Der große zusammenhalt: die VfB-Mannschaft bedankt sich bei ihren Fans für die außergewöhnliche Unterstützung in Nürnberg. Foto: Baumann

Beim 3:2-Sieg in Nürnberg bietet der VfB Stuttgart wieder ein verrücktes Spiel. Überschwang erlaubt sich der Spitzenreiter der zweiten Fußball-Bundesliga vor der Begegnung mit Außenseiter Erzgebirge Aue aber nicht.

Nürnberg - Sie wollten diesen Ort einfach nicht verlassen. Nürnberger Stadion, Südkurve. Also hüpften die Fans des VfB Stuttgart noch lange nach dem Abpfiff vor Freude weiter. Ihre Gesänge drangen auch in die Kabine des Zweitliga-Spitzenreiters. „Wir wollen die Mannschaft sehen“, schrien Tausende euphorisiert. Doch die Mannschaft blieb wo sie war. Beeindruckt von der Unterstützung, die sie zuvor erfahren hatte. Überwältigt von diesem 3:2-Sieg beim 1. FC Nürnberg, den erst Florian Klein mit seinem Tor in der Nachspielzeit ermöglicht hatte. Aber ebenso geplättet von der Energieleistung, die nötig gewesen war nach dem 0:2-Rückstand – und all der Emotionen, die das Spiel ausgelöst hatte.

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Purzelbäume schlugen die Gefühle, weil die Begegnung in Franken das Zeug dazu hat, einen Meilenstein auf dem Weg zurück in die Bundesliga zu markieren. „So ein Sieg schweißt zusammen“, sagt der Stürmer Daniel Ginczek. Was im Endspurt des Aufstiegsrennens ein unschätzbarer Vorteil sein kann. Dennoch widerstanden die Spieler der Versuchung, sich zu ausgiebig feiern zu lassen. Obwohl sie sich ihrem Ziel wieder einen Schritt genähert haben. Vielmehr bedankten sich Trainer und Team bei den Fans – und gingen ohne Überschwang dazu über, sich der neuen Aufgabe zu stellen.

Am Sonntag steht viel auf dem Spiel

Drei Spiele sind es noch bis zum Ende der Runde, und als erstes Team aus dem Dreierpaket kommt Erzgebirge Aue. Ein Abstiegskandidat, der sich im Aufschwung befindet. Viel steht am Sonntag demnach auf dem Spiel, auch wenn der VfB den Aufstieg durch einen Sieg nicht perfekt machen kann. Noch kann aus dem Traum, wieder nach oben zu springen, das traumatische Erlebnis werden, am Ende doch unten bleiben zu müssen. „Die Fans dürfen träumen, das ist okay“, sagt der Manager Jan Schindelmeiser, „wir aber wollen Wünsche erfüllen und dürfen im Gefühl des Sieges nicht über die Schwächen hinwegsehen.“

Überrumpeln ließen sich die Gäste – erst durch einen schnell ausgeführten Freistoß und danach durch einen Antritt. 0:1 durch Hanno Behrens (25.) und 0:2 durch Cedric Teuchert (33.) hieß es. Die Partie hatte zu diesem Zeitpunkt eine Dynamik entfaltet, welche die Defizite der Stuttgarter offenbarte: Die Anfälligkeit in der Defensive. Aber auch die Offensivleistung war mäßig. Anfangs. „Wir haben das Tempo verschleppt“, sagt der Trainer Hannes Wolf. Die Spielkontrolle war auf diese Weise nur eine trügerische Überlegenheit, da FCN-Trainer Michael Köllner die simpelste aller Fußballtaktiken wählte und der Plan zunächst aufging. Hinten dicht und vorne kontern. So ähnlich hatte schon 1860 München den VfB genervt, fast entnervt. Doch da die Stuttgarter mit ihrem Achterbahnfußball (zuvor gab es ein überzeugendes 3:1 gegen Union Berlin) bereits seit Jahren die Neigung haben, ihren Anhang und ihre Mitarbeiter an den Rande des Wahnsinns zu treiben, tut man gut daran, sie nicht abzuschreiben.

In der Tradition von Oliver Kahn

Speziell der April verlief aufregend. Ganz in der Tradition des einstigen Bayern-Torwarts Oliver Kahn bestritten die Schwaben diesen wichtigen Monat. Weiter, immer weiter, lautete einst Kahns Mantra. Und viermal gelang es dem VfB in letzter Minute ein fast schon verloren geglaubtes Spiel zumindest noch auszugleichen.

0:3 lag der VfB gegen Dresden zurück und Simon Terodde erzielte in der 94. Minute per Elfmeter das 3:3. Beim 1:1 in München glich Marcin Kaminski die Löwen-Führung in der 92. Minute aus. In Bielefeld stand es 0:1 und 2:2, ehe Terodde der Siegtreffer gelang.

Und jetzt Nürnberg. Terodde und Gin­czek schafften in fünf Minuten den Ausgleich – was zu der These führt, dass der Wahnsinn des VfB Methode hat. Zum einen bringt sich die Elf ständig in Bedrängnis. „Das liegt an uns und nicht daran, dass die Gegner so stark sind“, sagt Schindelmeiser zu den Ausschlägen nach unten. Zum anderen reagiert die Mannschaft jedoch und weiß mit dem Rücken zur Wand ihre Qualitäten einzusetzen. „Das war eine außergewöhnliche Willensleistung“, sagt Wolf, der in seiner Halbzeitansprache jedoch lauter und provokanter werden musste als üblich, um eine Steigerung zu erzwingen.

Unterstützt wurde der Trainer in der Kabine von Führungsspielern, die ebenfalls das Wort ergriffen und die Mannschaft noch einmal einschworen. Mit Erfolg. Diesmal. Denn ein Automatismus, Spiele ständig drehen zu können, ergibt sich nicht. Auch nicht gegen Erzgebirge Aue. Schon in Nürnberg hing der Erfolg am seidenen Faden. Dort brauchte es schon den guten Torhüter Mitch Langerak sowie die Wechsel des Trainers. Personell durch die Hereinnahmen der späteren Torschützen Ginczek und Klein. Taktisch, weil Wolf erkannte, dass es allein spielerisch nicht vorwärts ging. „Die Dramatik bei uns ist brutal“, sagt Ginczek, „mit jeder Minute wird der Druck größer, noch ein Tor erzielen zu müssen.“ Weshalb diesmal am Ende andere Tugenden halfen. Vor allem die Kraft des Glaubens – an den ganz großen Moment, der für Fans und Spieler ja noch kommen soll.

VfB Stuttgart - 2. Bundesliga

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