Nach dem neunten Spiel ohne Sieg, dem 0:1 gegen den 1. FC Union Berlin, verschärft sich die Lage beim VfB Stuttgart. Und die Diskussion um den Trainer Pellegrino Matarazzo nimmt noch mehr Fahrt auf.
Es ist nicht immer sinnvoll, anhand einer Szene eine ganze Misere zu erklären. Wenn man aber ein Sinnbild suchen würde für die Lage des VfB Stuttgart in der Fußball-Bundesliga, dann wäre die 79. Minute im Spiel der Weiß-Roten gegen Union Berlin nicht die schlechteste Idee.
Nach einer Flanke von Borna Sosa hatten gleich mehrere VfB-Spieler, die Möglichkeit, den Ball ins Berliner Tor zu schießen. Aber erst trafen sie des Gegners Beine, dann einen eigenen Mitspieler – und am Ende trudelte die Kugel auch noch an den Pfosten. Kein Tor, kein Erfolgserlebnis, wieder kein Sieg. Ja, nicht einmal ein Punkt. Weil der VfB zu diesem Zeitpunkt bereits 0:1 zurücklag.
So lautete auch das Endergebnis am Sonntagabend, weshalb sich die Lage am Stuttgarter Bundesligastandort mehr und mehr verschärft. Neun Spiele sind absolviert in dieser Saison, kein einziger Sieg gelang dem VfB. Das bedeutet ein Dasein auf Rang 17. Und auch, wenn es insgesamt mal wieder kein schlechtes Spiel war – die Diskussion um de an sich beliebten Trainer wird noch lauter werden. Zu schwach ist einfach die Bilanz der vergangenen Wochen und Monate.
„Neun Spiele, fünf Punkte, das gefällt auch uns nicht“, sagte ein sehr nachdenklich wirkender VfB-Sportdirektor Sven Mislintat direkt nach der Partie – und wurde deutlich: „Das ist alarmierend.“ Wird es nun ganz schnell eng für den Coach?
Diskrepanz zwischen Leistung und Ergebnis?
Womöglich. Jedenfalls schien Mislintat schnell zu ahnen, was in den kommenden Stunden und Tagen auf ihn zukommen wird – und er selbst verkennt die Realität ja auch nicht. „Ihr wisst, ich lieb’ den Rino“, sagte er mit etwas Abstand und sprach von Vertrauen und Rückendeckung. Was der Sportdirektor aber auch sagte: „Am Ende müssen wir eben auch liefern.“ Was das bedeutet für das kommende Spiel am Samstag (15.30 Uhr) gegen den VfL Bochum? Konnte Mislintat „jetzt nicht sagen“.
Man wird also mit sich ringen in den nächsten Tagen. Wird abwägen zwischen Sympathie, dem Weg der Kontinuität, dem grundsätzlichen Vertrauen in Matarazzos Fähigkeiten, der Erinnerung daran, dass man knifflige Situationen schon gemeinsam gemeistert hat. Und der derzeit so verheerenden Bilanz mit Blick auf die nackten Zahlen auf der anderen Seite.
Was die Lage so knifflig macht. „Die Diskrepanz zwischen Spielleistung und Ergebnis“, die Mislintat in sieben von neun Saisonspielen gesehen hat. Gegen den 1. FC Union Berlin hatte Matarazzo seine Mannschaft gegenüber dem 2:3 in Wolfsburg auf zwei Positionen verändert. Anstelle von Pascal Stenzel durfte Dan-Axel Zagadou in der Startelf ran – der Franzose feierte sein Startelf-Debüt . Zudem rückte Tiago Tomas ins Team, Chris Führich musste dagegen erst einmal auf der Bank Platz nehmen. Daneben sollte die Mannschaft Dinge einbringen, die nicht an Namen festzumachen sind. „Maximale Konsequenz“, zum Beispiel – wie von Mislintat gefordert. Oder „Kaltschnäuzigkeit“. Klar wurde recht schnell nach dem Anpfiff: Das Team war zumindest gewillt, all das Geforderte umzusetzen.
Pfiffe nach der Partie
Der VfB stand recht stabil und ließ kaum Chancen der Berliner zu. In der Offensive gab es schon in Hälfte eins ein, zwei gute Chancen. Nach der Pause folgten zunächst zwei weitere. In Summe passte die Balance zwischen Mut und Vorsicht, aber die Berliner bekamen dann mehr Kontrolle, und der VfB musste die Abwehr umorganisieren. Für Zagadou und den angeschlagenen Hiroki Ito kamen Borna Sosa und Pascal Stenzel. Ob es daran lag, dass Paul Jaeckel nach einem Eckball von Niko Gießelmann – dem eine Abseitsposition vorausgegangen war – recht frei zum Kopfball kam?
Man weiß es nicht. Doch der Nackenschlag war gesetzt. Als etwa 20 Minuten die Partie zu Ende ging, pfiff nicht nur Schiedsrichter Bastian Dankert. Auch zahlreiche Zuschauer machten ihrem Ärger Luft. „Zurecht“, sagte Mislintat, „die Jungs und Mädels dürfen Frust rauslassen.“ Der bange Blick richtet sich nun auf den kommenden Samstag und das Heimspiel gegen den VfL Bochum. Den Tabellenletzten, der gegen Eintracht Frankfurt seinen ersten Saisonsieg gefeiert hat.
Wenn sich nicht vorher etwas tut, wird es womöglich ein Schicksalsspiel für Matarazzo, der nach dem Schlusspfiff sichtlich verärgert war. Und es wird eines unter erschwerten Bedingungen. Denn Atakan Karazor und Serhou Guirassy werden dem VfB dann fehlen. Der Mittelfeldspieler sah die fünfte Gelbe Karte, der Stürmer flog mit Gelb-Rot vom Platz. Er sei, sagte Matarazzo dennoch, „sehr optimistisch, dass die Mannschaft nächste Woche gewinnen wird“. Vielsagend schob er nach: „Unabhängig davon, ob ich auf der Bank sitze.“