Begehrtes Quartett: Filip Kostic, Daniel Didavi, Daniel Ginczek, Martin Harnik (v.li.) Foto: Baumann

Im Spiel bei 1899 Hoffenheim geht es für den VfB Stuttgart nicht nur um drei Punkte, sondern ein Stück weit auch um seine Zukunft. Genauer: um die seines begehrten Herzstücks.

Stuttgart - Alexander Zorniger trägt sein Herz auf der Zunge. Das macht den FußballTrainer von der Ostalb grundsätzlich sympathisch. Problematisch wird die Sache nur, wenn die Erfolge ausbleiben. Was beim VfB nachweislich der Fall ist. Sieben Spiele, sechs Niederlagen. Oder um mit Zorniger zu sprechen: „Die Lage ist katastrophal.“

Vor dem Spiel bei 1899 Hoffenheim an diesem Samstag (15.30 Uhr/Sky) hat der 47-Jährige mal wieder die Keule geschwungen. „Wenn es einen Trainer gibt, der mit dieser Spielweise alle Spiele gewinnt, dann her mit ihm“, sagte Zorniger und fuchtelte wild mit den Armen, „nicht mal Mourinho kann dafür sorgen, dass jede Chance drin ist und hinten kein Tor fällt.“ Und weiter: „Ich will auf Teufel komm raus Spiele gewinnen.“ Die ­aktuelle Situation? „Sie kotzt mich genauso an wie viele andere auch!“

Eine Form der kontrollierten Offensive

Wer damit genau gemeint war, ließ er offen. Aber man kann es sich leicht ausmalen: im Prinzip alle, die mit dem Club aus Cannstatt verbunden sind; Fans, Umfeld, aber auch die Mannschaft. Es ist kein Geheimnis, dass die Stimmung unter den Kickern mit dem roten Brustring schon mal besser war. Zum Beispiel am Ende der vergangenen Saison. Der Klassenverbleib war gerade geschafft, die Mannschaft spielte nicht nur erfolgreich, sie schien auch endlich ihr System gefunden zu haben. Eine Form der kontrollierten Offensive, in dem ein Großteil des aktuellen Kaders sich gut aufgehoben fühlte.

Dann kam Zorniger und machte aus der kontrollierten die eher unkontrollierte Offensive. Der Reiz des Neuen paarte sich mit einer grundlegenden Skepsis, die mit jeder Niederlage die Zweifel wachsen ließ, ob der viel zitierte gemeinsame Weg tatsächlich der richtige ist. Zum Beispiel bei Martin Harnik. Der 28-Jährige ist schnell, das ist seine große Stärke. Dieser sieht er sich in Zornigers System, in dem es zugeht wie auf einer Treibjagd, aber beraubt. Der ­Angreifer sitzt nur noch auf der Bank.

­Ursprünglich wollte Sportvorstand Robin Dutt von Harnik bis Ende September ein Signal, wie er sich seine Zukunft nach Ablauf seines Vertrages zum Saisonende vorstellt. Angesichts der sportlichen Lage hat man sich vertagt. Es braucht im Moment viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass Harnik den Kontrakt verlängert – zumal es sich um seinen vielleicht letzten großen Vertrag ­handelt, wie er selbst sagt.

Man kann es auch positiv sehen

Daniel Didavi (25) ist der Nächste, von dem sich Dutt die baldige Auskunft erhofft, auf dem Wasen weiterzumachen. Bayer Leverkusen wollte für den Mittelfeldspieler trotz eines 2016 auslaufenden Vertrags vor kurzem 15 Millionen Euro auf den Tisch legen. Da hatte der VfB aber schon die ersten zwei Spiele verloren, also sagte Dutt Nein.

Auch wenn Zorniger davon ausgeht, dass der VfB seinem Profi Didavi einen neuen Vertrag anbietet, „mit dem er weiter ein gutes Auto fahren kann“ – am Ende der Saison wird der notorisch erfolglose Bundesligist seinen Chefstrategen im Mittelfeld wohl ablösefrei ziehen lassen müssen. Zorniger: „Auch dann wird sich die Welt beim VfB weiterdrehen.“ Nur dann wohl auch ohne Filip Kostic, der seine Abwanderungsgelüste am deutlichsten artikuliert hat.

Der 22-Jährige sieht sich sportlich mindestens gut genug für einen Verein wie den FC Schalke, der ­unlängst 25 Millionen Euro im Köfferchen bereithielt. 15 Millionen Euro stehen für ­Daniel Ginczek im Raum – gemäß einer Ausstiegsklausel in seinem bis 2018 laufenden Vertrag. Borussia Dortmund ist scharf auf die Dienste des Stürmers, der derzeit an Ladehemmung leidet. Dem 24-Jährigen böte sich die Aussicht auf ein üppiges Gehalt, ein ­tolles Stadion, womöglich die Champions League – wer könnte dem Jungen aus dem Sauerland einen Wechsel verdenken?

Nun lässt sich die Tatsache, dass die Stuttgarter Offensive bei der Konkurrenz hoch im Kurs steht, auch positiv deuten. Spieler des VfB sind endlich wieder begehrt, das gab es lange nicht. Dutt verhehlt gar nicht, dem Werben der Konkurrenz nach Saisonende weitaus offener gegenüberzustehen als noch vor einigen Wochen. „Wir werden versuchen, am Saisonende etwas zu erwirtschaften“, sagt er klar. Auch, weil das Scouting nach wie vor eine offene Baustelle ist und die sportliche Führung sich nicht allein auf künftige Schnäppchen-Jagden verlassen will.

Doch das sind Sorgen von morgen. Aktuell müsse es für Zorniger vor allem darum gehen, die Truppe bei Laune zu halten, findet Dutt. Punkte in Hoffenheim wären da nicht schlecht. Damit der VfB die Kurve kriegt – und der Ausverkauf am Ende vielleicht doch nicht ganz so radikal ausfällt.