Kann der VfB die schnellen Leverkusener wie Moussa Diaby besser aufhalten als im Hinspiel (0:2)? Foto: imago

Gegen die Maurermeister von Hertha BSC hat sich der VfB Stuttgart die Zähne ausgebissen. Gegen die offensiv ausgerichtete Elf von Bayer Leverkusen könnten sich die Stuttgarter leichter tun – wenn die schnellen Angreifer nicht wären.

Vereinfacht gesagt gibt es in der Fußball-Bundesliga zwei Arten von Mannschaften. Die einen, die den Ball haben und Fußball spielen wollen. Und die anderen, die eher auf das Gegenteil aus sind. Stichwort: Gegen den Ball arbeiten.

 

Am vergangenen Wochenende hat der VfB Stuttgart unliebsame Bekanntschaft mit einem solchen Gegner gemacht. Hertha BSC ist der Meister des destruktiven Fußballs. Keine Mannschaft in der Liga kommt auf weniger Ballbesitz. Gegen den VfB reichte es trotzdem zum Sieg: 2:1. Weil nach der Analyse von Borna Sosa der VfB „die Lücke nicht gefunden“ hat. „Wir tun uns immer schwer, wenn wir gegen so tief stehende Gegner spielen müssen. Wir haben 70 Prozent Ballbesitz, machen daraus aber nichts.“

Kontrastprogramm zum Hertha-Spiel

An diesem Sonntag (15.30 Uhr) erwartet den akut abstiegsbedrohten Club aus Cannstatt das Kontrastprogramm. In Bayer Leverkusen ist eine der spielfreudigsten Mannschaften der Liga zu Gast. Nach katastrophalem Saisonstart unter Trainer Gerardo Seoane hat Nachfolger Xavi Alonso die Rheinländer wieder zu einem Spitzenteam geformt. Eines, das nicht den Mannschaftsbus vor dem Tor parkt, sondern dem selbst an Spielgestaltung gelegen ist. Und der seinem Gegner damit auch Räume bietet.

Nach der Sosa-Analyse vom Hertha-Spiel dürfte der VfB Stuttgart also leichtes Spiel haben, oder?

„Weil Leverkusen nur hoch verteidigt?“, stellte Hoeneß die Gegenfrage. Und holte zur Taktikanalyse aus. Die Bayer-Elf beherrsche mehrere Systeme, so auch beim Verteidigen, dozierte Hoeneß. Mal hoch, mal tief, mal im mittleren Drittel. Das mache das Team für die Gegner schwer berechenbar. Und keinesfalls leicht zu bespielen. Und der Vergleich zum Hertha-Spiel? Hoeneß wollte Sosa in seiner Analyse insofern recht geben, als die Berliner ihren (Vereidigungs-)Stil perfektionierten, als das Spiel durch ein „Dreckstor“ (Hoeneß) kurz vor der Pause zu ihren Gunsten gekippt war. „Da haben sie sehr geschlossen verteidigt. Und wir konnten zu wenig Chancen herausspielen.“

Eine Frage von Qualität und Mentalität

Was viele Fans zu der These verleitete, wonach es dem VfB gegen gute Gegner an Qualität, gegen Mannschaften wie Schalke oder Hertha vor allem an Mentalität fehle. Ein Eindruck, den der Trainer nicht stehen lassen wollte. Gegen den Tabellenletzten seien mehrere Umstände zusammengekommen. Auf keinen Fall aber habe sich die Mannschaft verweigert oder sei arrogant aufgetreten. Überhaupt sei die Moral nach den vielen Last-Minute-Erfolgen so oft gerühmt worden. Daran könne eine Niederlage – Hoeneß’ erste in der Bundesliga mit dem VfB – doch nichts verändert haben.

Nun also Leverkusen. Nimmt man die jüngsten Auftritte der Weiß-Roten zum Maßstab, dürfte die Werkself dem VfB tatsächlich eher entgegenkommen. Beim vorangegangenen Heimsieg traf er in Borussia Mönchengladbach ebenfalls auf eine Mannschaft, die Ball und Gegner gerne laufen lässt. Nur die Bayern, Dortmund und Leipzig kommen auf noch mehr Ballbesitz als Gladbach und Leverkusen. Wataru Endo und Co ließen die Fohlen gewähren – und schlugen in den richtigen Momenten zu.

Ein Sieg ist fast Pflicht

Nun lässt sich die Partie dennoch nur schwerlich als Blaupause für das Duell gegen die Rheinländer heranziehen. Die Borussia befand sich schon im vorgezogenen Sommerpausen-Modus, während Leverkusen noch um die internationalen Plätze kämpft. Wobei wiederum schwer abzuschätzen ist, inwieweit sich das Halbfinal-Highlight in der Europa League gegen AS Rom auf die Bundesliga-Pflicht am Sonntag auswirken wird.

Für den Tabellen-16. steht viel auf dem Spiel. Ein Sieg ist fast Pflicht, will man das rettende Ufer nicht aus den Augen verlieren. Aber wie will die wankelmütige Mannschaft die schwer zu greifende Bayer-Elf packen, die nicht nur den Ball gepflegt laufen lassen kann, sondern in Moussa Diaby (Höchstgeschwindigkeit 36,5 Stundenkilometer) und Jeremie Frimpong (36,1) über die beiden Top-Sprinter der Liga sowie in Florian Wirtz über einen der gefährlichsten Zentrums-Spieler verfügt? So hat Leverkusen auch die meisten Kontertore der Bundesliga erzielt (10).

In Bayers Konterstärke lauert die größte Gefahr

Hoeneß’ Plan klingt so: Ohne den verletzten Konstantinos Mavropanos werde es ein Schwerpunkt sein, „durch cleveres Spiel mit Ball nicht in Konter zu laufen“. Im Spiel nach vorne will Hoeneß „Tore erzwingen“. Durch variables Spiel durchs Zentrum und über außen. Entscheidend wird sein, in beiden Strafräumen zweite und dritte Bälle zu gewinnen, so Hoeneß. Was letztlich völlig unabhängig von der Spielart des Gegners wieder eine Frage von beidem ist: Von Qualität und Mentalität.