Wo immer ein Dortmunder hinkam im Ligaspiel (hier Mats Hummels) – es waren schon zwei Stuttgarter da. Atakan Karazor (links) und Maximilian Mittelstädt erobern den Ball. Foto: Baumann

Erst Borussia Dortmund im DFB-Pokal, danach gegen Bayer Leverkusen und den FC Bayern München – der VfB steht nach seinem Höhenflug vor den Spielen der Klarheit.

Es ist erst zwei Spieltage in der Fußball-Bundesliga her, da saß Edin Terzic frustriert in Stuttgart. Der Trainer von Borussia Dortmund sprach über die Schwierigkeit, seine Emotionen zu kontrollieren – aus Enttäuschung. Seine Elf hatte nicht nur verloren, sie war vom VfB regelrecht auseinandergespielt worden. Gefühlt war es die vielleicht deutlichste 1:2-Niederlage, an die sich Terzic erinnern konnte. Andersherum spiegelte das knappe Ergebnis nicht die schwäbische Dominanz über den westfälischen Branchenriesen wider.

 

In allen Belangen war die Mannschaft von Trainer Sebastian Hoeneß überlegen. Spielerisch, läuferisch, taktisch. Zum Beleg: Die Gastgeber spielten 593 Pässe, von denen knapp 90 Prozent ankamen. Der BVB brachte es nur auf 416 Pässe, von denen 80 Prozent beim eigenen Mann landeten. Die 57,17 Prozent (42,83) an Ballbesitz mit den 22 (5) Torschüssen glichen an diesem Nachmittag einer Machtdemonstration. Und die Frage, die sich damit vor dem DFB-Pokal-Achtelfinale an diesem Mittwoch (20.45 Uhr/ZDF) gegen die Dortmunder verbindet, lautet schlicht: Schafft der VfB erneut einen Erfolg? In einem Alles-oder-nichts-Spiel, unter Flutlicht, bei elektrisierender Atmosphäre?

Die Träume der Fans

„Wir haben den BVB vor dreieinhalb Wochen geschlagen. Warum sollte uns das nicht noch einmal gelingen?“, fragt Fabian Wohlgemuth zurück. Seine Antwort speist sich aus dem neuen Selbstvertrauen. Die Stuttgarter fühlen sich natürlich geschmeichelt, nach dem ersten Saisondrittel und den Abstiegskämpfen zuvor nun auf die Stufe eines Spitzenteams gestellt zu werden. Zugleich bewahrt sich der Sportdirektor aber eine gewisse Vorsicht. Er weiß zu genau, dass der VfB noch vor einem halben Jahr mit einem Bein in der zweiten Liga stand.

Doch jetzt hat sich die Mannschaft dank Hoeneß in eine Situation katapultiert, die unter den Spielern sportliche Ambitionen und unter dem Anhang Träume gedeihen lässt. Ein Weiterkommen im DFB-Pokal könnte die weiß-roten Festwochen einläuten. Denn unmittelbar danach stehen die Begegnungen mit den zurzeit stärksten Gegnern in Deutschland an: Bayer Leverkusen und FC Bayern München. Das ergibt ein Dreierpaket an Herausforderungen, das man früher als Wochen der Wahrheit bezeichnet hätte. Nun sind es die Spiele der Klarheit: Wie stark ist der VfB wirklich?

Bisher fällt auf, dass die Stuttgarter ihr Spiel meist durchdrücken konnten. Hohes Verteidigen, schneller Kombinationsfußball, aggressives Pressing, gepaart mit einer hohen Effizienz vorne und einer niedrigen Fehlerquote hinten. Der Trainer wählt dabei den Ansatz mit Ball, und er ist gut darin, den Gegner taktisch so zu sezieren, dass sich seine Elf die nötigen Räume mit wenigen Kontakten erspielen und erlaufen kann. Die Spieler setzen die Vorgaben dann wiederum so gut um, dass sie ihre Kontrahenten reihenweise schlecht aussehen lassen.

Nach Terzic saß zuletzt Ole Werner von Werder Bremen in Stuttgart und gestand ein, dass die VfB-Profis mit ihrem Tempo nicht zu fassen gewesen waren. Eine Woche zuvor erklärte Dino Toppmöller von Eintracht Frankfurt den VfB zur Topmannschaft, weil die eigene Elf gegen den „spielerisch besten Gegner bislang“ kein Mittel gefunden hatte. Und Christian Streich tigerte Anfang September lange durch die Stadionkatakomben, weil er sich nach dem 0:5 kaum beruhigen konnte. So mies hatte der langjährige Coach seinen SC Freiburg selten erlebt.

Die feine Stuttgarter Spielweise

Episoden einer rasanten Entwicklung sind das. Dieser Reifeprozess drückt sich zum einem in Tabellenrang drei aus. Zum anderen in der Tatsache, dass der VfB mit seiner Spielweise zu den Top-Fünf-Teams gehört, was den Ballbesitz angeht. Wie der BVB bringt er es auf durchschnittlich 55 Prozent. Besser sind nur die Leverkusener (60), der Rekordmeister aus München (58) und RB Leipzig (56) – die dauerhaften Champions-League-Anwärter der vergangenen Jahre.

Daraus den Anspruch abzuleiten, dass der VfB wieder zur höchsten Kategorie zählt, greift jedoch zu weit – wenngleich die Ergebnisse bei manchem Fan die Sehnsucht wecken, zu alter Größe zurückzufinden, und unter Fachleuten die Floskel kursiert, dass der Vierte der ewigen Bundesliga-Tabelle endlich wieder da sei, wo er hingehöre: vorne dabei. Es wird spannend zu beobachten sein, wie der VfB die drei besonderen Spiele angeht, um auch lange dort zu bleiben. Dominant, wie Mitte November gegen die Dortmunder, als der BVB aber während der dritten strapaziösen englischen Woche müde in Stuttgart antrat? Oder mit Anpassungen, da eine tiefe Verteidigung und Konter mehr Erfolg versprechen? Vieles deutet auf einen Mix hin. „Es muss immer zwei Möglichkeiten geben“, sagt Hoeneß mit Blick auf das BVB-Spiel. „Du musst in der Lage sein, hoch zu verteidigen und Druck zu entwickeln, Ballverluste zu erzwingen.“ Gegen Spitzenteams müsse man aber auch immer die Idee haben, mal tief zu verteidigen. „Das ist sicher ein Teil unserer Strategie.“ Sie soll in den kommenden Partien dazu führen, dass nicht nur Terzic am Ende wieder frustriert dasitzt.