VfB-Kapitän Christian Gentner blickt voraus: Auf die kommende Saison – und die Zeit nach seiner aktiven Karriere Foto: Baumann

Zweimal ist Christian Gentner mit dem VfB Stuttgart zuletzt fast abgestiegen, im Trainingslager in St. Gallen sollen die bösen Geister der Vergangenheit endgültig vertrieben werden. Dazu zählt auch Disziplin.

St. Gallen - Herr Gentner, haben Sie schon gezählt, das wievielte Trainingslager Sie hier in der Schweiz absolvieren?
Es waren schon eine ganze Menge. Aber mitgezählt habe ich nicht. Ich weiß nur, dass Christian Gross in dieser Hinsicht nicht zu toppen war. Unter ihm mussten wir in einem Sommer gleich viermal ran.
Wird es mit zunehmendem Alter schwieriger, sich für die Schinderei zu motivieren?
Nein. Man lernt immer noch Neues dazu. Außerdem ist das mit der Schinderei auch relativ.
Ihr Trainer Alexander Zorniger hat Sie im ersten Trainingslager im Zillertal aber ganz schön rangenommen.
Das lag auch an der Hitze. Er ist kein Drillmeister, falls Sie darauf anspielen. Aber es stimmt schon. Sein System verlangt uns ­einiges ab – auch körperlich.
Können Sie das näher beschreiben?
Wir pressen auf dem Platz viel mehr, das ist der große Unterschied zur letzten Saison. Dieses Spiel erfordert viel mehr Sprinttempo. Um das eine ganze Saison durchzuhalten, ist es notwendig, dafür jetzt die Grundlagen zu legen.
Was für ein Typ Trainer ist eigentlich Alexander Zorniger?
Er geht sehr ins Detail und ist sehr überzeugend mit seiner Art. Das kommt in der Mannschaft gut an. Und er coacht sehr viel auf dem Platz, er übernimmt selbst das Aufwärmen. Disziplin ist sehr wichtig.
Und rein menschlich?
Er ist sehr nah dran an der Mannschaft und führt viele Einzelgespräche.
Ihm zu folgen fällt mitunter schwer ohne Trainerschein, wenn er von Pressen und Gegenpressen, vom Besetzen von Positionen und dem Schaffen von Räumen spricht. Versteht die Mannschaft immer, was er will?
Viele Dinge unterlegt er mit Bildern, das macht es uns einfacher. Ansonsten vermittelt das Trainerteam das schon sehr gut und hakt bei Verständnisschwierigkeiten nach, gerade bei unseren ausländischen Spielern.
Die ersten Testspiele waren aber nicht so berauschend. Müssen sich die Fans wegen des Saisonstarts Sorgen machen?
Nein, dass jetzt in der Feinabstimmung vieles noch nicht passt, ist normal. Im Hinblick auf das, was wir neu erarbeiten wollen, sind wir aber voll im Plan.
Auf welche Spielweise dürfen sich die Anhänger denn freuen – oder anders gefragt: Was genau sind die Unterschiede zum Stil von Huub Stevens?
Wir werden weniger abwartend spielen. Der Gegner wird früher unter Druck gesetzt und das Spieltempo entsprechend höher sein.
Das macht zumindest Hoffnung auf mehr attraktive Heimspiele. Wie beurteilen Sie jetzt, mit etwas Abstand, die vergangene Saison?
Dass wir bis 20 Minuten vor Schluss abgestiegen waren, sagt eigentlich alles. Es war sehr nervenaufreibend und hat mich im Urlaub zwei Wochen Zeit gekostet, das zu verarbeiten. Aber jetzt geht es bei null los. Wir dürfen jetzt nur nicht den Fehler ­machen, die letzten drei Spiele zum Maßstab für die neue Runde zu nehmen. Die Euphorie und den starken Zusammenhalt mit den Fans, der sich in den letzten Spielen ent­wickelt hat, wollen wir aber in jedem Fall mitnehmen.
Und welche Lehren ziehen Sie persönlich als Mannschaftskapitän?
Im Rückblick haben wir uns nach der erfolgreichen Rettung in der Saison zuvor vielleicht zu sehr auf unsere Qualitäten verlassen und darauf, dass es so weitergeht. Es darf auf keinen Fall noch mal passieren, dass auch nur einer ein paar Prozent nachlässt.
Das sagt sich immer so leicht – aber was unternimmt man als Mannschaftsführer, wenn der Schlendrian doch wieder einzieht?
Unser Trainer legt, wie schon gesagt, viel Wert auf Disziplin. Deswegen mache ich mir keine Sorgen. Aber natürlich sind auch die Einflussmöglichkeiten für den Trainer oder den Kapitän begrenzt, gerade wenn gute ­Ergebnisse ausbleiben.
Also gibt es keine Garantie, dass es nicht noch einmal so schlecht läuft wie zuletzt.
Garantien gibt es im Fußball nicht.
Hat Armin Veh die Situation vor einem Jahr unterschätzt?
Er hat uns viel Freiraum gegeben, damit sich ein guter Teamgeist entwickeln kann. Das hat uns im Nachhinein betrachtet vielleicht nicht gutgetan.
Huub Stevens hat es am Ende dann ja doch noch geschafft.
Ja, und es war wirklich ein hartes Stück Arbeit. Für mich war es die wohl belastendste Saison meiner Karriere. Dass der VfB, der Verein, für den ich schon so lange spiele, absteigen könnte, war eine schlimme Vorstellung. Ich hoffe wirklich sehr, dass ich so ­etwas nicht noch einmal erleben muss.
Ihr Vertrag hat sich kürzlich bis 2017 verlängert. Haben Sie schon Pläne für danach?
Ich bin dann 31, würde Stand jetzt gerne noch einige Jahre weiterspielen. Bisher bin ich ja zum Glück weitgehend verletzungsfrei durch meine Karriere gekommen.
Können Sie sich vorstellen, Ihre Karriere beim VfB zu beenden?
Warum nicht? Ich kann mir auch gut vorstellen, im Anschluss danach eine andere Rolle im Verein zu übernehmen. Ich möchte dem Fußball auf jeden Fall verbunden bleiben. Aber eines habe ich auch gelernt in diesem Geschäft: Nichts ist planbar.
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