Seit Monaten schon wartet der VfB auf ein Tor nach einer Ecke. Die Ursachen sind vielfältig – und die Zahlen deutlich. Trainer Sebastian Hoeneß fordert eine schnelle Steigerung.
Eines vorneweg: Dass der VfB Stuttgart ein generelles Problem mit dem Toreschießen hätte, lässt sich mit Blick auf die Ausbeute in dieser Saison nicht wirklich behaupten: Die Mannschaft von Trainer Sebastian Hoeneß steht bei 63 Treffern, die drittmeisten der Bundesliga, durchschnittlich mehr als zwei pro Spiel. Das Ganze würde aber noch deutlich besser aussehen, wäre der Beitrag aus einem bestimmten Bereich nicht so überschaubar: Die Stuttgarter treffen einfach nicht mehr nach Eckbällen. Schon seit Monaten. Zuletzt gelang das im Januar – und auch da nur mit fremder Hilfe durch ein Eigentor des Gladbachers Nico Elvedi.
Dass dieses Manko eine Hypothek im engen Rennen um die Champions-League-Plätze darstellt, liegt auf der Hand – zumal es die Konkurrenz besser macht. Der kommende Gegner zum Beispiel. Wenn der viertplatzierte VfB am Samstag (15.30 Uhr) im direkten Duell beim punktgleichen Fünften TSG Hoffenheim gastiert, wird auf den ruhenden Bällen und Flanken ein großes Augenmerk liegen. „Es ist eine Mannschaft“, sagt Hoeneß über die TSG, „die viel Wucht entwickeln kann und sehr viele Kopfballtore schießt.“ Unter anderem in Person von Innenverteidiger Ozan Kabak, den der Stuttgarter Trainer als „sehr gefährlichen Spieler mit einem guten Näschen“ einstuft. Bei vier Saisontoren steht der Ex-Stuttgarter bereits, so viele hat der VfB in Summe nach Eckbällen in der gesamten Bundesliga-Spielzeit erzielt. Keines davon gelang übrigens einem aufgerückten Innenverteidiger, einzig im DFB-Pokal traf Luca Jaquez in der zweiten Runde beim FSV Mainz 05 (2:0).
Die Standard-Schwäche ist in Bad Cannstatt längst ein zentrales Thema. „Da gibt es keine zwei Meinungen: Wir brauchen da mehr Impact und Dinge, die rauskommen“, sagt Hoeneß. Gerade das jüngste Spiel gegen Werder Bremen (1:1) sei eines gewesen, „bei dem es mit so einer Situation gehen muss.“ Nach dem kräftezehrenden Pokal-Halbfinale drei Tage zuvor hatten sich die Stuttgarter mit dem Herausspielen von Chancen schwer getan, zugleich aber rekordverdächtige 14 Ecken zugesprochen bekommen. Zählbares sprang bei keiner einzigen davon heraus an diesem Tag, der die Bedeutung der ruhenden Bälle nochmals überdeutlich vor Augen führte: Sie können ein Dosenöffner sein, gerade in zähen Partien gegen tief verteidigende Mannschaften. Und sie lassen sich ja auch bestens einstudieren – was insbesondere für Ecken gilt, bei denen die Position des Balls und die Entfernung zum Tor (anders als bei Freistößen) immer identisch ist.
Sebastian Hoeneß: „Ich bin vorsichtig optimistisch“
Die Eckball-Könige der Liga haben diese Situationen zu einem echten Trumpf entwickelt. Borussia Dortmund zum Beispiel, das die Variante mit einem voll besetzten Fünfmeterraum von Arsenal London sehr erfolgreich adaptiert hat. Oder der SC Freiburg, der die Gegner seit Jahren mit Einfallsreichtum vor Herausforderungen stellt und auch zuletzt im Pokal-Halbfinale in Stuttgart nach einer Ecke traf. Beide Teams benötigen in dieser Saison durchschnittlich 15 Ecken für ein Tor, der VfB 45.
Nun ist es nicht so, dass Eckbälle in Stuttgart in der Trainingsarbeit keinen Raum einnehmen. Ganz im Gegenteil. Auch in dieser Woche, berichtet Hoeneß, habe man wieder daran gearbeitet. Co-Trainer Malik Fathi ist schwerpunktmäßig für die Thematik zuständig, im Oktober 2025 engagierte der Verein zudem in Person von Philip Kipp einen zusätzlichen Assistenztrainer mit dem expliziten Zuständigkeitsbereich Standards.
Dass der große Aufwand keinen Ertrag abwirft, überrascht durchaus: Eigentlich hat der VfB ja Schützen mit einem guten Fuß – Chris Führich (acht Torvorlagen in dieser Saison) mit rechts oder Maximilian Mittelstädt mit links (sechs Vorlagen) zum Beispiel. Das Eckball-Problem ist auch nicht über Jahre gewachsen, vergangene Saison kamen zum Beispiel immerhin zehn Treffer zusammen.
Warum es derzeit nicht funktioniert? Die eine zentrale Ursache sticht nicht hervor, die ausschlaggebenden Nuancen variieren. Mal fehlt die Präzision beim Schützen, mal beim Kopfballspieler im Zentrum, mal verteidigt der Gegner gut oder blockt Laufwege. In puncto Varianz versucht der VfB vieles, es war schon fast alles dabei: weit geschlagene Bälle auf den zweiten Pfosten, Chips auf den ersten Pfosten, kurz ausgeführte Ecken. Letztere sorgten vor allem zu Saisonbeginn für Gefahr – und für zwei Tore, als auf ein Zusammenspiel an der Eckfahne eine Flanke von der Strafraumgrenze folgte, die Chema gegen Borussia Mönchengladbach (1:0) und Tiago Tomas gegen den VfL Wolfsburg (3:0) einköpften. „Ich bin vorsichtig optimistisch“, sagt Hoeneß, „dass wir am Samstag wieder etwas entwickeln, was wir schon hatten diese Saison.“
Weniger zu entwickeln und eher zu erhalten gilt es die Qualitäten in der Eckball-Verteidigung. Die funktioniert schon die gesamte Saison mit nur zwei Gegentoren gut, fällt aber natürlich weniger auf als vergebene Chancen. „Es wird wichtig sein, diese Stabilität weiterhin zu haben“, sagt Hoeneß. Gerade im Duell mit den kopfballstarken Hoffenheimern, gegen die Eckbälle offensiv wie defensiv eine große Rolle spielen werden und das Spiel entscheiden können. Zugunsten des VfB? Der Zeitpunkt könnte aus Stuttgarter Sicht kaum besser sein, um die monatelange Flaute zu beenden.