Jan Schindelmeiser muss die Trainerfrage beantworten. Foto: dpa

Sportvorstand Jan Schindelmeiser blickt bei der Aufgabe, einen Nachfolger für Jos Luhukay zu finden, über den Tellerrand hinaus. Er wird wohl eine überraschende Lösung präsentieren.

Suttgart - Wenn es nach den Fans geht, steht bereits fest, wer neuer Trainerbeim VfB Stuttgart wird. Bei einer aktuellen SWR-Umfrage stimmten satte 48,6 Prozent für Markus Gisdol, der mit diesem Ergebnis klar den Spitzenplatz vor André Breitenreiter (17 Prozent) belegte. Vielleicht ist dann aber genau das mit ein Grund dafür, sollte Gisdol am Ende doch nicht den Zuschlag erhalten. Denn Jan Schindelmeiser gilt nicht als Mann, der seine Entscheidungen am allgemeinen Trend ausrichtet – im Gegenteil.

Der Sportvorstand setzt gerne auf die besonderen Lösungen, auf die nicht jeder sofort kommt und bei denen insofern gleich klar ist, dass sie ausschließlich auf sein Betreiben zurückgehen. Das ist die eine Seite. Zum anderen sammelt er auch immer so viel Material wie möglich, er wägt ab und bewertet ausführlich das Für und Wider. Schnellschüsse sind unter seiner Regie verboten – auch wenn es in diesem Geschäft nicht immer ein Vorteil ist, mit dem Vollzug lange zu warten. Schon sind Gisdol und Breitenreiter jetzt auch bei Werder Bremen im Gespräch.

Ein Mann für überraschenden Lösungen

Diese Herangehensweise praktizierte Schindelmeiser zuletzt mit seiner Transferpolitik. Mit den Verpflichtungen von Takuma Asano, Benjamin Pavard und Carlos Mané setzte er überraschende Akzente – und so würde sich beim VfB nun auch keiner wundern, wenn Schindelmeiser in einer Woche oder vielleicht auch erst später einen Trainer präsentiert, den niemand auf dem Zettel hatte. Diese Variante sei realistisch, ist dazu intern beim Club zu hören.

Fest steht, dass Schindelmeiser in dieser Situation über den nationalen Tellerrand hinausblickt und auch Kandidaten im Ausland im Visier hat – wie beispielsweise David Wagner (44). Ihn kennt er gut aus den gemeinsamen Zeiten bei der TSG 1899 Hoffenheim, wo der frühere Mainzer und Schalker Profi Wagner unter dem Manager Schindelmeiser zwischen 2007 und 2009 für die U 17 und die U 19 verantwortlich gewesen ist.

Danach übernahm er die zweite Mannschaft von Borussia Dortmund, wo er von seinem Mentor Jürgen Klopp gefördert wurde, der auch in Wagners seit November 2015 laufendes Engagement bei Huddersfield Town eingeweiht war. Der englische Zweitligist führt aktuell nach dem achten Spieltag mit 19 Punkten die Tabelle an und liegt auf Aufstiegskurs – auch das Verdienst von Wagner, dessen Handschrift sichtbar ist. Er steht für einen Fußball à la Klopp.

Eine solche Spielphilosophie würde auch den VfB schmücken. Dabei wäre es im Falle eines Falles für Schindelmeiser jedoch nicht einfach, den vertraglich gebundenen Wagner bei Huddersfield Town loszueisen – sofern sich der Coach einen Wechsel nach Stuttgart überhaupt vorstellen kann. Denn finanziell fährt er auf der Insel sicher besser.

Planspiele mit David Wagner

Schindelmeiser ist so oder so gefordert, nachdem ihm der VfB-Aufsichtsrat das Mandat in der Trainersuche erteilt hat. Zwangsläufig beschäftigt er sich dabei auch mit dem deutschen Markt und den Talenten, die es da gibt – wobei es praktisch ausgeschlossen ist, dass einer das Rennen macht, der bisher nur im Nachwuchs gearbeitet hat. Der Sportvorstand weiß, dass das Risiko bei einem im Profibereich unerfahrenen Einsteiger in dem speziellen Stuttgarter Umfeld hoch wäre – etwa angesichts der vielen ehemaligen Nationalspieler, die sich in sportlichen Fragen immer wieder mal zu Wort melden und bei Misserfolgen schnell Kritik üben.

Da braucht ein Trainer dann ein dickes Fell, um seine Linie durchzudrücken – und deshalb wäre einer wie der bei der U 19 in Hoffenheim beschäftigte Domenico Tedesco (31) schwer vermittelbar, heißt es beim VfB.

Aus Fachkreisen beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) verlautet wiederum, dass vor diesem Hintergrund aus den Reihen der jungen Hoffnungsträger vermutlich nur einer zum VfB passen würde – auch da führt die Spur wie bei Wagner zu Borussia Dortmund II. Sein Nachfolger dort ist Daniel Farke (39), der den Ruf besitzt, eine starke Persönlichkeit zu sein und in brenzligen Momenten abgeklärt aufzutreten .

Angesichts der Strategie von Schindelmeiser wäre es eher eine Überraschung, wenn die Wahl auf Gisdol fällt. Der VfB hat anscheinend noch keinen Kontakt zu ihm hergestellt. Noch sammelt Schindelmeiser sein Material und wägt ab.

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