Voller Vorfreude: Die VfB-Fans fiebern dem Bundesligastart gegen den 1. FC Köln entgegen Foto: dpa

Schwäbischer Fußball-Bundesligist müsste man sein. Sind die Leistungen auf dem Platz über die Jahre auch noch so bescheiden, die Nachfrage beim Anhang ist ungebrochen. Auch, weil die Strategen im Club geschickt nachhelfen

Stuttgart - Es ist noch nicht so furchtbar lange her, da glich die Atmosphäre in der Mercedes-Benz-Arena mal wieder der in einem Eisschrank. Es war Anfang März, als der VfB gegen Hertha BSC sein x-tes Heimspiel vergeigte, der Abstieg schien kaum mehr abwendbar. Teile des Anhangs hatten endgültig genug von ihrem Herzensverein, drohten offen mit Liebesentzug, zumindest aber mit der Kündigung ihrer Dauerkarte.

Vier Monate später scheint all dies vergessen. Die Roten sind wieder angesagt wie ein Anwärter auf die Champions League. Die Zahl der verkauften Dauerkarten wird zum Start in die neue Saison wohl die 30 000er-Marke übersteigen; damit wäre der gute Wert aus der Vorsaison (28 000) noch übertroffen. Zur Präsentation des neuen Trikots pilgerten 4000 Fans auf den Wasen und sorgten für eine Stimmung wie bei einem Pop-Konzert, am Abend waren 1000 der neuen Leibchen verkauft. Insgesamt gingen bereits 5000 Trikots über den Tresen – 40 Prozent mehr als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr.

Und als bekanntwurde, dass das englische Starensemble von Manchester City die Begleitmusik zur Saisoneröffnung ­geben wird, brach der Ticket-Server des Bundesligisten zusammen. Kurzum: Die Euphorie ist riesig – und sie lässt sich trotz des 14. Tabellenplatzes aus der Vorsaison auch erklären.

Der fabelhafte Saisonendspurt

Ein guter Schluss ziert alles, mögen sich die Kicker in Weiß und Rot gedacht haben, als sie mit dem 3:1-Sieg gegen Eintracht Frankfurt am 26. Spieltag die ersten 25 Runden vergessen machten und zu einem fabelhaften Schlussspurt anzogen. Vor allem die letzten drei gewonnenen Spiele bleiben haften. Doch Vorsicht! Die Leistungen gegen Mainz 05, den Hamburger SV und den SC Paderborn zum Maßstab für die neue Saison zu nehmen wäre töricht. Dafür hat sich zu viel verändert, beim VfB und in der Liga. Oft genug in der jüngeren Vergangenheit schienen die ­Roten am Ende der Saison die Wende zum Guten geschafft zu haben – und schlugen nach der Sommerpause prompt wieder unsanft im Tabellenkeller auf.

Das neue Trikot

Das neue Trikot stellt jeden Neuzugang in den Schatten, bei den Fans ist es der absolute Renner. Die Rückkehr zum traditionellen, durchgängigen Brustring ist ­Balsam auf jede kommerzgeschundene Fanseele. Dazu die Farbgebung: Schwarz-Rot für Württemberg, Schwarz-Gelb für Stuttgart. Ein 1893-Schriftzug mit stilisierten Stuttgarter Sehenswürdigkeiten im Nacken des roten Auswärtsjerseys dient den nach Tradition lechzenden ­Anhängern als weiteres Zuckerle.

„Wir haben uns bewusst dazu entschieden, mehr auf die Wünsche der Fans einzugehen“, sagt VfB-Marketingvorstand Jochen Röttgermann. Doch auch hier gibt es warnende Beispiele: Vor einem Jahr wurde die Rückkehr zum alten Wappen groß gefeiert, was folgte, ist bekannt. „Tradition darf nicht nur heißen, die Asche aufzubewahren, sondern die Flamme am Leben zu halten“, sagt Marketing-Experte Alfons Madeja von der Firma SLC Management. Heißt: Ein Traditionsclub braucht irgendwann auch wieder Erfolg, nur Äußerlichkeiten helfen wenig.

Der schwäbische Trainer

Ein hoffnungsvolles Trainertalent, das mit seinem Schwäbisch bei jedem Mundart-Wettbewerb glänzen könnte – weiß-rotes Fußballherz, was willst du mehr? „Die vergangenen Spielzeiten mit Jürgen Klopp, Thomas Tuchel oder Markus Weinzierl haben gezeigt, dass Trainerexperimente funktionieren können. Die heutige Generation Fans hat da ein großes Grundvertrauen in frische Gesichter“, analysiert Alfons Madeja. Zorniger startet in seine erste Station als Bundesliga-Trainer mit so vielen Vorschusslorbeeren, dass ihm noch nicht einmal seine Vergangenheit beim bei den Fans so ungeliebten Zweitligisten RB Leipzig übelgenommen wird.

Der neue Sportvorstand

Robin Dutts Aufstieg vom kritisch beäugten Erfolgslos-Trainer zum geschätzten Sportchef ist sicherlich eng an den geglückten Klassenverbleib geknüpft. Seit seinem Amtsantritt im Januar hat der ­50-Jährige aber auch nicht viel falsch ­gemacht. Dutts erster Einkauf, Serey Dié, schlug prompt ein, und sein Festhalten an Huub Stevens nahm ein glückliches Ende. Dass der Sportvorstand danach den eisernen Besen auspackte und die halbe sportliche Führung austauschte, nötigte allgemein Respekt ab. Die engere Einbindung von Club-Legende Günther Schäfer wirkt identitätsstiftend. Was ebenfalls gut ­ankam: Die Entscheidung von Vorstand und Marketingabteilung, die Ticketpreise nicht zu erhöhen. „Ich habe den Eindruck, dass beim VfB inzwischen wieder hoch professionell gearbeitet wird“, sagt André Bühler vom Deutschen Institut für Sportmarketing in Nürtingen. Auch Dutts sportliche Neuzugänge wecken beim Anhang Hoffnung auf bessere Zeiten, allen voran der Argentinier Emiliano Insua. Jetzt müssen sie nur noch das Tor treffen.

Fazit

Der VfB-Anhang stattet seine Helden in kurzen Hosen mit einem riesigen Vertrauensvorschuss aus. Das ist bei anderen Vereinen in der Bundesliga zum Teil ähnlich, hat beim Club aus Cannstatt aber eine besondere Note. Die Emotionen aus dem Kampf gegen den Abstieg wirken nach.

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