VfB-Sportdirektor Sven Mislintat ist auch in Dortmund ein gefragter Mann. Foto: imago/Weber/Montage Götz

Der VfB-Sportdirektor Sven Mislintat könnte sich auch eine Rückkehr zu Borussia Dortmund vorstellen – doch so viele Freiheiten und Kompetenzen wie in Stuttgart bekäme er dort sicher nicht. Wie geht die Karriere des 48-jährigen Westfalen weiter?

Stuttgart - Auch Sven Mislintat weiß, dass ein Gentleman normalerweise schweigt und genießt – in diesem speziellen Fall aber konnte er nicht anders: Die Freude platzte nur so aus ihm heraus. Seine Augen leuchten, als er Ende Februar vor laufender Kamera mit Gerüchten über das Interesse von Borussia Dortmund und eine mögliche Rückkehr zu seinem Herzensverein konfrontiert wurde. Dann hörte er gar nicht mehr auf zu reden. Ausführlich sprach der Sportdirektor des VfB Stuttgart über seine alte Liebe, den BVB, und seine westfälische Heimat, erklärte, dass ihn das schmeichle und nicht kalt lasse – und deutete auch noch an, dass sein kurz vorher bis 2023 verlängerter Vertrag dank entsprechender Klauseln kein entscheidendes Hindernis für den Wechsel zu einem anderen Club darstellen würde.

 

Sehr selten ist es im Profifußball, dass die Protagonisten in aller Öffentlichkeit derart gesprächig über die üblichen Wechselspekulationen plaudern. Man konnte fast den Eindruck bekommen, dass Sven Mislintat, ein Mann, der sein Herz auf der Zunge trägt, notfalls auch barfuß zurück ins Ruhrgebiet laufen würde, um wieder für den BVB arbeiten zu können.

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Sieben Wochen sind seither vergangen – und wenn es an diesem Samstag (18.30 Uhr) beim Bundesligaspiel zwischen dem VfB und der Borussia zum Wiedersehen zwischen dem früheren BVB-Chefscout und seinen damaligen Weggefährten kommt, dann ist die so stürmisch aufgeflammte Wiederannäherung zumindest öffentlich merklich abgekühlt. Bei der Borussia soll sich die Begeisterung über Mislintats Offenherzigkeit in Grenzen gehalten haben. Und der VfB-Sportdirektor selbst erinnerte die Leser der Dortmunder „Ruhr Nachrichten“ vor dem direkten Aufeinandertreffen in einem Interview daran, was er stets betont hatte, damals aber fast untergegangen wäre: „Der VfB ist für mich auch ein besonderer Club geworden, mit dem Spirit, den ich liebe.“

Beim BVB soll Sebastian Kehl neuer Sportdirektor werden

Alte Liebe oder neue Liebe – diese Frage dürfte Sven Mislintat in seiner Karriereplanung dennoch auch weiterhin begleiten. Zwar war es Sebastian Kehl selbst, der kurz nach Aufkommen der Mislintat-Gerüchte verkündete, dass es kein externer Kandidat, sondern er sein wird, der beim BVB 2022 die Nachfolge des langjährigen Managers Michael Zorc antreten wird. Doch ist erstens die Beförderung des Leiters der Lizenzspieler-Abteilung bislang nur per Handschlag, nicht aber vertraglich vereinbart. Zweitens gibt es im Umfeld der Schwarz-Gelben nicht wenige, die erhebliche Zweifel hegen, ob der 41 Jahre alte Ex-Nationalspieler alle Voraussetzungen für diese Aufgabe mitbringt. Zu gering sei seine Expertise auf dem Transfermarkt, zu dünn sein Netzwerk, zu lose sein Draht zu den Spielern.

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Seine Stärken hat Kehl im eloquenten Auftritt, der Repräsentation und Organisation – zusammen mit dem ausgewiesenen Transferexperten und Spielerversteher Mislintat könnte sich ein perfektes Gespann ergeben. So jedenfalls sehen es viele in Dortmund. Doch wissen sie auch, dass dieser Konstellation eine entscheidenden Hürde im Weg stehen würde: die Frage, wer von den beiden Alphatieren der Chef wäre und bei Entscheidungen das letzte Wort hätte. Die Rolle eines Juniorpartners würde Mislintat gewiss nicht (mehr) in Erwägung ziehen, nachdem ein Kompetenzgerangel mit dem damaligen BVB-Trainer Thomas Tuchel einer der Hauptgründe war, die Borussia Ende 2017 nach elf Jahren zu verlassen.

Beim VfB verfügt Sven Mislintat über weitreichende Kompetenzen

Gegner in den eigenen Reihen hat Mislintat in Stuttgart nicht zu befürchten. „Fakt ist, dass meine Aufgabe und meine Reise hier beim VfB eine saucoole ist“, sagt der 48-Jährige, der wohl bei kaum einem anderen Club so viele Freiheiten und uneingeschränkte Kompetenzen bekäme, schon gar nicht bei einem Großverein wie dem BVB. Thomas Hitzlsperger mag im VfB-Organigramm neben seiner Funktion des Vorstandsvorsitzenden auch die Position des Sportvorstands bekleiden – in der Praxis aber ist es der Sportdirektor, der im Kerngeschäft des Bundesligisten die Weichen stellt.

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Neben dem Erfolg der jungen Mannschaft haben ihn auch die jüngsten Turbulenzen in der Vereinsführung zum Gesicht des VfB gemacht. Ein wahrer Hochgenuss für einen Mann, dem es weder an Selbst- noch an Machtbewusstsein mangelt. Er habe den Job beim VfB „als ultimative Challenge angesehen und gleichzeitig als unfassbar große Chance, maximal zu wachsen und weiter zu werden“, sagte Mislintat nun den „Ruhr Nachrichten“, jetzt versuche er, „das Vertrauen zurückzuzahlen, welches mir geschenkt wurde“.

Auch Pellegrino Matarazzo staunt über den Arbeitseifer des Sportdirektors

Tatsächlich kann ihm trotz seiner Gedankenspiele über eine Rückkehr nach Dortmund niemand vorwerfen, dass er sich seiner Aufgabe beim VfB nicht mit voller Leidenschaft verschrieben hätte und alles dafür tun würde, den Club nach vorne zu bringen. Derzeit ist er intensiv damit beschäftigt, die sportlichen Planungen für die neue Saison voranzutreiben.

Sein Arbeitseifer und Herzblut beeindrucken immer wieder auch Pellegrino Matarazzo, der vor dem Spiel gegen die Borussia einen noch engagierteren Sportdirektor erlebt. Mislintat sei „wie ein Löwe im Käfig“, berichtet der VfB-Trainer, „dazu passen auch seine Haare“.