Fans in ihrem nicht mehr für möglich gehaltenen Glück jubelten, als habe die Lieblingsmannschaft bereits das rettende Ufer erreicht. Das Ziel liegt noch in weiter Ferne. Nur das Vorhaben, es aus eigener Kraft zu schaffen, ist wieder greifbar. Mehr jedoch nicht. „Es waren natürlich geile drei Punkte gegen Gladbach“, sagt Mislintat, „aber sie helfen uns nicht, um bei Union Berlin zu bestehen.“
Einen ähnlich passiven Gegner wie das Borussen-Team von Adi Hütter wird der VfB an der Alten Försterei nicht antreffen. Eher eisern entschlossene Köpenicker. An diesen kommt der flinke Tiago Tomas aber besser vorbei als an seinem schlechten Gewissen. Denn dafür müsste er gleich mit dem Zurückzahlen der Tor-Schulden beginnen.