Arena des VfB Stuttgart: Wohin geht die Reise? Foto: dpa

Diskutieren Sie mit - Der VfB Stuttgart steht vor großen Umwälzungen – wir beantworten die wichtigsten Fragen zur geplanten Ausgliederung.

Stuttgart - An diesem Mittwoch erhalten die Mitglieder des VfB Stuttgart Post von ihrem Herzensclub. Inhalt: ein Konzept zur „Vereins-Entwicklung VfB“. Es bildet die Grundlage für mehrere Regionalversammlungen, beginnend am 11. Januar in Stuttgart. Dort sollen die Mitglieder an der Zukunft des Traditionsvereins mitwirken können. „Der Vorstand hat ein Konzept, aber der Prozess ist völlig ergebnisoffen“, sagt Projektleiter Rainer Mutschler. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Was hat der VfB vor?
Der Verein lädt die Entscheidung mit der höchstmöglichen Bedeutung auf und stellt sie in eine Reihe mit der Vereinsreform in den 90er Jahren (Gründung einer eigenen Marketing-GmbH) und dem Stadionumbau. Die Profiabteilung soll aus dem Hauptverein ausgegliedert und in eine Aktiengesellschaft (AG) umgewandelt werden. In der Fußball-Bundesliga würde dann kein eingetragener Verein mehr spielen, sondern die VfB Stuttgart 1893 AG.
Und wozu das Ganze?
Die Clubbosse argumentieren, dass die Strukturen eines e.V. nicht mehr zum hochkapitalisierten Profibusiness passen und bei den Einnahmemöglichkeiten (Sponsoring, Tickets) das Ende der Fahnenstange erreicht sei. Sie glauben, nur mit frischem Geld wieder zur Bundesligaspitze aufschließen zu können.
Welches Modell schwebt dem VfB vor?
„Strategische Partner mit regionalem Bezug“ sollen maximal 24,9 Prozent der Anteile übernehmen. Damit orientiert man sich innerhalb der Bundesliga am ehesten am Modell FC Bayern München. Dort halten Audi, Adidas und Allianz zusammen ein Viertel der Anteile. Ausgeschlossen wird eine Struktur wie bei 1860 München mit einem arabischen Investor. Auch der Hamburger SV mit einem sich in sportliche Belange einmischenden Geldgeber dient nicht als Vorbild.
Welcher Erlös ließe sich damit erzielen?
Im Raum steht eine Summe, die sich ­zwischen 50 und 80 Millionen Euro bewegt. Grundlage ist der Wert des Vereins, der sich am aktuellen Mannschaftskader zum Zeitpunkt der Ausgliederung bemisst, aber auch an Immobilienwerten oder weichen Faktoren wie der ewigen Bundesligatabelle, wo der VfB immer noch den fünften Platz belegt. Die Verantwortlichen gehen von einem Mindestwert in Höhe von 200 Millionen Euro aus – woraus besagtes Viertel erlöst werden könnte. Zum Vergleich: Der Hamburger SV wurde vor seiner Ausgliederung auf einen Wert von 250 Millionen Euro taxiert. Das Gutachten wird durch eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft erstellt, die keine Nähe zu möglichen Investoren aufweisen darf. Bei einem Abstieg bräche der Wert des VfB zusammen – eine Ausgliederung ­wäre wohl vom Tisch.
Was soll mit dem Geld passieren?
Dazu hat der VfB bereits genaue Vorstellungen. Demnach sollen 41 Prozent in den sportlichen Bereich – sprich: in den Kader der Profimannschaft – fließen. Elf Prozent sind für die Infrastruktur (Trainingsgelände, Nachwuchsleistungszentrum) vorgesehen, der Rest dient als Rücklage. Kredite könnten abgelöst, Zinsen gespart werden. Bei einer erfolgreichen Ausgliederung könnte alles ganz schnell gehen – und der Profi-Etat schon zur Spielzeit 2016/17 merklich aufgestockt werden.
Wer kommt als Investor infrage?
Der VfB macht kein Geheimnis daraus, dass der Nachbar mit dem Stern auf der Motorhaube bereitsteht. Daimler könnte theoretisch sämtliche Anteile übernehmen; denkbar ist aber auch ein Modell mit zwei oder drei Kapitalgebern – analog zum FC Bayern. Ein Engagement vom Konkurrenten Porsche schlösse eine Daimler-Beteiligung allerdings aus. Rechtlich ausgeschlossen ist ein Weiterverkauf der Anteile. Auch soll nicht einfach Investorengeld gegen Sponsorengeld getauscht werden. Idealerweise steigt ein Unternehmen wie Daimler als Anteilseigner ein – überweist aber weiterhin auch sein Geld als Werbepartner.
Warum versucht der Verein nicht auf anderen Wegen, an Geld zu kommen?
An Möglichkeiten für Finanzspritzen mangelt es nicht. Die Roten könnten zum Beispiel ihre Marketingrechte veräußern, wie es viele Bundesligaclubs schon vor längerer Zeit gemacht haben. Die meisten würden das aber heute so nicht mehr machen, wissen die Strategen auf dem Wasen aus Gesprächen mit ihren Kollegen. Der Grund: Die Marke lässt sich extern vielleicht besser vermarkten, da der Vermarkter aber gewinnorientiert rechnet, bleibt unterm Strich nicht mehr viel übrig. Auch Formen von Fremdkapital oder ein Kleinanlegermodell schließt der VfB für sich aus. Anleihen, Partnerdarlehen oder stille Beteiligungen sind aus Sicht der Clubführung zu risikobehaftet; gegen Kleinanlegermodelle wie Fan-Anleihen oder Genossenschaftsmodelle spreche ein „nicht ausreichendes Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag“. Sprich: 50 Millionen Euro und mehr wären auf diesem Wege niemals zu erwirtschaften.
Können auch normale Mitglieder Anteile erwerben?
Aus Sicht des Vereins wäre dies einerseits wünschenswert, da identitätsstiftend, andererseits sprechen kapitalmarktrechtliche Vorgaben dagegen. Ein Börsengang, wie ihn Borussia Dortmund als einziger Bundesligist im Jahr 2000 getätigt hat, würde laut VfB jährlich siebenstellige Zusatzkosten verursachen.
Warum sollen ausgerechnet 24,9 Prozent der Anteile veräußert werden?
Die Beschränkung der Kapitalaufnahme auf ein Viertel bedeutet, dass der Verein Mehrheitseigner bleibt, was die Ligastatuten durch die 50+1-Regel ohnehin vorschreiben. Aufgrund der sogenannten Sperrminorität kann der Verein über die Mitgliederversammlung weiterhin relevante Entscheidungen für das strategische Geschäft der Fußball-AG als Tochter des Vereins treffen. Vereinfacht gesagt: Eine Dreiviertelmehrheit hat mehr Gewicht als eine einfache Mehrheit.
Welche Rechte hätten die VfB-Mitglieder dann noch?
Die Entwickler des Konzepts beteuern, dass die Mitgliederrechte nicht geschwächt, sondern gestärkt würden. Und zwar durch die Gründung eines Vereinsbeirates, dessen Mitglieder aus Verein, Fangruppen und dem Bereich Wirtschaft/Politik bestehen sollen. Er schlägt Kandidaten für das Präsidentenamt vor – was bislang dem Ehrenrat vorbehalten ist. Erstmals könnten dann auch Fans direkt die Vereinspolitik mitbestimmen – wenn auch „nur“ für den Hauptverein und nicht für die Fußball-AG. Andererseits: Über Trainer oder Sportvorstand bestimmen auch in einem Verein keine Mitglieder.
Wie geht es weiter?
Beim VfB betonen sie, dass ihr Konzept keinesfalls in Stein gemeißelt sei, sondern vielmehr als Diskussionsgrundlage für zunächst elf Regionalversammlungen dienen soll. Danach folgt eine Zukunftswerkstatt, ehe sich die Vereinsführung ab April auf weiteren elf Sitzungen mit seinen Mitgliedern auseinandersetzen will. Im Sommer – der genaue Termin steht noch nicht fest – soll dann auf einer Mitgliederversammlung über das gemeinsam erarbeitete Konzept abgestimmt werden. Das Positionspapier findet sich so lange auf der Club-Homepage (www.vfb.de).
Wie stehen die Chancen, dass es zu einer Ausgliederung kommt?
Für eine Satzungsänderung bedarf es einer Dreiviertelmehrheit. Davon ist der VfB weit entfernt, auch weil die Vorbehalte gegenüber der Vereinsführung bei Teilen der Fans groß sind. Wie so oft, werden sich viele am Ende von ihren Emotionen leiten lassen. Anders gesagt: Entscheidend ist auf dem Platz.
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