Simon Terrode feiert auf der Showbühne des VfB-Fanfests. Mehr Bilder von der Party auf dem Cannstatter Wasen finden Sie in unserer Bilderstrecke. Foto: Baumann

Simon Terodde kann den VfB verlassen, wenn er möchte. In seinem bis 2019 datierten Vertrag ist eine Ausstiegsklausel. Nun muss der Aufsteiger um seinen Torjäger kämpfen.

Stuttgart - Große Augen hat Simon Terodde jedes Mal bekommen, wenn sich vor ihm das weiß-rote Menschenmeer aufgetan hat. Gänsehaut, wenn er spürte, wie viele Emotionen ihm entgegenschwappten. Schon die ganze Saison über war das so, wenn der Mannschaftsbus in die Mercedes-Benz-Arena einfuhr und ihm die immense Erwartungshaltung von Tausenden Anhängern des VfB Stuttgart begegnete.

Aber nach dem 4:1-Sieg gegen die Würzburger Kickers wurde das alles übertroffen. Pure Freude schlug Terodde nach dem Aufstieg in die Bundesliga entgegen. Und Dank. Mittlerweile aber auch: Die Furcht, den Verehrten gleich wieder zu verlieren. Eine Ausstiegsklausel ermöglicht es dem Torjäger, den Club nach nur einer Saison wieder zu verlassen. Es gibt ein Angebot mit langfristiger Perspektive, Terodde grübelt. Die Fans des VfB bangen.

Schließlich wissen sie sehr wohl, welchem Spieler sie es am meisten zu verdanken haben, dass ihre Sehnsucht nach nur einer Saison erfüllt wurde. Kein Name wurde deshalb am Sonntagabend lauter und öfter geschrien, kein Spieler enthusiastischer gefeiert – und Simon Terodde hat ständig nur gerufen: „Wahnsinn!“ So etwas hat der Stürmer bei all seinen Stationen vorher noch nicht erlebt, nicht einmal annähernd.

Terodde verkörpert den neuen VfB

Im Sommer kam er für drei Millionen Euro vom VfL Bochum. Als Torschützenkönig der zweiten Liga, der den VfB wieder nach oben schießen sollte. Der früh in der Runde zurückgetretene Trainer Jos Luhukay hatte sich um ihn bemüht. Jetzt ist der 29-Jährige in Stuttgart jedoch weit mehr als der Angreifer, der erneut 25 Tore erzielt hat. Er ist der Liebling der Massen und verkörpert wie kein anderer den neuen VfB.

Zurückhaltend und bescheiden im Privaten, erfolgsorientiert auf dem Platz. Und als die Mission beendet war, hat auch Terodde ausgelassen diese „Symbiose zwischen Spieler und Publikum“ zelebriert, die Peter Neururer, Teroddes Ex-Trainer und Mentor, festgestellt hat. Mit einem VfB-Schal wedelte der Stürmer und hüpfte beim Fanfest auf dem Cannstatter Wasen freudetrunken über die Showbühne. Als Feierbiest posierte er auch mit Thomas D von der Hip-Hop-Band Die Fantastischen Vier für ein Selfie und schüttelte unzählige Hände.

In diesem Moment war es schwer vorstellbar, dass die frische Liaison zwischen Terodde und dem VfB bald schon wieder zu Ende sein könnte. Aber der Angreifer ist nach Jahren in der Anonymität der zweiten Liga plötzlich begehrt. Borussia Mönchengladbach und der 1. FC Köln sollen Interesse bekundet haben. Zunächst wollte sich keiner der Beteiligten äußern, am Montag kündigte Jan Schindelmeiser an: „Es wird sehr schnell eine Entscheidung geben. Wenn Simon sagen würde, ich will auf jeden Fall gehen, hätte der VfB keine Handhabe.“ Der Sportvorstand hat bereits mit dem Stürmer gesprochen. „Wir wollen ihn halten“, sagt Schindelmeiser, muss aber um seinen Vorzeigeprofi schwer kämpfen, eine Ablösesumme wäre da nur ein schwacher Trost. Doch Terodde weiß um seinen gestiegenen Marktwert und lotet mit seiner Beratungsagentur aus, inwieweit sich diese Entwicklung auszahlen könnte.

Neururer rät zum Verbleib in Stuttgart

„Aus sportlicher Sicht kann ich ihm nur empfehlen, den Fehler eines Wechsels nicht zu begehen und beim VfB zu bleiben“, sagt Neururer. Sein Argument: Terodde habe viele Jahre gebraucht, um seinen optimalen Platz in einer Mannschaft zu finden. Jetzt habe er ihn gefunden. Und nun geht es wohl darum, dass Schindelmeiser den umworbenen Stürmer davon überzeugt, dass er in Stuttgart besser aufgehoben ist als anderswo. Weniger mit Schmeicheleien, sondern mit einem höher dotierten und länger laufenden Vertrag (über 2019 hinaus) sowie und der Perspektive auf weitere Erfolge.

Persönliche und mannschaftliche. „Ich kenne keinen Stürmer, der einerseits so torhungrig ist und sich auf der anderen Seite so als Mannschaftsspieler einbringt“, sagt Neururer über Terodde, der sich als das neue schwäbische Kraftwerk bezeichnen lässt. Mit fast unwiderstehlicher Wucht und Willensleistung hat er seine Tore erzielt: darunter zehnmal das 1:0 und achtmal den Siegtreffer. „Er hat auch gegen Würzburg gezeigt, dass er der Entscheider ist“, sagt Neururer. Gerade im Zusammenspiel mit Daniel Ginczek, dem zweiten Mittelstürmer. „In den Szenen, die zu Toren geführt haben, hat man den Teamspirit der beiden gesehen“, sagt Neururer und adelt Ginczek (ein Treffer, drei Torvorlagen) zum Spieler des Spiels und Terodde zum Spieler der Saison. Dreimal legte Ginczek dabei für Terodde auf, dessen Wert für die Mannschaft über die Zahlen hinausreicht.

Als es eng wurde, war Terodde da

Schnell ist er zum Führungsspieler aufgestiegen, obwohl Terodde nur schwer in die Saison kam. Erst mit seinen ersten Treffern in Sandhausen und Kaiserslautern wuchs das Selbstvertrauen und schwand die Sorge, dass die Last der eigenen und fremden Ambitionen ihn erdrücken könnten. Terodde hat mit seinen 1,92 Metern und seiner Energie standgehalten. Vor allem als es für den VfB eng wurde. Für keinen Zweikampf war er sich dann zu schade, kein Weg nach hinten war ihm zu weit. Und wenn es sein musste, dann richtete er in der Kabine auch ein paar eindringliche Worte an die Mitspieler.

Wie in Bielefeld, als die Stuttgarter in der Halbzeit zurücklagen und Terodde mit feinem Füßchen noch den Sieg herausschoß. Solche Szenen sind es gewesen, die gezeigt haben, dass die Bühne zweite Liga zu klein für Terodde geworden ist. Bleibt nur noch zu klären, wo im Oberhaus der Torschützenkönig des Unterhauses seinen frischen Ruhm bestätigen will.

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