Die pure Verzweiflung: Der VfB-Kapitän Christian Gentner kann es nicht fassen. Foto: Baumann

Wie konnte es so weit kommen, dass der VfB Stuttgart im Abstiegskampf fast nicht mehr zu retten ist und nun vor den Scherben einer Saison steht? Eine Analyse.

Stuttgart - Es war einmal ein stolzer Club. Über mehr als drei Jahrzehnte hinweg holte er immer wieder einen Titel. Er gehörte zu den Stamm­gästen in den europäischen Wettbewerben und beschäftigte Spieler von internationalem Format. Sein Wort hatte Gewicht im Fußballgeschäft. Dieser Club ist der VfB Stuttgart. Heute liegt er am Boden. Nur ein Wunder in Form eines Sieges am Samstag in Wolfsburg bei einer gleichzeitigen Bremer Niederlage gegen Frankfurt kann den Abstieg aus der Bundesliga noch verhindern. Eine Analyse.

b>Der Trainer

Knapp drei Stunden nach dem bittersten Moment seiner Trainerkarriere ist Jürgen Kramny zu seinem Auto getrottet. Einen Rollkoffer hat er hinter sich hergezogen, und auf dem Parkplatz des Clubgeländes warteten noch ein paar VfB-Fans auf ihn. Ein Foto wollten sie haben. Kramny nahm eine Frau für das Bild in den Arm – und ­dabei hätte er wohl selbst Trost gebraucht. Denn was sich zuvor beim 1:3 gegen Mainz im Stuttgarter Stadion abgespielt hatte, sprengte im Vorfeld seine Vorstellungskraft: Der VfB, sein Verein, ist mit ihm an der Spitze so gut wie ­abgestiegen.

Kramny muss für dieses sportliche Desaster jetzt nicht nur die Verantwortung übernehmen, sondern er musste den erneuten Zusammenbruch aller Systeme in der Mannschaft auch noch erklären. Tapfer ist er das angegangen, aber seine Stimme war brüchig, und die Augen waren wässrig, als er sagte: „Das ist eine brutale Geschichte. Aber es ist noch nicht vorbei. Wir werden bis zum letzten Tropfen alles geben.“

Schon seit seiner Amtsübernahme im November hat Kramny alles gegeben, in der Endphase der Saison jedoch nichts mehr bewirkt. Denn der Spannungsabfall nach einer Siegesserie zum Rückrundenstart war eklatant – und der Trainer hat kein Mittel gefunden, die Spieler noch einmal in den Abstiegskampfmodus zu bringen. Seit dem 0:1 in Augsburg am 30. Spieltag hat er die Mannschaft nicht mehr erreicht.

Das muss man Kramny ankreiden, und das wird er sich auch selbst ankreiden. Er hat die Abwärtsentwicklung nicht stoppen können, letztlich steckte der VfB sogar in der Angstspirale. Mit dem Mut der Verzweiflung hat der Coach gegen Mainz noch einmal versucht, diese zu durchbrechen. Gegenüber dem 2:6 in Bremen tauschte er nicht nur den Torwart aus, sondern die komplette Viererabwehrkette.

Es hat nichts mehr gebracht. Und wie bei seinen Vorgängern hat sich bei Kramny gezeigt, dass dieses Team seine Trainer an die Grenzen des Machbaren führt. Labbadia, Schneider, Stevens, Veh, Zorniger – der VfB hat es in den Wirren des Abstiegskampfes mit vielen Typen probiert, Konstanz brachte keiner. Was die Frage aufwirft, mit welchem Chefcoach die Stuttgarter ihre Zukunft angehen wollen. Dass die Antwort Kramny heißt, ist so unwahrscheinlich wie der Verbleib in der Bundesliga.

Der Manager

Auch Robin Dutt war zum Heulen zumute. Jedenfalls hat sich der Manager verdächtig oft mit dem Jackenärmel über die Augen gewischt, als der VfB vor den Scherben einer Saison stand. Dabei sollte es eine Bundesligarunde werden, die den Verein langsam wieder nach oben bringt. So hat es Dutt vor einem Jahr nach der Rettung angekündigt. Er hat auch einiges an Strukturen und Abläufen verändert sowie Personal ausgetauscht, ein schneller Erfolg hat sich jedoch nicht eingestellt.

Damit hatte der Sportchef auch nicht gerechnet, er hat immer wieder zur Geduld gemahnt. Das Verheerende ist nun aber: keine von Dutts Maßnahmen hat sich sichtbar auf dem Platz oder in der Tabelle niedergeschlagen. Im Sog der miesen Resultate wurde alles mit nach unten gerissen. Und Dutts Transferpolitik ist eineinhalb Jahre nach seinem Amtsantritt vor allem unter dem Aspekt zu bewerten, dass Nationalspieler wie Przemyslaw Tyton, Toni Sunjic oder Artem Kravets im Abstiegsfall keine Hilfe waren.

Vielmehr wirkte vieles auf dem Rasen gegen Mainz total hilflos – was das Ergebnis eines jahrelangen Missmanagements ist. Dutt sollte das ändern, doch jetzt ist der 51-Jährige das Gesicht des wahrscheinlichen Abstiegs. Dennoch: der Sportvorstand will beim VfB weitermachen.

Der Verein

Formal ist alles geregelt. Der VfB hat bei der Deutschen Fußball-Liga die Lizenz für die zweite Liga beantragt – und sie ohne Auflagen erhalten. „Das ist bei aller Dramatik ein wichtiger Fakt“, sagt der Finanzvorstand Stefan Heim. Dass die Stuttgarter den Gürtel aber deutlich enger schnallen müssten, ist klar. So würde der Personaletat für die Profis wohl von jetzt 40 Millionen Euro im Jahr auf etwa 25 bis 30 Millionen schrumpfen. Bei den weiterlaufenden Spielerverträgen verhält es sich so, dass sie auch nach einem Abstieg Gültigkeit hätten. Zu reduzierten Bezügen, was in der Regel zu einer Abwanderungswelle unter den Profis führt.

Doch Transfereinnahmen kann der VfB grundsätzlich gut gebrauchen. Im Falle eines Abstiegs aber besonders, da es in der zweiten Liga viel weniger Fernsehgeld gibt. Die Stuttgarter erhielten in dieser Saison knapp 30 Millionen Euro, in der zweiten Liga wäre es wohl die Hälfte dieser Summe. Zudem würden die Sponsoren dem Club zwar die Treue halten, aber eben weniger zahlen. Und der VfB müsste mit einem geringeren Zuschauerschnitt kalkulieren: mit 30 000 statt bisher 50 000 Besuchern pro Spiel. Auch das reißt ein finanzielles Loch. Dennoch plant der VfB eines nicht: Vereinsmitarbeiter zu entlassen.

Die Vereinsführung

Es ist 19.55 Uhr. Zweieinhalb Stunden nach dem Spiel gegen den FSV Mainz tritt Bernd Wahler (57) vor die Presse und sagt: „Das ist ein ganz, ganz schwieriger Tag“ – aber ein ganz, ganz schwieriger Tag mit relativ langem Vorlauf. Am 2. September 2013 hat Wahler sein Amt beim VfB angetreten. Seine Bilanz fällt ernüchternd aus: zuerst Platz 15, dann Platz 14 – und jetzt voraussichtlich der zweite Bundesligaabstieg nach 1975 mit unvorhersehbaren Begleiterscheinungen. Am 17. Juli findet die nächste Mitgliederversammlung statt. Da will Wahler über die Ausgliederung abstimmen lassen, aber die Atmosphäre ist so, dass die Chancen auf die erforderliche Mehrheit sehr gering sind. Und dann?

Schon jetzt steht fest, dass der aus Martin Schäfer, Wilfried Porth und Hartmut Jenner bestehende Aufsichtsrat bald nach dem Saisonfinale vom Vorstand wissen will, wie er sich insgesamt die Entwicklung und speziell einige Personalien auf dem Spielersektor erklärt. Die Gesamtverantwortung dafür trägt Wahler – was auch für den erstmaligen Abstieg der zweiten Mannschaft aus der dritten Liga gilt. Ein Doppelabstieg wäre dann einmalig in der deutschen Fußballgeschichte.

Aus Sponsorenkreisen verlautet bereits, dass die Weichen beim VfB deshalb ganz schnell grundsätzlich anders gestellt werden müssen, um wieder eine vernünftige Basis und eine entsprechende Perspektive zu besitzen. Vorausgesetzt, es gibt keine Rücktritte, kann aber nur der Aufsichtsrat einen solchen Erneuerungsprozess einleiten. Das Gremium kontrolliert den Vorstand und den Präsidenten.

Wahler ist der Chef, aber als solcher tritt er selten bis nie in ­Erscheinung. Vielmehr ist er ein umgänglicher Mann, der nirgendwo anecken will. Er arbeitet gerne von seinem Homeoffice aus, ist eher unregelmäßig bei weiten Auswärtsreisen mit dabei und pflegt keinen engen Draht zur Mannschaft, die ihn nur sehr selten zu Gesicht bekommt. Dafür legt er großen Wert darauf, dass sich die Mitarbeiter gut fühlen – eine Wohlfühloase, die auch den Spielern nicht verborgen bleibt und die wie in jedem Unternehmen von oben auf die unteren Ebenen abfärbt. „Jetzt geht es darum, die richtigen Entscheidungen für den VfB zu treffen“, sagt Wahler.

Die Mannschaft

Sie ist letztlich wiederum das Produkt der Vereinsführung und des Managements. Stichwort Wohlfühloase. Dieser offensichtliche Hang zur Bequemlichkeit und die daraus resultierende fehlende Siegermentalität sind aber nur die eine Seite, die der VfB immer in den Vordergrund stellt. Da heißt es unterschwellig, dass es die Spieler eigentlich viel besser könnten – wenn sie nur wollten. Ist es jedoch andererseits nicht so, dass sie zwar schon wollen wie auch am Samstag, aber dass die Qualität eben nicht für mehr reicht als für den seit einiger Zeit zum Standardprogramm gehörenden Kampf gegen den Abstieg?

Fußball entscheidet sich auf jeden Fall nicht nur im Kopf, sondern auch dadurch, wie die Spieler eines Teams handwerklich mit dem Ball umgehen können. Frage: welcher VfB-Verteidiger hätte bei einer anderen Bundesligamannschaft einen Stammplatz sicher – Florian Klein, Toni Sunjic, Federico Barba, Georg Niedermeier, Daniel Schwaab, Timo Baumgartl, Philip Heise, ja selbst Kevin Großkreutz? Antwort: In der Saisonrangliste des Fachblattes „Kicker“ liegen all diese Spieler mit ihrer Note weit unter dem Bundesligadurchschnitt.

„Der Frust ist bei allen riesengroß“, sagt Bernd Wahler am Ende dann noch.

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