Wenn Fußball weh tut: Kann es mit Trainer Bruno Labbadia weiter aufwärts gehen? Foto: Pressefoto Baumann

Der Einzug ins Pokalfinale und in die Europa League übertüncht so manche Defizite. Davon gibt es beim VfB Stuttgart mehr als genug. Der Unmut der Fans wächst: Sie machen sich Sorgen, ob es mit Trainer Bruno Labbadia weiter aufwärts gehen kann.

Stuttgart - Besuche in der Mercedes-Benz-Arena sind in dieser Saison selten vergnügungssteuerpflichtig. Kein Wunder – bei nur fünf Siegen in 16 Heimspielen. Und bei dem Fußball, den die Mannschaft häufig bietet. Anti-Fußball, schimpfen immer mehr Fans und pfeifen oder laden ihren Frust gleich auf Trainer Labbadia ab: „Bruno raus.“ Statt unbeschwert auf Fußballfeste hoffen zu können, geht das Gros seit Monaten mit Vorbehalten ins Stadion. Und wird immer wieder bestätigt, zuletzt beim 0:2 gegen Greu­ther Fürth – gegen den Absteiger, gegen das schwächste Team der Liga. Fazit kurz vor Saisonende: Mit Platz zwölf mag sich in Stuttgart kein Mensch arrangieren, Europa League hin, Pokalfinale her. Zudem droht mit zurzeit 39 Punkten die schlechteste Bundesligasaison seit mehr als zehn Jahren. Was läuft da falsch? Eine Bestandsaufnahme:

Labbadias Lamento: Erst waren es die finanziellen Zwänge, dann die Dreifachbelastung, dann der dünne Kader („Ich hatte im Winter-Trainingslager nur 16 Feldspieler“) und zuletzt das angeblich mangelnde Verständnis der Schwaben für Labbadias missliche Situation: „In Stuttgart muss man erkennen, was machbar ist.“ So häufig Labbadia das wiederholt – es mag keiner mehr hören, wie ein Blick in die Fanforen und die zunehmend erbosten Leserbriefe an unsere Zeitung belegen. All jenen spricht Ex-VfB-Profi Maurizio Gaudino aus dem Herzen, wenn er sagt: „Der Trainer hat die Aufgabe, die Mannschaft tagtäglich weiterzuentwickeln. Aber da kommt viel zu wenig für die Ansprüche, die auch der Verein hat. Mir fehlt die Handschrift des Trainers.“ Stattdessen: zu viele Fehler im System, zu wenig Fußball. Labbadia fremdelt mit Stuttgart, die Fans fremdeln mit Labbadia, und die Spieler stehen dazwischen. Sie suchen nach Erklärungen – und finden keine stichhaltigen.

Mentale Belastung: Erst gab es drei Siege mit dem Einzug ins Pokalendspiel und in die Europa League, alles in einer Woche. Und dann setzte es zwei Pleiten gegen Augsburg und Fürth, mit den gleichen Spielern. Hat Labbadia die Mannschaft zu stark gepusht, als es darum ging, die Ernte einzufahren? Oder sind die Spieler zu schnell zufrieden? „Als die Ziele erreicht waren, ist Ballast von den Spielern abgefallen. Irgendwo ist es menschlich, dass sie da ein wenig absacken“, sagt Ex-VfB-Profi Karlheinz Förster. Weniger Verständnis zeigt Gaudino: „Gerade danach hat doch jeder gedacht: Jetzt kann die Mannschaft befreit aufspielen, doch das Gegenteil ist der Fall.“ Guido Buchwald ist hin- und hergerissen. „Das ist schon verwunderlich. Der Trainer und Manager Fredi Bobic müssen genau analysieren, auf welche Spieler kontinuierlich Verlass ist“, sagt der Ehrenspielführer.

Spielphilosophie: Viel zu häufig mangelt es an Kompromisslosigkeit im Defensivverhalten, an Ideen im Mittelfeld, an Durchschlagskraft im Angriff oder an allem zusammen, siehe die zweite Halbzeit gegen Fürth. Das Manko beginnt schon bei der Spieleröffnung: Entweder findet Torwart Sven Ulreich keine Anspielstation, oder er passt den Ball zu einem Innenverteidiger. Von dort geht es nach außen, wo sich zuweilen schon der erste Mitspieler verheddert. Offenbar hat die Mannschaft keine Handhabe, um ihr Spiel strukturiert nach vorn zu tragen. Häufig steht sie nicht kompakt genug, dann sind Pass- und Laufwege zu lang. Konzepttrainer: Die Liga singt das Hohe Lied auf Labbadias junge Kollegen. Christian Streich (Freiburg), Markus Gisdol (Hoffenheim), Markus Weinzierl (Augsburg), Armin Veh (Frankfurt), Thomas Tuchel (Mainz) oder Frank Kramer (Greuther Fürth) haben einen Plan und geben eine erkennbare Strategie vor. Heraus kommt erfrischender Offensivfußball, mit dem sie ordentlich punkten. Dieser Stil schwebt auch Bruno Labbadia vor. Er redet davon, die anderen setzen es um, und das mit deutlich geringeren Etats. Ganz so einfach ist es dennoch nicht. Die anderen hatten nicht die körperlichen und mentalen Strapazen aus drei Wettbewerben. 49-mal war der VfB bisher im Einsatz, da hält nur Bayern München mit. Andererseits: Veh hat in Frankfurts Zweitligajahr die Konkurrenz genau beobachtet und sich seine Wunschspieler geangelt, Streich baut zielsicher Talente in sein Profiteam ein.

Talentförderung: In Raphael Holzhauser und Antonio Rüdiger hat Labbadia nach langem Zögern wenigstens zwei Nachwuchskräfte nach oben geführt. Viel mehr drängen gar nicht nach, was nicht für die Nachwuchsarbeit des VfB spricht. Jahrelang hat es der Verein versäumt, bundesligataugliche Außenverteidiger und Stürmer auszubilden. Gegen Fürth war Christoph Hemlein (22) im Kader, doch Labbadia wechselte Federico Macheda ein, der längst nachgewiesen hat, dass er zurzeit keine Verstärkung ist. Kontraproduktiv auch, wenn Labbadia Rotsünder Rüdiger (20) öffentlich abstraft: „Er hat schon einige Fehler in den vergangenen Wochen gemacht.“

Spielerpotenzial: Jeden Profi besser zu machen, muss das Ziel eines jeden Trainers sein. Beim VfB ist es umgekehrt – Spieler wie William Kvist, Martin Harnik, Shinji Okazaki, Gotoku Sakai, Tamas Hajnal und Vedad Ibisevic haben diese Saison abgebaut. Was das bedeutet? Für Guido Buchwald steht fest: „Als VfB kann man nicht mit zwei, drei guten Spielen in einer Saison zufrieden sein. Es muss sich etwas tun, es muss einen Schnitt geben.“ Wie tief der ausfällt, muss Sportdirektor Fredi Bobic entscheiden.