Von A wie Anton bis Z wie Zagadou: Eigentlich hätte beim VfB Stuttgart jeder Profi eine Auszeichnung als Spieler der Saison verdient. Unsere VfB-Reporter mussten sich jedoch für je einen Ausnahmekönner entscheiden.
Der VfB Stuttgart hat die beste Saison seit vielen Jahren hinter sich – und eine erstaunliche Entwicklung zudem. Das gilt für das Team und den Club in Summe, aber auch für viele einzelne Spieler. Unser VfB-Reporterteam hat die Weiß-Roten auch in dieser Saison hautnah und überall hin begleitet. Nun, nach dem 34. Spieltag, ist es Zeit, die vergangenen Monate zu bewerten. Und auch die Profis.
Dabei hat jeder unserer VfB-Reporter einen etwas anderen Blick auf das Geschehen. Und jeder hat seinen ganz persönlichen Spieler der Saison.
David Scheu und das Upgrade im VfB-Tor
Der VfB und seine Torhüter, das war in der jüngeren Vergangenheit nicht immer die reine Erfolgsgeschichte. Immer mal wieder kosteten Patzer gleichermaßen Nerven und Punkte, zuletzt gingen der Verein und Florian Müller nach der Relegation 2023 getrennte Wege. Die Nachfolge-Suche zog sich wochenlang, ehe die Leihe von Alexander Nübel vom FC Bayern unter Dach und Fach war. Rückblickend steht fest: Jedes einzelne Telefonat war die Mühen wert, die Fans verfolgen die VfB-Partien seither mit einem fast schon vergessenen Gefühl. Keine mulmige Vorahnung mehr bei hereinfliegenden Flanken, auch nicht bei Distanzschüssen oder hoch pressenden Gegnern – der defensive Ruhepol zwischen den Pfosten ist fast immer Herr der Lage.
Keine Frage, Nübel hatte in seiner glänzenden Saison auch aufsehenerregende Momente. Seine Doppel-Rettungstat im Rückspiel gegen Bayer Leverkusen (2:2) adelte Rekordnationalspieler Lothar Matthäus als „Parade der Saison“. Vor allem aber strahlt der 27-Jährige Souveränität aus, stabilisiert so den gesamten Defensivverbund und findet mit dem Ball am Fuß auch unter Druck den Mitspieler – eine ganz wichtige Fähigkeit im auf Ballbesitz ausgelegten Spielsystem von Trainer Sebastian Hoeneß.
Damit ist Nübel vielleicht nicht der spektakulärste Spieler im spielfreudigen Stuttgarter Offensivensemble – aber ohne Wenn und Aber ein entscheidendes Mosaik, ohne das die jüngste Erfolgswelle undenkbar gewesen wäre. Wie sehr auch das Umfeld nach einem solchen Rückhalt gelechzt hat, zeigt sich längst an den Nübel-Sprechchören selbst nach unscheinbaren Aktionen.
Profitiert haben übrigens beide Seiten voneinander, Nübel ist in Bad Cannstatt wieder in den Bundesliga-Fokus gerückt nach zwei Jahren bei der AS Monaco und zuvor einer Saison auf der Bank beim FC Bayern. Der verdiente Lohn: die EM-Teilnahme, an die sich mindestens ein weiteres Jahr beim VfB auf Leihbasis anschließen wird. Und dann? Der potenzielle Nübel-Nachfolger im VfB-Tor steht in Person von Youngster Dennis Seimen (18) schon bereit. Er wird in große Fußstapfen treten.
Carlos Ubina und der Mann mit dem Magnet im Fuß
Er zieht den Ball an wie kein anderer in der VfB-Mannschaft. Der Sportdirektor Fabian Wohlgemuth vermutet deshalb, dass Angelo Stiller vielleicht doch einen „Magneten im Schuh“ hat. Auf fast hundert Ballkontakte pro Bundesligapartie bringt es der Mittelfeldspieler. Nur Granit Xhaka von Bayer Leverkusen weist auf der Sechserposition etwas mehr Ballkontakte auf. Beide sind für ihre Mannschaften wie ein Metronom, bestimmen mit kurzen und langen Pässen den Rhythmus und das Tempo des Spiels: oft schnell und gelegentlich beruhigend.
Stiller hat sich so auf Anhieb zur Stammkraft entwickelt, als wäre er schon immer im Zentrum des VfB-Geschehens gestanden. Doch der 23-Jährige kam erst nach dem ersten Bundesligaspiel der Saison von der TSG Hoffenheim, um eine Legende zu ersetzen. In Stuttgart wird man Wataru Endo dank seiner Verdienste auch nicht vergessen, aber Stiller spielte von Beginn an so sicher und souverän, dass der zum FC Liverpool abgewanderte Japaner nicht vermisst wurde.
Nun bildet der gebürtige Münchner einen Fixpunkt, um den sich das Spiel dreht. Ins Rotieren ist dabei nur der Gegner gekommen, wenn er versuchte, an den Ball zu gelangen. Bei Stiller nahezu unmöglich. Er scheint über einen Radar im Rücken zu verfügen und bleibt selbst in höchster Bedrängnis ruhig an der Kugel. Weil er vorher schon weiß, wohin der nächste Ball geht und bei einer Passquote von fast 93 Prozent die richtige Option wählt. Stiller ist somit nicht nur das spielerische Herzstück der VfB-Mannschaft, sondern auch deren Vorausdenker – und somit mein Spieler der Saison.
Gregor Preiß und die Magie der vielen Tore
Im Fußball geht es um Tore – um was sonst? Weshalb auch völlig klar ist, wer beim VfB Stuttgart den Titel als Spieler der Saison verdient hat: Niemand anderes als Serhou Guirassy natürlich. Wer 28 Tore in einer Saison erzielt, ist König!
28 Tore. So viele wie die gesamte Mannschaft des 1. FC Köln. Und leider nicht ganz so viele wie Harry Kane, dem am Ende die Torjägerkanone der Bundesliga verdientermaßen gebührt. Er hat aber auch nicht so oft gefehlt wie der Kanonier aus Stuttgart.
Dass Serhou Guirassy aus einer Top-Mannschaft wie dem VfB in dieser Saison noch herausragt, liegt nicht allein an seinen Qualitäten vor dem Tor. Der Guineer ist ein kompletter Stürmer, wie man ihn in der Bundesliga selten sieht. Technisch beschlagen, durchsetzungsstark, mit dem Näschen für die richtigen Positionen und den passenden Laufweg. Unnachahmlich, wie er sich mit dem Rücken in Gegenspieler stemmt, um als Anspielstation Angriffe einzuleiten – und am Ende selbst zu vollenden.
Als er zu Beginn der Spielzeit Rekord um Rekord brach, gab er eines seiner seltenen Einzelinterviews. Zu erleben war ein angenehm ruhiger, reflektiert erzählender Fußballer, dem man gerne abnahm, dass es ihm in seiner Karriere nicht ausschließlich ums Geld und den nächsten hochdotierten Vertrag bei einem x-beliebigen Topclub geht. Die Gewissheit, es aus eigener Kraft und mit dem eigenen Team in die Königsklasse des Fußballs geschafft zu haben, wiegt am Ende vielleicht mehr.
Und wenn nicht? Wenn das Spiel am Samstag doch sein letztes für den VfB war? Bleibt die Erinnerung an einen der besten Stürmer, der je das Trikot mit dem Brustring getragen hat.
Philipp Maisel und der französische Ex-Filou
Wenn es einen Spieler im aktuellen Kader des VfB Stuttgart gibt, der Sven Mislintats Ruf vom Diamantenauge untermauert, dann ist das wohl Enzo Millot. Der französische Youngster wurde 2019 für 1,75 Millionen Euro von Mislintat von der AS Monaco losgeeist. Er ist jetzt schon der zweitteuerste Spieler im Kader der Schwaben, wenn man dem einschlägig bekannten Portal hierfür Glauben schenken mag. 30 Millionen Euro Marktwert attestiert es dem zweifachen Vater, der mit seinen 21 Jahren schon ein Unterschiedsspieler für den VfB Stuttgart ist. Kein Profi ist in Ballbesitz wertvoller für Sebastian Hoeneß als der junge Mann aus Lucé, einem kleinen Ort im Departement Eure-et-Loir in der Nähe von Paris. Weil er alles kann.
Millots Magie entfaltet sich an einem entscheidenden Punkt: Im frühen Aufbau (43 Beteiligungen). Er ist so etwas wie der verbindende Klebstoff zwischen Defensive und Offensive. Das ist im Spiel nicht immer gleich augenscheinlich, aber essenziell für vielversprechende Abschlüsse später im Strafraum durch die Teamkollegen, wie auch seine Passqualität im letzten Drittel (87 Prozent). Niemand beim VfB ist in dieser Statistik besser.
Doppelpässe, Steckpässe, Seitenverlagerungen, perfekt temperierte, aus dem Fußgelenk geschüttelte Flugbälle? Hat Millot alles im Repertoire. Scoring? Sechs Tore und elf Assists in 35 Pflichtspieleinsätzen stehen zu Buche. Doppelsechs, Achterrolle, offensiver Flügel, Zehner, falsche Neun/hängende Spitze? Kann Millot alles spielen. Niemand personifiziert die Entwicklung des Clubs unter Hoeneß mehr als Millot, der noch unter dessen Vorgänger Bruno Labbadia öffentlich abgekanzelt und auf die Tribüne verbannt worden war.
Diese Entwicklung ist natürlich nicht nur allen beim VfB augenscheinlich. Sie lässt Millot auf vielen Notizblöcken auftauchen. Auch auf denen der ganz großen Clubs. Da trifft es sich gut, dass der VfB erst im Januar bis 2028 mit dem Franzosen verlängern konnte. Ein Deal mit Signalwirkung nach innen und nach außen, der zudem noch eine stabile Ablöse garantiert. Wenn der Franzose in diesen Sommer für die Grande Nation wie erwartet an den Olympischen Spielen in Paris teilnimmt, ist das Transferfenster noch über einen Monat geöffnet.
Dirk Preiß und das geisteskranke Schlitzohr
Man lernt ja auch als Reporter nie aus – auch nicht im sprachlichen Sinne. Und so hat die vergangene Saison des VfB nicht nur fußballerisch begeistert, sondern auch lingual den Horizont erweitert. Denn nun ist klar: Ist heutzutage etwas sehr gut, dann ist es nicht mehr „krass“, „genial“ oder womöglich „geil“ – sondern eben „geisteskrank“ oder „übertrieben“. Der Dank für diese Lektion gilt Deniz Undav.
Der Stürmer spricht, wie viele Fans denken – und wurde daher ihr Liebling im weiß-roten Brustring-Trikot. Denn neben den so unterhaltsamen wie authentischen Interviews hat der 27-Jährige ja auch sportlich überzeugt. Gekommen ist er als Leihspieler vom englischen Premier-League-Club Brighton & Hove Albion. Zunächst eher unbekannt, dann auch noch verletzt – danach aber derart durchgestartet, dass auf der Wunschliste der meisten VfB-Fans nun eines ziemlich weit oben steht: der Undav-Verbleib in Stuttgart.
Das Schöne daran: Das deckt sich mit dem Wunschzettel des Nicht-0815-Profis, der vor vier Jahren noch beim SV Meppen kickte. Mit seinen 18 Bundesligatoren und zehn Assists hat Undav gehörigen Anteil am Einzug in die Champions League, hat das sympathische Image des VfB geprägt und es mit einem eher unorthodoxen Stürmerprofil sogar in die Nationalmannschaft geschafft. Kann man mehr erreichen in einem Jahr Stuttgart? Eher nicht. Weshalb Deniz Undav mein VfB-Spieler der Saison ist.
Jochen Klingovsky und die Kunst des Verteidigers
Die Offensive, heißt es in der Sprache des Sports so schön, gewinnt Spiele, die Defensive Titel. Auch diese Weisheit hat der VfB in dieser Saison auf den Kopf gestellt – weil der Erfolg dieser außergewöhnlichen Mannschaft ein Gesamtkunstwerk ist. Jeder Pinselstrich von Trainer Sebastian Hoeneß passte ins Bild, das am Ende lauter strahlende Gewinner zeigte. Und das ohne Waldemar Anton, der die Kunst des Verteidigens liebt und lebt, unvollständig wäre.
Der Kapitän ist der stille Anführer des Vizemeisters. Einer, der vorangeht, mit Leistung, Haltung und Einstellung. Und einer, auf den jederzeit voll Verlass ist. In 33 Spielen kam der Innenverteidiger zum Einsatz (nur einmal fehlte er gelbgesperrt), in 33 Spielen zeigte er eine starke Leistung. Als Dirigent der Abwehr, als Vorkämpfer, als Passgeber. Waldemar Anton hat die beste Saison seiner Karriere abgeliefert.
Was umso erstaunlicher ist, wenn man ein gutes Jahr zurückdenkt. Damals stellte Trainer Bruno Labaddia Waldemar Anton in der Abwehrkette nach rechts. Der Mann, der wie kein anderer dazu prädestiniert ist, Teil des Bollwerks in der Mitte zu sein, sollte plötzlich die Außenbahn hoch und runter rennen. Waldemar Anton versuchte, auch diese Rolle auszufüllen, doch es ist ihm anzusehen gewesen, wie unglücklich er dabei war. Und der Mannschaft geholfen hat diese Umstellung auch nicht. Weshalb Waldemar Anton zu den vielen VfB-Profis gehört, die Sebastian Hoeneß einiges zu verdanken haben. Der Coach hat auch ihn besser, zum Chef einer Topabwehr, zum Nationalspieler und sogar zum EM-Fahrer gemacht. Und zu meinem Spieler der Saison.