VfB Stuttgart Carlos Gruezo geht es nie schnell genug

Von Thomas Näher 

Hat immer die Nase vorn: VfB-Neuzugang Carlos Gruezo. Foto: Baumann
Hat immer die Nase vorn: VfB-Neuzugang Carlos Gruezo. Foto: Baumann

Mannomann, dieser Kerl gehört in die Formel 1! Bei allem, was Carlo Gruezo tut, legt er ein Höllentempo vor. So ist er in allen Bereichen weiter als andere 18-Jährige – zur Freude des VfB Stuttgart.

Stuttgart - Jens Andrei ist beim VfB der Deutschlehrer. Er hat viele Spieler kommen und gehen sehen, einige haben ihn mit ihrem Sprachgefühl und ihrem Ehrgeiz überrascht, aber Carlos Gruezo setzt eigene Maßstäbe. „Nur Pavel Pardo hat genauso schnell Deutsch gelernt“, sagt Andrei.

Andererseits: Was konnten sie auch anderes erwarten von Carlos Gruezo? Der Junge aus Ecuador hat die Nase vorn, immer und überall, also auch beim VfB. Ihm kann es nie schnell genug gehen. Seit drei Bundesligabegegnungen spielt er neben Kapitän Christian Gentner auf der Doppel-Sechs. „Das ist ein junger Kerl, der sich an viele neue Dinge gewöhnen muss. Aber er entwickelt sich gut und macht große Fortschritte“, sagt Trainer Huub Stevens, „Carlos spielt klar und mit Ruhe am Ball und hilft uns, Stabilität in unser Mittelfeld zu bekommen.“

Auch Fredi Bobic ist voll des Lobes. „Carlos ist sehr aufmerksam und fleißig“, sagt der Sportdirektor über den „Perspektivspieler“, der Ende Januar für 1,5 Millionen Euro vom ecuadorianischen Erstligisten Barcelona SC Guayaquil gekommen war. Zuletzt, beim 2:0 gegen den SC Freiburg, hat er „ein paar schlechte Pässe gespielt“, wie Gruezo selbstkritisch anmerkt. „Aber deshalb bekommt er keine Bauchschmerzen“, sagt Bobic, „dann spielt er einfach den nächsten Pass und versucht, es besser zu machen.“

Getreu seinem Motto: „Ich muss mich immer weiter verbessern, in jedem Training.“

Dabei ist er schon auffallend gut für sein Alter. Und auffallend reif. Mit 14 Jahren war Carlos Gruezo mit einem gleichaltrigen Mitspieler („Aber ohne einen Erwachsenen“) für ein Jahr nach Uruguay gewechselt. Bei Defensor Sporting hat er mit der U 15 und U 16 trainiert, spielen durfte er nicht, „aber die Zeit hat mich menschlich unheimlich weitergebracht“. Da hat Gruezo gelernt, „auf eigenen Beinen zu stehen und nicht von meinen Eltern abhängig zu sein“.

In der U-16-Meisterrunde in Ecuador war er, damals noch als Stürmer, mit 26 Treffern in 36 Spielen Torschützenkönig. Bei der U-17-WM in Mexiko hatte Ecuador Personalnot im Mittelfeld, seither spielt er dort. Mit 17 hat er bereits Erfahrung in der Copa Libertadores, der südamerikanischen Champions League, gesammelt. Jetzt ist er 18, beim VfB – und zweifacher Vater. Denn auch privat ist Carlos Gruezo von der ganz schnellen Truppe. Vor zwei Jahren brachte seine Verlobte Maria José die Tochter Danielis Juliet zur Welt, vor fünf Wochen folgte Söhnchen Jhaojan Jhoao. Papa Carlos kennt den Kleinen („Er wird auch mal VfB-Profi“) nur von Bildern. Das sei sehr schade, sagt er, „aber es gibt Momente im Leben, in denen man Entscheidungen treffen muss“. Zum Beispiel, nach Europa zu gehen, wenn der VfB ruft. „Jeder Profi in Südamerika will das. Für mich ist ein Traum wahr geworden. Aber damit gebe ich mich auf keinen Fall zufrieden“, sagt Carlos Gruezo, „ich bin nach Stuttgart gekommen, um hier meine eigene Geschichte zu schreiben“. Dass er sein Startelfdebüt gegen Borussia Dortmund gefeiert hat, findet er witzig. Vor zwei Jahren hatte er ein Angebot vom BVB, ein anderes vom 1. FC Köln: „Seither habe ich mich sehr hart auf die Bundesliga vorbereitet.“

Keine Frage: Jetzt ist er bereit. Er hat sich akklimatisiert. Mit seinem ecuadorianischen Führerschein, den er bis in sechs Monaten ummelden muss, düst er durch Stuttgart, als kenne er nichts anderes. Er hat die schwäbische Küche („Kässpätzle“ und „Linsen mit Spätzle“) schätzen- und als gläubiger Christ zusammen mit Cacau einen brasilianischen Gottesdienst kennengelernt. Außerdem sucht er eine größere Wohnung für seine junge Familie, die im Sommer nachkommen soll. Wobei – wenn sein Lebensplan aufgeht, ist er dann mit Ecuador bei der WM in Brasilien. „Das sind die Opfer, die man bringen muss, wenn man seine Träume verfolgt“, sagt Carlos Gruezo. Er hat schon viele Opfer gebracht. Dafür haben sich für ihn auch schon viele Träume erfüllt.

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