Sagt bald Servus: Fußballlegende Rudi Völler Foto: dpa/Soeren Stache

Rudi Völler tritt im Sommer von der großen Fußballbühne ab. Vor seinem letzten Gastspiel beim VfB Stuttgart als Geschäftsführer von Bayer Leverkusen spricht die Legende über sein bewegtes Leben.

Stuttgart - Rudi Völler kommt – ein letztes Mal. Vor dem Gastspiel von Bayer Leverkusen an diesem Sonntag beim VfB Stuttgart (15.30 Uhr) redet die Legende über seinen nahenden Abschied, Karrierehöhepunkte, aktuelle Ziele – und die Probleme der DFB-Elf.

 

Herr Völler, beginnen wir unser Gespräch mit Ihrem Ende – nach dieser Saison treten Sie nach insgesamt 44 Jahren als Profi, Teamchef und Funktionär auf verschiedenen Ebenen von der großen Fußballbühne ab. Haben Sie sich schon darauf vorbereitet, und wie emotional wird das für Sie, im Sommer 2022?

Also im Normalfall kann ich mit solchen Dingen gut umgehen, ich bin die Emotionen ja nach so langer Zeit im Geschäft, mit vielen großen Siegen und Niederlagen, gewohnt. Aber jetzt kann ich locker darüber reden – wenn es dann so weit ist, packt es mich vielleicht doch emotional. Doch da mein Abschied schon länger feststeht, kann ich mich darauf vorbereiten und die Sache planen. Da bin ich trotz meiner sieben Jahre im südeuropäischen Ausland (Völler war von 1987 bis 1994 als Profi für AS Rom und Olympique Marseille aktiv, d. Red.) deutsch geblieben – ich habe so manche deutsche Eigenart nicht ablegen können (lacht).

Wird Ihr Abschied also nüchtern-deutsch und nicht südländisch-emotional?

Klar ist, dass es jetzt etwas Anderes ist, als wenn man als Spieler seine aktive Karriere beendet. Das ist ein anderer Einschnitt ins Leben. Und ich werde ja vom Sommer an nicht komplett weg sein vom Fußballgeschäft, nur werde ich nicht mehr in so einer extrem verantwortungsvollen Position tätig sein. Ich werde dem Fußball in irgendeiner Form erhalten bleiben – ohne es jetzt schon zu wissen, was es genau sein wird.

Wenn man so will, drehen Sie in dieser Saison Ihre Abschlussrunde. Was wünschen Sie sich auf Ihrer Zielgeraden?

Volle Stadien! Das möchte ich nochmal erleben. Das ist doch das, was wir alle wollen und was wir so vermisst haben. Die Atmosphäre macht den Fußball aus – sicher auch am Sonntag in Stuttgart, auch wenn die Hütte da ja auch noch nicht wieder komplett voll sein darf.

Wenn Sie zurückblicken auf Ihr bewegtes Leben im Fußballzirkus – was war der Höhepunkt?

Unseren WM-Titel 1990 kann man da sicher nicht wegdiskutieren (lacht). Selbst heute werde ich immer wieder darauf angesprochen, oder es kommen auf einmal Beiträge im Fernsehen darüber. Der Erfolg war prägend für viele Menschen in unserem Land – denn es war gefühlt der erste Titel, den das wiedervereinte Deutschland zusammen geholt hat.

War Ihnen das damals als Spieler bewusst?

Es war etwas Besonderes für unser Land, und das macht diesen ohnehin großen Titel im persönlichen Rückblick noch spezieller. Der Sieg in der Champions League mit Olympique Marseille 1993 war dann sicher auch ein Höhepunkt.

Bleibt aber leider die Klassikerfrage, weshalb Sie in Ihrem gesamten Fußballerleben nie deutscher Meister geworden sind…

Darauf habe ich meine Lieblingsantwort parat: Stattdessen habe ich die großen, wichtigen Titel gewonnen – Weltmeisterschaft und Champions League! Und glauben Sie bloß nicht, dass das jetzt ein Spaß ist, das ist einfach so (lacht). Aber, wirklich ernsthaft jetzt – es ist nicht so, dass ich nicht gerne mal deutscher Meister geworden wäre.

Die Chancen waren da – als Profi mit Werder Bremen in den 80er-Jahren, später als Verantwortlicher bei Bayer Leverkusen. Man denke zum Beispiel ans Jahr 2000, als Bayer mit drei Punkten Vorsprung am letzten Spieltag zur SpVgg Unterhaching reiste und am Ende doch wieder die Bayern Meister wurden.

Ja, das war extrem bitter, fast tragisch. Da wurden hinterher viele Erklärungen gesucht, aber ganz ehrlich: Wir waren damals dem Druck nicht gewachsen – wir haben uns nach dieser Riesensaison in Unterhaching (0:2, d. Red.) kaum eine echte Großchance herausgespielt.

Bitter war es auch 2002, als Bayer in drei Wettbewerben, inklusive Champions League, Zweiter wurde.

Ja, da war ich ja zwischendurch Teamchef der Nationalelf, aber natürlich immer noch sehr eng mit Bayer 04 verbunden. Das war eine Mannschaft, wie es sie so in Leverkusen nie mehr geben wird. Eine Weltklassetruppe – mit Michael Ballack, Lucio, Bernd Schneider, Ze Roberto und Dimitar Berbatow. Da war Bayer 04 die mit Abstand beste deutsche Mannschaft. Dass diese Elf keinen Titel holte, ist im Rückblick kaum zu glauben – und das hängt uns bis heute ein bisschen nach. Und dann wurden wir ja im Sommer 2002 mit vielen Leverkusener Profis noch Vizeweltmeister in Japan und Südkorea. Das war fast ein bisschen Ironie des Schicksals.

Kommen wir zurück ins Hier und Jetzt – wo steht Bayer Leverkusen aktuell, und was ist das Ziel in Ihrer Abschlusssaison?

Wir wollen in die Champions League einziehen. Das wäre für mich zum Abschied ein schöner Erfolg. Und ich bin zuversichtlich, dass das trotz großer Konkurrenz möglich ist – denn wir sind in der Breite unseres Kaders etwas besser aufgestellt als in den Vorjahren.

Ein fester Bestandteil ist das 18-jährige Toptalent Florian Wirtz, längst wird er mit Ihrem ehemaligen Toptalent Kai Havertz, das vor einem Jahr für rund 80 Millionen Euro zum FC Chelsea wechselte, verglichen. Was zeichnet Wirtz aus, charakterlich und fußballerisch?

Florian ist ähnlich talentiert wie Kai, der aber aufgrund seiner Statur und seiner Kopfballstärke neben allen anderen Positionen in der Offensive auch ganz vorne in der Spitze spielen kann. Flo spielt eher dahinter oder auf den offensiven Außenpositionen. Er ist sehr selbstbewusst und hat wie Kai diese gesunde Lockerheit, das ist wichtig bei dem ganzen Trubel. Auch am Donnerstag hat man das in unserem Europa-League-Spiel gegen Budapest wieder gesehen. Hinzu kommt, dass Flo mit seinem frühen Erfolg sehr nüchtern und bescheiden umgeht. Ich würde mich sehr freuen, wenn Kai und Flo bei der WM 2022 gemeinsam in der deutschen Startelf stünden.

Sie sprechen die WM an – der Weltverband Fifa bringt mit seinem Repräsentanten Arsene Wenger ein WM-Turnier im Zweijahres-Rhythmus ins Spiel. Einfach gefragt: Sind die denn alle verrückt geworden?

Eine WM alle zwei Jahre, das ist für mich absolut unverständlich, das geht nicht! Im Umkehrschluss müsste dann ja die Uefa am Ende mitziehen und die EM auch alle zwei Jahre ausrichten, dann gäbe es jedes Jahr ein großes Turnier, und das geht noch weniger! Ich will es an dieser Stelle mal ganz bewusst sachlich formulieren, obwohl es auch anders ginge: Das ist eine sehr schlechte Idee. Punkt.

Die deutsche Nationalelf will bei der nächsten WM 2022 nach dem frühen Ausscheiden bei der WM 2018 und bei der EM 2021 die Herzen des Fußballvolks zurückerobern. Was lief da zuletzt schief, und was muss passieren, um die Stimmung im Volk wenden zu können?

Wenn die Ergebnisse nicht stimmen, ist die Haltung der Nationalmannschaft gegenüber immer kritisch. Aber man hatte zuletzt rund um die EM das Gefühl, dass die letzte Leidenschaft gefehlt hat. Leidenschaft kommt ja von „Leiden“, und diese Bereitschaft fürs Leiden hat deutsche Teams immer ausgezeichnet. Es ist schade, dass das zuletzt augenscheinlich nicht mehr komplett der Fall war.

Europameister Italien hat im Sommer vorgemacht, wie es geht.

Ja, die Italiener haben bei der EM typisch deutsch gespielt. Dabei ist eines klar: Es kann mir keiner erzählen, dass die einzelnen Spieler der Italiener besser waren als unsere, von der Qualität des Kaders her mussten wir uns nicht verstecken. Aber die Italiener haben es uns gezeigt, was den letzten Siegeswillen und die letzten paar Prozent an Leidenschaft angeht – da müssen wir auch wieder hinkommen.

Was ist drin bei der WM 2022?

Die Qualität der Spieler ist da, sie sind fast alle bei tollen Bundesliga-Vereinen aktiv und auch bei großen Clubs im Ausland. Wir haben immer noch eine sehr gute Nationalmannschaft – ich denke, dass Hansi Flick mit dieser Truppe in Katar eine gute Rolle spielen kann.