Zornigers Uhr beim VfB ist nach nur vier Monaten abgelaufen. Foto: Baumann

Als „alternativlos“ pries Alexander Zorniger seine Spielidee und seinen Weg, den er mit dem VfB Stuttgart gehen wollte. Nun war sein Rauswurf ebendies: alternativlos.

Stuttgart - Zwölf Trainer in zehn Jahren – allein diese Zahlen verdeutlichen, dass es zu kurz greifen würde, die Misere allein Alexander Zorniger anzulasten. Am Ende ist der 48-Jährige dennoch krachend gescheitert – und das hat Gründe.

Nur ein Spielsystem

Permanente Jagd auf Ball und Gegner, dem Kontrahenten keine Luft zum Atmen lassen, bei Ballgewinn mit Vollgas ab durch die Mitte! Charme hatte sie, Zornigers Philosophie vom ständigem Pressen und Gegenpressen, die er gerne als „alternativlos“ bezeichnete. In den ersten Spielen praktizierten die Kicker mit dem roten Brustring die Spielidee auch durchaus mitreißend. Dumm nur, dass sie das Tor nicht trafen und ausgekontert wurden wie eine Schülermannschaft. Der 48-jährige Fußballlehrer übersah – oder ignorierte – den Mangel an (handlungs-) schnellen und technisch beschlagenen Abwehrspielern. Die Verpflichtung von Toni Sunjic erwies sich auch nicht als Glücksgriff. Mittlerweile ist der VfB bei horrenden 31 Gegentoren angekommen. Zorniger hätte wissen müssen, dass er der Mannschaft (dieser Mannschaft!) seine Art von Brachialfußball, der den Spielern körperlich und mental alles abverlangt, nicht über Nacht einimpfen kann. Im Nachhinein sicher auch eine Folge fehlender Erfahrung im Bundesligageschäft. Als Trainer keinen Plan B in der Tasche zu haben hat mit fehlender Erfahrung nichts zu tun – das ist bundesligauntauglich.

Außendarstellung

Der Attacke-Coach hatte Starpotenzial, keine Frage. Vor der Saison war er ein bundesweit gefragter Gesprächspartner. In großen Interviews gab er seine Spielidee zum Besten – garniert mit flotten Sprüchen. Ein echter Typ, markig, authentisch, eigenbrötlerisch. Mit seinem Ostalb-Schwäbisch schien er perfekt zum VfB zu passen. Nach den ersten Pleiten sprach aber niemand mehr über Zornigers Dialekt, stattdessen über dessen Kraftausdrücke, die eben auch seinen Wortschatz prägen. Was bei den Fans gut ankam, hinterließ im Vorstand und bei Sponsoren pikierte Gesichter. Der zurückgetretene Aufsichtsrat Eduardo Garcia nannte Zorniger einen Bauern. Auch wenn sich der Trainer in den vergangenen Wochen auf Geheiß des Vorstands verbal zurücknahm – das Kind war schon in den Brunnen gefallen.

Fehlendes Taktgefühl

Sicher: Timo Werner hat zuletzt wieder öfters ins Tor getroffen. Insofern lässt sich leicht sagen, erst Zornigers öffentliche Kritik habe dem Jungen den dringend nötigen Auftrieb gegeben. Weite Teile der Mannschaft verprellte der studierte Sport- und Geografielehrer durch seine Holzhammer-Pädagogik aber. Georg Niedermeier traf es am härtesten, auch Daniel Didavi verlor nach Zornigers öffentlich vorgetragenem Bulletin („Mit seinem Knie reicht es nicht für die Champions League“) mehr und mehr die Lust. Höhepunkt und Schlusspunkt des Auseinanderdriftens zwischen Mannschaft und Trainer war das Fernbleiben des Coaches beim Spielerkreis nach der 0:4-Blamage gegen den FC Augsburg. Das Team benötigt sicher niemanden, der es mit Samthandschuhen über den Rasen trägt. Letztlich muss der Trainer die Mannschaft aber hinter sich vereinen. Das hat Zorniger („Harmonie ist was für Anfänger“) nicht geschafft.

Beratungsresistenz

„Das Vertrauen in meine Arbeit nimmt mir keiner.“ Noch so ein typischer Zorniger-Satz, geäußert vor dem Augsburg-Spiel. Da hatte der Trainer schon acht von zwölf Bundesligaspielen verloren. Zornigers unerschütterliches Selbstbewusstsein korrelierte längst nicht mehr mit dem Tabellenstand. Nur eines hasst der Coach mehr als Niederlagen: sich von anderen reinreden zu lassen. Die Vorstände haben es versucht, mehrfach. Die Reaktion war stets dieselbe. Zorniger nahm die Einwände zur Kenntnis – und setzte seinen Weg unbeirrt fort. Bis zum Schluss. Da sagte Zorniger, er hätte gegen seine Überzeugung handeln müssen, um den Karren wieder flottzukriegen. Insofern war der Schlussstrich nur eines: alternativlos.

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