Krakenfußball in Wolfsburg: der VfB-Debütant Erik Thommy (links) im Zweikampf mit Josuha Guilavogui Foto: Getty

Der VfB Stuttgart hat mit dem 1:1 in Wolfsburg zwar nur einen Punkt gewonnen, aber mit dem Trainer Tayfun Korkut wieder an Zuversicht. Jetzt erhofft sich der Fußball-Bundesligist weiteren Schwung.

Wolfsburg - Alle Blicke richten sich auf ihn, doch Tayfun Korkut sieht erst einmal ­keinen. Kurz vor Spielbeginn ist er in die Arena getreten. Zielsicher hat er sich seinen Weg zur Trainerbank gebahnt. Weißes Hemd, dunkler Anzug, darüber einen schicken Kurzmantel. Das ist seine Arbeitskleidung an Spieltagen. Korkut schaut aber weder nach links noch rechts. Dann rückt er in den Fokus. Die Fotografen und Kameraleute im Innenraum des Stadions nehmen den neuen Trainer des VfB Stuttgart ins Visier. Nahaufnahmen. Korkut bleibt unbeeindruckt und setzt sich. An der Stätte, wo er vor vier Jahren sein Debüt als Bundesliga-Coach gegeben hat. 3:1 gewann er damals mit Hannover 96 in Wolfsburg. Jetzt mit dem VfB steht am Ende ein 1:1 beim VfL.

Korkut nimmt das als ein positives Ergebnis, der ganze Verein betrachtet es als einen guten Anfang. „Ich sehe die Leistung der Mannschaft zunächst einmal losgelöst vom Punktgewinn“, sagt Korkut. Der Zähler war wichtig für den Tabellenstand der Stuttgarter, aber vor allem für ihr Seelenheil. Auch wenn die Teams im Keller der Fußball-Bundesliga noch ein Stück enger zusammengerückt sind. „Dass die Mannschaft nach einer schwierigen ersten Hälfte zurückgekommen ist, gibt uns einen Schub für die nächsten Aufgaben“, sagt Korkut.

Christian Gentner übernimmt gleich drei Rollen

0:1 hieß es zur Pause. Nur. Denn Andreas Beck hatte sich wie ein Erstliganovize den Ball von Yunus Malli stibitzen lassen. Ein Pass, ein Schuss – und schon wurde Divock Origi als Torschütze gefeiert (24.). Nichts schien sich nach dem Trainerwechsel verändert zu haben: Der VfB spielt auswärts geordnet, verliert aber mit einer Aktion die Kontrolle. Ein „Drei-Phasen-Spiel“, analysiert Michael Reschke hinterher. Ordentlicher Beginn, verunsicherte Zwischenphase und eine deutliche Steigerung. „Nach der Pause hat die Mannschaft Charakter gezeigt und Mentalität bewiesen“, sagt der Manager.

Dieser Wandel hatte viel mit der Einwechslung von Daniel Ginczek zu tun. Der Stürmer brachte Wucht ins Stuttgarter Spiel. Davon profitierte auch Mario Gomez, der den Ausgleich erzielte. Eine Stunde lang hatte der Torjäger an seiner ehemaligen Wirkungsstätte auf diesen Augenblick lauern müssen. Gestützt von einer neuen Grundordnung und unterstützt von einem alten Kumpel. Christian Gentner spielte im Mittelfeld einen offensiven statt einen defensiven Part. Ohne Zuckerpässe aus dem Fußgelenk zu schütteln, aber mit dem Auftrag, immer wieder in den Strafraum vorzustoßen.

Doch Gentner übernahm nicht nur eine Rolle auf dem Rasen. Es waren insgesamt drei. „Wir hatten im Laufe des ersten Abschnitts auf unserer rechten Seite defensiv Probleme, deshalb habe ich ihn auch dorthin gestellt“, erklärt Korkut. Um den 32-jährigen Kapitän nach der Pause auf links zu schieben. Ein Muster an Flexibilität und Einsatz verkörperte Gentner. Das ist nichts Neues, fiel im Spiel eins nach Hannes Wolf aber auf. Ebenso wie die Tatsache, dass mit Chadrac Akolo der bislang beste Torschütze auf der Bank saß – und dort blieb.

Erik Thommy tritt gute Freistöße und Eckbälle

„Ich musste schauen, welche Pärchen am besten zueinanderpassten. Zumal wir in einer komplett veränderten Grundordnung gespielt haben. Und bis sich da alles findet, braucht es noch Zeit“, sagt Korkut. Zeit, die der 43-Jährige kaum hat. Weshalb er seine Anfangs­formation mit einem Schuss mehr Erfahrung abmischte als sein Vorgänger zuletzt. Andreas Beck rückte wieder in die Abwehr, Dennis Aogo spielte im defensiven Mittelfeld. Fünf personelle Veränderungen gegenüber der Schalke-Niederlage, die über Nacht vieles beim VfB in einem düsteren Licht erscheinen ließ. Auch der Neuzugang Erik Thommy war als Debütant im Trikot mit dem Brustring überraschend dabei und ließ die Anzahl der Reschke-Transfers auf dem Platz steigen. „Er hat gezeigt, dass er uns sofort helfen kann. Und er hat gute Standards getreten“, sagt der Manager über den 23-Jährigen aus Augsburg.

Der Rat und das Herrschaftswissen des 60-jährigen Sportchefs waren in den vergangenen Tagen sicher verstärkt gefragt. Denn noch ist Korkut dabei, die Mannschaft besser kennenzulernen, und noch muss Reschke den Übergang zum neuen Trainer moderieren. In aufgewühlten Zeiten helfen da am besten brauchbare Ergebnisse. „Das steht natürlich über allem“, sagt Korkut, der jedoch die Auffassung vertritt: Wenn die Leistung stimmt, dann kommen auch die guten Resultate. Und die Entwicklung des Teams will er dabei nicht vergessen: „Als wir gemerkt haben, dass die Struktur stimmt, haben wir die Mannschaft weiter nach vorne geschoben“, sagt Korkut. Mutiger agierte sie da, entschlossener und, wie der neue Mann, der den VfB wieder hochreißen soll, bemerkte, auch homogen. Das nährt den Optimismus. Erst gegen Borussia Mönchengladbach am Sonntag und danach für den „langen Weg“ ans rettende Ufer.

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