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Der VfB-Stürmer steht unter Dauerbelastung - als Pendler zwischen Strafraum und Möbelhaus.

Stuttgart - Japan, Südafrika, Katar, Stuttgart: Seit 15Monaten jagt Shinji Okazaki fast ohne Pause auf drei Kontinenten der Kugel nach. Jetzt schwindet die Kondition. Umso mehr freut den VfB-Stürmer die Ankunft seiner Frau und Kinder: "Ich muss nicht mehr kochen - ein Glück."

So langsam wächst zusammen, was zusammenpasst. Seit Okazakis Frau Yumemi hier ist, füllt sich die gemeinsame Wohnung in Fellbach. Am Mittwoch war das Ehepaar wieder unterwegs, in einem Möbelhaus haben sie Herd, Tisch und Stühle besorgt. Nicht die typischen kniehohen Tatami-Tische, sondern normal große. "Die jungen Leute in Japan sitzen nicht mehr an den kleinen Tischen", sagt er. Einen Fernseher haben sie auch schon, auch an ein Bügeleisen haben sie gedacht. Keine Frage, Shinji Okazaki (25) lebt sich prima ein.

Im Asian Shop in Bad Cannstatt kauft er Reis, Nudeln und Sojasoße, beim schwäbischen Metzger Schnitzel und Maultaschen, die er in ähnlicher Form aus der Heimat kennt ("Die liebe ich"), in der Markthalle holt er sich Fisch und Gemüse. Die Umstellung auf den deutschen Rechtsverkehr ist ihm - toi, toi, toi - bisher unfallfrei gelungen, die Kehrwoche nimmt ihm ein Hausmeister ab, und in der Stadtmitte favorisiert er ein bestimmtes japanisches Restaurant, "weil dort alle Köche und der Geschäftsführer Japaner sind, das ist wichtig".

Zum Glück fehlt noch ein Sofa

Jetzt fehlen ihm zu seinem Glück nur zwei Dinge: dass seine Frau Yumemi und die Kinder Toya (2) und Kenshi (fünf Monate) endlich ihren Husten loswerden, Folge der ungewohnten Temperaturschwankungen hierzulande. Und ein Sofa. Aus zwei Gründen: Zum einen wäre dann das Mobiliar nahezu komplett, zum anderen hat er dafür ganz persönlich dringenden Bedarf. Denn Okazaki ist müde, sehr müde sogar.

Kein Wunder bei dem Marathon, den er seit gut einem Jahr hinlegt. 68 Spiele hat er in 15 Monaten bestritten, häufig über 90 Minuten, ohne längere Erholungsphasen zwischendurch. Das zehrt an Körper und Geist. Die mentale Belastung ist so groß wie die physische - mindestens. In Südafrika hat er Mitte 2010 sein erstes WM-Turnier gespielt, in Katar zum Jahreswechsel seinen ersten Asien-Cup bestritten. Dann flog er heim, um seinen neugeborenen Sohn zu begrüßen. Danach ging es direkt zum VfB, mit dem er an diesem Samstag (15.30 Uhr/Sky, Liga total) bei 1899 Hoffenheim antritt. Immer neue Menschen, neue Städte, neue Bilder und die neue Sprache drangen auf ihn ein, im Zeitraffer flog alles vorbei, er hat es aufgeschnappt, aber kaum verarbeitet. Kein Wunder, dass er sagt: "Mein Kopf ist müde. Es ist alles anstrengender, als ich dachte."

Im VfB-Trikot läuft er dennoch wie ein Rädchen, 60, 70 Minuten lang. Dann geht sein Akku spürbar zur Neige. Und dann quält sich Okazaki in der 89. Minute doch wieder zu einem Sprint in den Strafraum. Wie er das macht? "Ich bin überrascht, dass der VfB im medizinischen Bereich so gut aufgestellt ist. So viele Massagen wie hier habe ich noch nie bekommen", sagt er. Und dann sind da noch sein Wille, sein Herz, seine Mentalität. "Ich bin beim VfB so warmherzig empfangen worden, und alle loben meine große Laufbereitschaft. Ich will niemanden enttäuschen. Und ich bin so motiviert, in der Bundesliga zu spielen."

Dreimal noch, dann ist Pause. Und dann soll auch das neue Sofa endlich da sein.

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