VfB-Coach Bruno Labbadia will, dass sein Team seine Vorstellungen umsetzt – noch ist er nicht am Ziel. Foto: dpa

Das Team von Bayer Leverkusen hat zum Saisonauftakt begeistert und gewonnen, der VfB Stuttgart dagegen kassierte in Mainz eine Niederlage. Alles nur Zufall – oder eine Frage des Systems? An diesem Samstag (15.30 Uhr/Sky) treffen die beiden Teams in Stuttgart aufeinander. Ein Vergleich.

Stuttgart - Wenn Bruno Labbadia über seine Arbeit beim VfB Stuttgart redet, dann benennt er gern Dinge wie „unser Stil“, „unsere Vorstellungen“ oder „unsere Philosophie“. Und es scheint sicher: Der Trainer hat einen Plan. In der vergangenen Saison und in den ersten Pflichtspielen dieser Runde gab es jedoch ein Problem: Ein Plan war kaum erkennbar – weshalb dessen Existenz sogar angezweifelt wurde. Gibt es sie womöglich gar nicht, die Spielidee des VfB Stuttgart?

„Doch“, versichert Tobias Escher. Der Taktikfuchs ist Mitbegründer der Online-Plattform spielverlagerung.de und analysiert gemeinsam mit seinen Kollegen immer wieder Bundesligapartien aus rein taktischen Gesichtspunkten. Auch das Stuttgarter Team hat er schon unter die Lupe genommen und versichert: „Die Spielidee des VfB ist zwar keine besondere, aber durchaus erkennbar.“ Und gut genug, um damit Bayer Leverkusen zu stoppen?

Die Werkelf hat im Gegensatz zum VfB beim 3:1 gegen den SC Freiburg einen starken Bundesligastart hingelegt, ist sportlich derzeit dritte Kraft hinter dem FC Bayern und Borussia Dortmund und kommt an diesem Samstag mit breiter Brust in die Mercedes-Benz-Arena. „Die Stärken der Leverkusener sind ihre Ballsicherheit, ihre Variabilität und die Sauberkeit in den Abschlüssen“, sagt Labbadia. Im Detail gibt es noch mehr Unterschiede zum VfB.

Das Spielsystem: Der VfB agiert in einem 4-2-3-1-System, Tobias Escher nennt das, was einst als Neuerung galt, nun ein „Allerweltssystem“. Entsprechend sind viele Gegner darauf vorbereitet. Die Leverkusener bevorzugen eine 4-3-3-Ordnung ohne echten Spielmacher auf der Zehnerposition.

Die Spieleröffnung: Was Escher beim VfB aufgefallen ist: „Es wird relativ schnell auf lange Bälle zurückgegriffen.“ Eine Ursache: „Die Außenverteidiger rücken schnell auf.“ Und fallen als Anspielstation weg. Auch das defensive Mittelfeld wird „kaum in den Spielaufbau eingebunden“, sagt Escher. Bei Bayer dagegen kippe Stefan Reinartz, der als Sechser auf der zentralen defensiven Mittelfeldposition spielt, immer wieder nach hinten ab. Nach dem Zusammenspiel mit den Innenverteidigern werde der Ball dann meist nach außen gepasst. „Bayer Leverkusen spielt sehr kurzpassorientiert“, sagt Escher.

Die Staffelung: „Ein Problem des VfB war zuletzt oft, die Mannschaftsteile zu verbinden“, erklärt Escher. Auch daraus resultierten die langen Bälle. Tamas Hajnal war einst ein perfektes Verbindungsstück zwischen defensivem Mittelfeld und Angriff. Alexandru Maxim „steht als Zehner höher“. Also weiter vorn. Zuletzt spielte Moritz Leitner in der Rolle des Rumänen.

Die Rolle der Stürmer: Auf den ersten Blick ähneln sich Stefan Kießling und Vedad Ibisevic, beide geben in ihren Teams die einzige Spitze. Doch es gibt Unterschiede. Escher nennt Kießling „mobiler“, der Leverkusener weiche mehr aus, spiele mehr mit, lasse die Bälle auch viel prallen. „So ergibt sich für die Spieler dahinter oft die Möglichkeit, ins Dribbling zu gehen“, sagt der Taktikexperte. Ein Beleg sind die Daten vom ersten Spieltag: Kießling hatte mehr Ballkontakte als Ibisevic, gewann mehr Zweikämpfe und spielte 20 Pässe. Ibisevic kam auf zwölf. Auch bei den gefährlichen Kontern der Leverkusener spielt Kießling eine große Rolle.

Das zentrale Mittelfeld: Eine Stärke der Leverkusener ist die Balleroberung im Mittelfeld. Laut Tobias Escher vor allem dank Lars Bender: „Er erobert viele zweite Bälle.“ Im Spiel gegen Freiburg gewann allein der Nationalspieler 17 Zweikämpfe. Die VfB-Profis Arthur Boka und Christian Gentner gewannen jeweils nur sechs.

Das Spiel über Außen: Beim VfB, sagt Escher, „müssen die offensiven Außen nach innen ziehen, um Platz für die Außenverteidiger zu machen“. So suche vor allem Martin Harnik, ein gelernter Stürmer, oft den Weg in die Mitte. Das Problem: Trotz dieser Maßgabe kamen in Mainz gerade einmal drei Flanken von den Außenverteidigern, von Gotoku Sakai keine einzige. Obwohl in Leverkusen die Außenbahnen eher durch die Offensivspieler besetzt bleiben, kamen die Bayer-Außenverteidiger zum Auftakt auf doppelt so viele Flanken. Fleißigster Passgeber nach innen war beim VfB Ibrahima Traoré (5).

Das Pressing: Das frühzeitige Attackieren des Gegners gehört laut Labbadia zu den wesentlichen Bestandteilen der offensiven Ausrichtung. „Das ist zuletzt auch wieder mehr geworden“, bestätigt Tobias Escher. Konsequent zieht der VfB nach Meinung des Experten diesen Plan aber nicht durch: „Meist steht das Team kompakt, es kommen einzelne Pressingaktionen, im Zweifel setzt man aber auf Sicherheit.“

Das mag nicht immer falsch sein, begeisternde Spiele hat der VfB so zuletzt aber wenige abgeliefert. Im ersten Heimspiel ist jedoch Mut gefragt, um die Fans für weitere Stadionbesuche zu begeistern. Trotz der Personalprobleme in der Abwehr sagt Trainer Bruno Labbadia: „Komplett zurückziehen – das ist nicht unser Stil.“ Mal sehen, ob man das am Samstagnachmittag auch sieht.

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