Eine geschlossene Leistung bietet der VfB Stuttgart in Leverkusen und feiert den Erfolg vor der eigenen Fankurve. Foto: Baumann/Julia Rahn

Jamie Leweling ist nach dem Sieg der Stuttgarter in Leverkusen in aller Munde. Doch für den Außenstürmer geht es eigentlich erst richtig los.

Fabian Wohlgemuth hat sich gut unterhalten gefühlt auf der Tribüne der Bay-Arena. Viel besser jedenfalls, als wenn der Sportvorstand des VfB Stuttgart in das nur knapp zwei Kilometer entfernte Kino in Leverkusen gegangen wäre und sich einen Blockbuster aus Hollywood auf der Leinwand angesehen hätte. Denn Wohlgemuth erlebte am Samstagabend im Stadion großes Fußballkino mit Klasse, Tempo und Leidenschaft. „Wer da nicht zuschaut, wenn der VfB und Bayer aufeinandertreffen, ist selbst schuld“, sagt der 46-Jährige nach dem 4:1 der Stuttgarter.

 

Mit dem klaren Sieg beim bis dahin auf Rang drei liegenden Werksteam untermauerte der VfB seine Ambitionen in der Bundesliga auf einen internationalen Tabellenplatz – mit Jamie Leweling in der Hauptrolle eines Streifens, der den Fans das Träumen erlaubt. Der Stürmer erzielte nicht nur zwei Tore (7./45.), sondern er entwickelt sich mehr und mehr zum Unterschiedsspieler. Egal, ob über rechts, links oder durch die Mitte. Der 24-Jährige behauptet sich mit seiner körperlichen Wucht, aber immer stärker überzeugt er auch mit seinem Abschluss. Auf sechs Treffer (drei davon in der Liga) und sieben Torvorlagen (fünf in der Liga) kommt er jetzt in 25 Pflichtspielen.

Das weckt Begehrlichkeiten. Vor allem auf der britischen Insel, wo man sich Leweling mit seiner Dynamik und Schnelligkeit gut vorstellen kann. Findet auch Deniz Undav dank seiner England-Erfahrung. „Er passt perfekt in die Premier League. Er hat ja alles, nur nicht meine Technik“, sagt der VfB-Angreifer, der wie Maximilian Mittelstädt (Foulelfmeter/29.) ebenfalls ein Tor erzielte (45.+2). Dennoch ist Undav überzeugt, dass Leweling den VfB in diesem Winter nicht verlässt. Trotz der angeblichen 40-Millionen-Offerte des AFC Bournemouth.

Auch der gefragte Mann stellt klar: „Ich will hier bleiben. Das Fußballspielen beim VfB macht Spaß – und das sieht man.“ Leweling strebt mit dem VfB noch einige Erfolge an und darüber hinaus die WM-Teilnahme im Sommer. Dafür hat er extra trainiert, um seine Abschlüsse zu verbessern. Das starke Resultat der Sondereinheiten war in Leverkusen wie schon vor wenigen Wochen in Bremen beim 4:0 zu bewundern. Dabei wurde Lewelings schönster Torschuss gegen Bayer aber aberkannt. „Wenn Deniz ein bisschen weniger Döner essen würde, dann wäre er nicht im Abseits gestanden und ich hätte einen Hattrick erzielt“, lacht Leweling über die Szene – und muss nicht lange auf die Replik warten.

„Wenn ihr gesehen hättet, wie schlecht er in den vergangenen Trainingstagen auf das Tor geschossen hat, dann würdet ihr es nicht glauben“, sagt Undav über den Kollegen mit dem gewaltigen Schuss und dem steigenden Marktwert. Zuletzt wurden 25 Millionen Euro angegeben. „Wir beschäftigen uns nicht mit Eventualitäten“, sagt Wohlgemuth allerdings zu den Transferspekulationen, „der Spieler will bleiben und wir wollen ihn behalten. Das ist eine große Schnittmenge, um sagen zu können: Wir freuen uns auf die Rückrunde mit Jamie Leweling.“ Zumal der Club und sein neuer Star gemeinsam klare Ziele haben und mit dem Erfolg im Rheinland nur den ersten Schritte im neuen Jahr getan haben. Weitere sollen folgen.

Bereits am Dienstag (18.30 Uhr) geht es in Stuttgart gegen Eintracht Frankfurt weiter. Wieder ein Gegner, der oberen Kategorie. Selbst wenn die Hessen als Siebter hinter dem VfB (Fünfter) darauf lauern, diesen wieder hinter sich zu lassen. Doch der Glaube an die eigene Stärke wächst mit jedem Punkt im Schwabenland. „Das Selbstbewusstsein ist sicher nicht weniger geworden nach dem dominanten Auftritt in Leverkusen“, sagt Wohlgemuth, der mit Hoeneß die feine Linie finden will, um die Mannschaft mit der richtigen Haltung im Gleichgewicht zu halten. Zwischen Selbstvertrauen und realistischer Selbsteinschätzung auf der einen Seite sowie augenblicklichem Hochgefühl und grundsätzlicher Bodenhaftung auf der anderen.

Nur Selbstzufriedenheit soll sich nicht einstellen. „Die innere Überzeugung, etwas erreichen zu können, ist jetzt direkt wieder da. Daraus wollen wir Kraft für die kommenden Wochen ziehen“, sagt der Trainer nach sechs vergeblichen Anläufen unter ihm gegen den Doublesieger von 2024 und den Vizemeister von 2025. „Wir hatten schon öfter das Gefühl, hier mehr mitnehmen zu können, als wir dann am Ende in Händen gehalten haben“, sagt Hoeneß.

Eine Spur Genugtuung hat sich der VfB nach den Enttäuschungen der vergangenen Jahre unter dem Bayer-Kreuz also erlaubt. Verständlich aufgrund der Vorgeschichte. Hochmut soll sich jedoch nicht einstellen. Wie alle in Stuttgart betonen. Denn Leweling will mit seinen Nebenleuten nur 72 Stunden nach der Vorstellung in Leverkusen wieder großes Fußballkino bieten.