Für den VfB Stuttgart ist ihnen kein Weg zu weit. Also haben sich elf Freunde des Fanclubs 18Filstal93 mit dem Nachtzug auf den Weg zum Champions-League-Spiel nach Bratislava gemacht. Trotz wenig Komfort ist die Stimmung top.
Wer den VfB im Herzen trägt, der trägt auch mal zwei Kästen Bier über den Bahnsteig. In diesem Fall sind es zwei blaue Kisten Helles, die Moritz und seine zehn Mitstreiter über Gleis 6 des Göppinger Bahnhofs schleppen. Es ist kalt, dunkel, die Uhr zeigt kurz vor 21 Uhr am Sonntagabend – und das Ziel der gut gelaunten Reisegruppe ist ein blau-weißer Zug mit der Aufschrift „Hálókosci“, zu deutsch „Schlafwagen“.
Zu elft haben die Freunde vom OFC 18Filstal93, einem offiziellen Fanclub des Fußball-Bundesligisten VfB Stuttgart, zwei Abteile im Liegewagen des Nachtzuges nach Wien gebucht. Das Endziel der Reise ist Bratislava, wo der VfB an diesem Dienstagabend (21 Uhr) im vorentscheidenden Spiel der Champions League beim slowakischen Meister Slovan Bratislava antritt.
Dass es drinnen im Zug, den an diesem Abend die ungarische Bahn stellt, recht beengt zugeht, das tut der guten Laune keinen Abbruch. Vom Glanz der „Magistrale für Europa“, wie die Strecke Paris – Wien – Budapest von Bahn-Romantikern gepriesen wird, ist recht wenig zu spüren.
Moritz ist 24 und im normalen Leben Bauingenieur. Er ist so etwas wie das Sprachrohr und der Cheforganisator der elf Fußballfreunde aus dem Filstal – er ist der Capo, wie man in Fan-Fachkreisen sagt. „Für den VfB ist uns eben kein Weg zu weit“, sagt Moritz über die Reise.
Schnell sind die beiden übersichtlichen Sechser-Abteile des Zuges bezogen. Je drei Liegepritschen oben, Mitte und unten zur linken und zur rechten Seite – das war’s. So teilen sich sechs Mann rund vier Quadratmeter für eine Nacht in dem Zug, der nicht mehr Luxus bietet als eine rollende Jugendherberge. Mit dem Nachtzug geht es nach Wien und dann mit einem Regionalexpress die 80 Kilometer entlang der Donau bis in die slowakische Hauptstadt.
Schnell wird klar, dass Moritz und Co. echte Reiseprofis sind. „Als der Spielplan für die Champions League draußen war, da haben wir uns sofort Urlaub genommen“, sagt der 24-Jährige. Vier der elf Filstäler waren bei allen bisherigen Auswärtsspielen der Königsklasse in Madrid, Turin, Belgrad dabei und fahren nun auch nach Bratislava. Ansonsten ist es der harte Kern des 113 Mitglieder zählenden Fanclubs, der auf Reisen geht.
In Ulm ist klar, dass Nachtzug fahren gelebte Entschleunigung ist. Weil der Zug sonst schneller in Wien wäre als die anvisierten 6.27 Uhr am Morgen, bleibt er hier und da länger am Bahnhof stehen. In Augsburg sind es 20 Minuten, als es für die Fußballfans raus zum Gruppenfoto vor den Zug geht.
Von Sandor, dem Zugschaffner, gibt es an jedem Halt eine klare Ansage, wann Abfahrt ist, damit keiner zurück bleibt. „Noch fünf Minuten“, sagt der Ungar, der die Linie Budapest – Stuttgart und retour einmal in der Woche fährt, und zieht an seiner E-Zigarette.
„Es geht uns vor allem um die Gemeinschaft. Wir wollen zusammen etwas erleben“, sagt Moritz, nachdem die Gruppe auf dem Bahnsteig lauthals einen Fangesang angestimmt hat. Der VfB ist für die elf Männer ein Lebensgefühl – denn anders als in Madrid, als die gesamte Gruppe im Stadion war, hat diesmal keiner ein Ticket für das Bratislava-Spiel.
Doch das macht auch Tim und seinem Vater Frank nichts aus. „Wir haben in den düsteren Zeiten mit den beiden Abstiegen immer gesagt: Wenn der VfB wieder international spielen sollte, dann sind wir mit dabei“, sagt Tim. Dass es dann gleich die Champions League wurde: umso besser.
Da geht es zur Not eben auch mal ohne Karte fürs Spiel. Gut in Erinnerung sind ja noch die Eindrücke vom Spiel bei Juventus Turin, als viele VfB-Fans in und vor der Bar „The Huntsman“ ihr eigenes Public Viewing kreierten. „So was“, sagt Moritz, „vergisst du nicht.“
Drinnen im Abteil wird nun noch ein bisschen gesungen und Bier getrunken, ehe Zugbegleiter Sandor eine klare Ansage macht. „Nach München ist Bettruhe“, sagt der Ungar: „Dann müssen alle ins Abteil.“ Und tatsächlich wird die Vorgabe auch brav umgesetzt. Daher ist es recht still, als der Nachtzug gegen 1 Uhr den Bahnhof Salzburg erreicht, wo er stolze 2 Stunden und 20 Minuten stehen bleibt.
Ein paar Mal ruckelt es im Inneren, als die Wagen umgekoppelt werden. Der vordere Teil geht nach Zagreb, der hintere über Wien nach Budapest – und wird nun mit einem Zugteil aus Zürich verbunden.
Rund fünf Stunden ist dann Ruhe, ehe Sandor gegen 6 Uhr ans Abteilfenster klopft. Apfelsaft oder Kaffee lautet nun die Frage für das Frühstück, dass aus einer hoffnungslos übersüßten Apfeltasche besteht. Doch wer sich für den nächtlichen Schienenspaß zum Preis von 80 Euro entschieden hat, der stellt keine überzogenen Ansprüche. Die Zähne werden in einem der beiden Waschräume geputzt, die jeder Waggon bereit hält. Die Hosen werden im Gang angezogen, denn im Abteil allein ist für zwölf Beine kein Platz.
Dann ist der Wiener Hauptbahnhof erreicht. Pünktlich wie die Eisenbahn um 6.27 Uhr am Montagfrüh. Mediziner Frank, Hausarzt von Beruf, zieht sein schwarzes VfB-Käppi über den Kopf, ehe es nach draußen geht. Seit 50 Jahren verfolgt er die Spiele der Stuttgarter Profis, hat noch Hansi Müller und die Förster-Brüder Bernd und Karlheinz spielen sehen. „Momentan macht die Mannschaft viel Spaß“, sagt der Allgemeinmediziner. „Da ziehe ich gerne mit.“
Ehe sich die elf Filstäler zu ihrem Zwischenstopp in die Wiener Innenstadt verabschieden, hat Capo Moritz noch einen Wunsch. Der setzt allerdings voraus, dass der VfB bei Slovan Bratislava gewinnt – und sich nach der abschließenden Heimpartie gegen das französische Topteam von Paris Saint-Germain letztlich für die K.-o.-Zwischenrunde qualifiziert.
Mit der Fähre auf die britische Insel
„Nach Madrid sind wir mit dem Flugzeug, nach Turin und Belgrad mit dem Auto“, erzählt der Anführer der Reisegruppe: „Und nach Bratislava mit dem Zug. Was uns noch fehlt, ist eine Fähre. Die würden wir gerne noch nehmen.“
Was das bedeutet, ist klar: Ein mögliches K.-o.-Spiel des VfB auf der britischen Insel. Die Champions League hätte da als mögliche Gegner den FC Arsenal, Aston Villa, Manchester City oder Celtic Glasgow im Angebot.