Über 1000 Tage war Pellegrino Matarazzo als Trainer des VfB Stuttgart im Amt. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Die Ära Pellegrino Matarazzo ist wenig überraschend zu Ende gegangen. Vom eingeschlagenen Weg darf sich der VfB Stuttgart dennoch nicht abbringen lassen, kommentiert unser Autor Dirk Preiß.

Man kann es im Grunde auf einen einfachen Nenner bringen. Am Ende, nach dem neunten Bundesligaspiel in Folge ohne Sieg, sind Pellegrino Matarazzo und seinen Fürsprechern schlicht die Argumente ausgegangen. Sieglos in der Liga, wieder mittendrin im Kampf gegen den Abstieg, den emotionalen Kick vom Saisonfinale 2021/22 verpuffen lassen, kein Trend in Richtung einer sorgloseren Saison, stockende Entwicklungen einzelner Spieler und der ganzen Mannschaft , kaum mehr Wiedererkennbarkeit im Spielstil – dass sich die sportliche Führung des VfB Stuttgart nun entschieden hat, einen Neustart auf der Position des Cheftrainers zu installieren, ist kein branchenüblicher Schnellschuss. Sondern mittlerweile eine logische Folge.

 

Leider – muss man an dieser Stelle sagen.

Denn das, was der Hire-and-fire-Club des vergangenen Jahrzehnts seit Dezember 2019 umgesetzt hat, hat dem VfB Stuttgart gut getan. Und war dringend notwendig. Ohne diese Stabilität – ein Coach, ein Sportdirektor – wäre der Club bei all den flankierenden vereinspolitischen Stürmen wohl völlig im Chaos versunken. Der VfB hatte sich vor fast vier Jahren einem neuen Weg verschrieben, den ist Pellegrino Matarazzo konsequent mitgegangen und hat damit großen Anteil daran, dass sich das öffentliche Bild des VfB wieder zum Positiveren gedreht hat.

Einigkeit der Führung ist enorm wichtig

Am Ende aber konnte der hoch sympathische und reflektierte Italoamerikaner nicht mehr überzeugen, obwohl die Rahmenbedingungen für seine Arbeit gar nicht so schlecht waren. Stets beschützt von einem loyalen Vorgesetzten und meist abgeschirmt von der Öffentlichkeit musste Matarazzo nicht einmal überbordende Erwartungen des Umfelds erfüllen. Auch hier ist der Realitätssinn längst steter Begleiter. Und auch wenn in diesem Sommer erneut Stammkräfte aus wirtschaftlichen Zwängen abgegeben werden mussten – etwas mehr als Platz 17 sollte mit dieser Mannschaft schon drin sein.

Letztere Erkenntnis hat wohl auch den Kaderplaner Sven Mislintat dazu veranlasst, die oft und erfolgreich demonstrierte Loyalität zu seinem Chefcoach zu überdenken. Am Sportdirektor und den übrigen Entscheidern ist es nun, das zu beweisen, was Standard sein muss in einem stabilen Profifußball-Konstrukt: dass eine Philosophie nicht abhängig ist von einer Person. Das Wichtigste dabei: dass die Führungsebene ob der Fragen der Trainerentlassung und der Nachfolgeregelung nicht in zwei oder mehr Lager zerbricht.

Wie leicht das passieren kann, würde jüngst deutlich, als der neue Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle die Berater Sami Khedira und Philipp Lahm sowie Christian Gentner in neuer Funktion in Mislintats direktem Arbeitsumfeld präsentierte. Der Sportdirektor fühlte sich nicht eingebunden, Wehrle musste sich öffentlich entschuldigen. Die anstehenden Vertragsverhandlungen mit dem Sportdirektor wurden dadurch nicht einfacher.

Nun, da ein tiefer Schnitt erfolgt ist, braucht der VfB Stuttgart Einigkeit der Führungsfiguren – sonst steht bald wieder viel mehr infrage als die Zukunft eines Trainers.